Freispruch mit Zähneknirschen
Obdachlosen beraubt und geschlagen

Symbolbild: dpa

Erst wurde das Opfer beraubt. Dann zertrümmerte man ihm das Jochbein. Der Prozess vor dem Schöffengericht endete trotzdem mit Freispruch.

Seit Jahren schon dient ein ehemaliges Lokal in der Altstadt als Unterkunft für Leute, die anderswo keine Bleibe finden. Dort soll sich im September 2014 ein Verbrechen abgespielt haben, für das die Staatsanwaltschaft einen 30-jährigen Übersiedler aus Kasachstan auf die Anklagebank brachte.

Im Vorfeld hatten Ermittlungsbehörden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Geschehnisse aufzuklären. Doch sie scheiterten, wie jetzt vor dem Schöffengericht klar wurde,an Winkelzügen, die sich hinter den Kulissen abspielten.

Im September vorvergangenen Jahres war ein 34-Jähriger aus Lettland im Klinikum aufgetaucht. Er bat um Hilfe und brauchte sie auch. Der Mann hatte schwere Gesichtsverletzungen, außerdem wurden ein Jochbeinbruch und Blutergüsse am Oberkörper festgestellt. Deswegen erschien die Kripo an seinem Krankenbett und hörte, dass der aus dem Baltikum stammende Patient angeblich in Bahnhofsnähe von drei Unbekannten überfallen, ausgeraubt und so misshandelt worden war, dass er in tiefe Bewusstlosigkeit fiel.

Fahnder ermittelten: Die Angaben konnten nicht stimmen. Also vernahmen sie den 34-Jährigen erneut. Er änderte seine Version und sagte, dass der Überfall in dem ihm zugewiesenen Zimmer eines ehemaligen Lokals in der Altstadt geschah. Der Täter war offenbar ein damals 29-Jähriger.

In den Protokollen stand: "Er kam, nahm mir Handy, Pass und Zimmerschlüssel ab." Schon dabei soll es heftige Hiebe gesetzt haben. In der gleichen Nacht sei der Mann noch einmal zurückgekehrt und habe zugeschlagen. Die Folge: schwere Gesichtsverletzungen, Jochbeinbruch und Blutergüsse, hervorgerufen durch massive Tritte. Die Kripo veranlasste eine dritte Vernehmung. Sie fand Wochen später in Anwesenheit einer Staatsanwältin statt. Ergebnis diesmal: Der Mann aus Lettland wollte zwischenzeitlich alle Animositäten geklärt und die Beute zurückerhalten haben. Er weigerte sich, das Protokoll zu unterschreiben und sagte: "Bei Gericht werde ich sagen, dass ich ihn nicht kenne." Daraufhin keimte der Verdacht auf, dass der Lette massiv unter Druck gesetzt worden war. Nicht lange darauf verschwand er. Nachforschungen erbrachten: "Er ist allem Anschein nach wieder in seinem Heimatland." Genaues aber weiß man nicht. Nun sollte wegen räuberischer Erpressung, Raub und gefährlicher Körperverletzung gegen den Übersiedler verhandelt werden. Doch seinerzeit war die Verhandlung ausgesetzt worden, um nach dem Verschollenen zu fahnden. Interessant: Damals war ein Zeuge erschienen, der Gesichtsverletzungen aufwies. Sein Argument: "Ich bin auf der Herfahrt gestolpert."

Wir wissen, dass der Mann übel zugerichtet wurde. Mehr nicht.Richter Markus Sand

Der Angeklagte schwieg damals, er tat es auch jetzt. Damit war eine Situation geschaffen, die der Justiz keinerlei Handlungsraum ließ. Mit fast schon hörbarem Zähneknirschen musste Staatsanwalt Oliver Wagner Freispruch beantragen. "Weil der Hauptbelastungszeuge fehlt und damit keine Beweisführung möglich ist", argumentierte er.

Dieser Ansicht war auch Verteidiger Michael Schüll (Amberg). Der geforderte Freispruch wurde von dem unter Vorsitz von Markus Sand tagenden Schöffengericht ins Urteil geschrieben. Polizeibeamte führten den Übersiedler zurück in seine Gefängniszelle. Dort sitzt er eine Freiheitsstrafe in anderer Sache ab. Ein weiterer Prozess gegen ihn ist noch in diesem Monat vor dem Landgericht terminiert.
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