Hinter den Kulissen der Tafeln in Amberg und Weiden
Scham und Armut

Bedürftige stehen an der Essensausgabe der Amberger Tafel an. Viele sind Langzeitarbeitslose oder Senioren, die auf Grundsicherung angewiesen sind. Oft schämen sie sich für ihre Situation. Bild: Steinbacher
 
Bernhard Saurenbach, Vorsitzender Amberger Tafel: "Viele kommen nur noch an Nebenjobs. Die seh' ich, bis die tot sind."
 
Josef Gebhardt, Vorsitzender der Weidener Tafel: "Wir brauchen auch Beschäftigung für sehr gering qualifizierte Leute."

Manche Oberpfälzer können ihr Leben nicht mehr alleine meistern. Häufige Gründe sind Arbeitslosigkeit oder Trennung. Wer ganz unten ist, schämt sich, schweigt und zieht sich aus dem Leben zurück - und dann wird auch für andere das Helfen schwer.

Weiden/Amberg. In Amberg regnet es und es ist kalt. Dicht gedrängt stehen Menschen unter einem provisorischen Pavillon in der Sulzbacher Straße. Nicht einmal die Hälfte von ihnen ist angemessen angezogen. Keiner hat einen Schirm. Einige stehen schon eine halbe Stunde und trotzen der nassen Kälte.

Bis die Lebensmittelausgabe der Amberger Tafel öffnet, dauert es noch etwas. "Wenn man zu spät kommt, gibt es nichts mehr", sagt einer von ihnen. Er kommt aus Rumänien und ist heute mit seiner Frau da. "Ich habe 23 Jahre in Deutschland gearbeitet. Ich bin zufrieden. Aber das Geld reicht eben nicht."

Vermittlung ist schwierig


Die Tafelgänger sind Witwen, alleinerziehende Mütter und Rentner, die auf Grundsicherung angewiesen sind. Etwa die Hälfte der Tafelgänger sind Langzeitarbeitslose. Josef Gebhardt ist in Weiden langjähriger Vorstand der Tafel. Er hat Erfahrung und kennt die Bedürftigen gut: "Die Leute haben nur eine geringe oder keine Ausbildung", sagt er: "Sie könnten zum Teil nicht richtig lesen. Da steckt die ganze Problematik." Als etwa in der Region Weiden die Arbeitsplätze in der Porzellan- und Glasindustrie weggefallen waren, seien viele von diesen Menschen nicht mehr untergekommen. Zum Elend kämen oft noch Scheidung oder Trennung hinzu. "Dass wieder mehr Arbeitsplätze entstehen, hilft uns hier nur teilweise", erläutert Gebhardt. "Wir brauchen auch Beschäftigung für sehr gering qualifizierte Leute!"

Irmgard Buschhausen hat heute in Amberg die Leitung bei der Essensausgabe. Der Reihe nach winkt sie die Menschen aus dem Regen und hinein in die engen Räume, in denen viele ehrenamtliche Helfer Lebensmittel aufgestapelt haben. Jetzt werden sie nach und nach an eine lange Schlange Bedürftiger verteilt.

Buschhausen ist es wichtig, die Tafelgänger als Menschen mit einer jeweils eigenen Geschichte zu sehen. Viele von ihnen kennt sie persönlich. Die Arbeitslosigkeit sei oft gesundheitlich bedingt, erklärt sie. Einige hätten auch ihre Ausbildung in Deutschland nicht anerkannt bekommen. Manche hätten schwere Schicksalsschläge erlitten. "Da ist zum Beispiel ein Kind gestorben", erzählt Buschhausen. "Da kam das Familiengefüge ins Wanken."

Viele schämen sich


Bernhard Saurenbach ist Vorsitzender der Tafel in Amberg und "Ländervertreter Nordbayern" des Bundesverbands Deutsche Tafeln. Er ist verantwortlich für 52 Tafeln in Franken und der Oberpfalz. Saurenbach sitzt in seinem bescheidenen Büro im hinteren Teil der Amberger Tafel. Dort sammelt er Daten und Unterlagen über die Tafelgänger und bereitet seine Präsentationen vor, die er immer wieder vor Verbänden der Region hält. Er beschäftigt sich mit dem Schicksal der Menschen, auch weil es für sie eigentlich keine richtige Interessenvertretung gibt, findet er. "Bevor die Leute kommen, brauchen sie etwas Zeit", sagt Saurenbach. Sie würden um die Tafel herumschleichen. Wenn sie dann merkten, dass sie etwas sparen könnten, seien sie dankbar. Die gleiche Erfahrung hat auch Josef Gebhardt gemacht: "Die Leute schämen sich. Für ihre Situation und dafür, dass sie sich nicht mehr selbst helfen können." Hilfe anzunehmen, falle vielen schwer.

Besonders schwierig sei es für Witwen, erklärt Saurenbach. Die 60 Prozent Witwenrente führe dazu, dass diese Frauen oft Grundsicherung beantragen müssten. "Die schämen und beklagen sich: ,45 Jahre hat mein Mann gearbeitet, es kann doch nicht sein, dass ich jetzt beim Staat Bittsteller sein muss.'" Bei alleinerziehenden Müttern sei die Armut programmiert: "Heute trennt man sich leichter als früher, dann fallen sie in ein tiefes Loch", sagt Saurenbach.

Menschen jeden Alters


Männer und Frauen jeden Alters packen sich Lebensmittel in ihre Körbe. Martin Berkahn etwa ist seit zehn Jahren arbeitslos. Er ist herzkrank, erzählt er. Seinen handwerklichen Beruf konnte er nicht mehr ausüben. Er hat umgeschult: "Aber im Büro findet man ja leider nichts." Jemand anderes holt Lebensmittel für die Nachbarin, die zu 70 Prozent behindert ist. Eine ältere Frau kommt für ihren Mann, der selbst nicht mehr gehen kann. "599 Euro Rente bekommen wir", gibt sie an. Die Grundsicherung hätten sie mit Hilfe eines Anwalts einklagen müssen.

Auch eine alleinerziehende Mutter steht in der Schlange. Sie sei in Elternzeit und habe drei Kinder. "Ich hab' ein dreiviertel Jahr am Samstag Zeitungen ausgetragen. Die Kinder haben mitgeholfen." Eine Ausbildung hat sie bisher nicht gemacht. "Mein Leben verlief nicht so gut", sagt die 29-Jährige. Nächstes Jahr will sie das nachholen. Am liebsten würde sie medizinische Fachangestellte werden. "Ich glaube an Gott, und ich bin der festen Zuversicht, dass ich das schaffe."

Jobcenter wollen helfen


Gerne würden die Jobcenter auch mehr machen, merkt Helmut Fiedler an. Der DGB-Mann ist Vorsitzender im Verwaltungsausschuss der Weidener Arbeitsagentur. Es fehle aber an Geld: Immer wenn ein Arbeitsloser vermittelt werde, würden der Agentur die Mittel entsprechend gekürzt. Es blieben diejenigen übrig, die teuere Betreuung brauchten.

Bernhard Saurenbach bemerkt, viele Menschen seien in ihrem Elend gefangen. "Zwei bis drei Jahre arbeitslos sein, das geht aufs Gemüt und auf die Gesundheit. Die Leute ziehen sich zurück, die können sich die Gebühr für Vereine nicht mehr leisten und nicht mehr mit Freunden weggehen."

Oft sei das Problem die mangelhafte Ausbildung. Er hat einmal anonym die Beschäftigungen einiger Arbeitssuchender erhoben: "Viele kommen nur noch an Nebenjobs", erzählt er. "Die arbeiten zum Beispiel als Küchenhilfe in der Pizzeria, verkaufen im Zug Getränke oder gehen Schneeräumen. Die bekommen auch keine Ausbildung mehr. Die seh' ich, bis die tot sind."

Die Tafeln im Internet:

Tafel Amberg

Tafel Weiden/Neustadt

Tafel Schwandorf

Tafel Mitterteich

Viele kommen nur noch an Nebenjobs. Die seh' ich, bis die tot sind.Bernhard Saurenbach, Vorsitzender Amberger Tafel


Wir brauchen auch Beschäftigung für sehr gering qualifizierte Leute.Josef Gebhardt, Vorsitzender der Weidener Tafel

Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.