Glosse
Runter vom hohen Rad

(Foto: dpa)

Die E-Mail an die Redaktion kritisiert, dass man sich dort "offensichtlich gegen das Gendern in Texten entschieden" habe. Absender: ein Mann. Der sich wundert, warum diese Handhabung, also der Verzicht auf geschlechterspezifischen Sprachgebrauch, nicht einmal die Frauen in der Redaktion "stutzig werden" lässt.

Stutzig nicht. Aber richtig sauer. Wieder so einer aus der "/-innen"-Fraktion, der meint, die Gleichberechtigung werde durch zwei Buchstaben erreicht. Ob er auch an den Weihnachtsmann glaubt? Oder sogar an Frau Santa? Die Amis sind uns da nämlich wieder mal meilenweit voraus. Sie gendern sogar weihnachtlich. Glücklicherweise brauchen die Mädels in der Redaktion keine Nikoläusin. Ihnen ist der Osterhase lieber. Und früher war eh mehr Lametta.

Früher, also vor fast 30 Jahren, gab es auch schon diese dämliche Salzstreuer(-innen)-Debatte. Damals in Amberg von einer SPD-Vertreterin hochgeradelt: Ui, jetzt ist doch glatt ein "-in" durchgerutscht. Aber das zeigt, wie die Redaktion tickt: gelassen-emanzipiert. Das zwangsweise angehängte "-in", wenn es um beide Geschlechter geht, ist nicht nur umständlich, sondern einfach albern. Die wirklich gleichberechtigte Frau braucht kein Anhängsel: keine Vorgabe vom Chef, sondern schlichtweg eine weiblich-selbstbewusste Meinung zu diesem Thema.

Aber zurück zur Politikerin. Die hatte sich vehement über die Markierung auf Radwegen aufgeregt: mit dem Symbol eines Stangenrads. Damit ist die sportliche Frau aus der Redaktion schon immer gern gefahren. Der Chef dagegen will jetzt auf ein Damenmodell umsteigen. Weil man besser runterkommt, wie er ganz emanzipiert zugegeben hat. So läuft das mit dem Gendern in der Redaktion.

heike.unger@zeitung.org
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