Inklusion: Schulbegleiter sind meist die einzige Chance auf schulische Normalität
"Ein Gewinn für uns alle"

Bild:dpa

Gleichberechtigung, Normalität und Akzeptanz - all das wünschen sich Eltern geistig und körperlich behinderter Kinder. Dazu gehört auch der Besuch an einer Regelschule. Das Konzept "Schulbegleitung" macht das nun in vielen Fällen möglich.

Auf den ersten Blick fällt Luca nicht auf. Er sitzt – wie alle anderen Kinder - an seinem Pult in einem bunt dekorierten Klassenzimmer in der Dreifaltigkeits-Grundschule in Amberg. Neben ihm steht seine Schultasche, vor ihm liegt ein Rechenblatt, an dem er konzentriert arbeitet. Das Einzige, was auffällt, ist die erwachsene Frau, die neben ihm sitzt. Ihr Name ist Gabriele Heindl. Sie ist 54 Jahre alt und Lucas Schulbegleiterin.

Luca besucht die erste Klasse. Seit seiner Geburt leidet der 6-Jährige an der sogenannten Glasknochenkrankheit und ist deshalb auf einen Rollstuhl angewiesen. „Ich bin sehr gerne in der Schule. Am schönsten finde ich die Fächer Religion, Handarbeiten und Rechnen“, erzählt der Erstklässler mit einem Lächeln auf den Lippen. Schon nach kurzer Zeit mit ihm bemerkt man, dass er ein sehr aufgeweckter und humorvoller Junge ist, der sich für die gleichen Dinge wie alle anderen Kinder in seinem Alter interessiert – er ist ein großer Fan von Action-Superhelden-Figuren und verbringt die Schulpausen liebend gerne mit seinen Klassenkameraden. Ohne Schulbegleitung wäre all das nicht möglich, denn Luca ist in vielen Situationen auf die Hilfe von Gabriele Heindl angewiesen.


Seit einem Jahr begleitet Gabriele Heindl den 6-jährigen Luca Penkert täglich in die Dreifaltigkeits-Grundschule in Amberg. Ohne ihre Hilfe wäre für den Schüler, bei dem die Glasknochenkrankheit diagnostiziert wurde, der Besuch einer Regelschule nicht möglich. Bilder: juh

„Ich habe im Vorfeld gar nicht gewusst, dass es diese Möglichkeit gibt, bis die Mama von Luca Kontakt mit mir aufgenommen hat“, erklärt Gabriele Heindl. Sie ist gelernte Kinderpflegerin, später hat sie als Tagesmutter gearbeitet. Den Entschluss, die Stelle anzunehmen, fasste sie schnell: „Vor allem, nachdem ich Luca kennengelernt und wir uns auf Anhieb so gut verstanden haben. Es ist einfach eine interessante und schöne Tätigkeit.“ Vor Schulbeginn traf sie sich mehrmals mit Andrea Penkert, der Mutter von Luca. Sie zeigte der 54-Jährigen, wie sie mit Luca und dem Rollstuhl umgehen muss und wie sie ihn am besten hebt und anzieht. Doch die Möglichkeit, eine Schulbegleitung einzusetzen, um Kindern mit körperlicher oder geistiger Behinderung den Besuch einer Regelschule zu ermöglichen, besteht noch nicht lange.

Normalität im Schulalltag


Der Erfolg des Konzeptes "Schulbegleitung" ist bei Luca deutlich zu erkennen. Die 23 Schüler der ersten Klasse der Dreifaltigkeits-Grundschule haben einen Sitzkreis gebildet. Luca sitzt in seinem Rollstuhl neben zwei Klassenkameraden. Gabriele Heindl sitzt hinter ihm, um sofort eingreifen zu können, wenn Luca etwas braucht. „Ich stelle jetzt eine Kiste mit verschiedenen Sachen in unsere Mitte, und ihr könnt die Gegenstände aus der Kiste holen und der Klasse vorstellen, wenn ihr sie erkennt“, erklärt die Klassenlehrerin, die namentlich nicht genannt werden möchte, und ermuntert die Schüler zum Mitmachen. Sofort arbeitet Luca engagiert mit, meldet sich und wird aufgerufen. Das ist das Stichwort für die 54-jährige Schulbegleiterin – sie schiebt Luca zu der Kiste in der Mitte des Sitzkreises und greift nach dem Gegenstand, den Luca auswählt. Schnell wird deutlich, dass Gabriele Heindl und Luca ein gut eingespieltes Team sind – alles läuft reibungslos, absolute Normalität.

„Jetzt gehen alle wieder zurück auf ihren Platz. Wir lernen heute den Buchstaben H. Um zu üben, malen wir den Buchstaben mit dem Finger auf den Rücken unseres Nachbarn“, erklärt die Klassenlehrerin. Ganz vorsichtig schreibt das dunkelhaarige Mädchen links von Luca „H“ auf seinen Rücken. „Sie wissen, dass sie auf Luca aufpassen müssen und ihn nicht zu fest berühren dürfen, und das beachten wirklich alle seiner Mitschüler“, erklärt die Klassenlehrerin später im Gespräch.

Um 9.30 Uhr ertönt die Schulklingel und läutet zur großen Pause ein – ein weiterer Einsatz für die gelernte Kinderpflegerin. Sie zieht Luca warme Kleidung an und befestigt den Haltegurt am Oberkörper des 6-Jährigen - „damit Luca nicht nach vorne überkippt“.


Luca verbringt seine Pausen gerne auf dem Schulhof.

Schnell bildet sich eine Traube von Mitschülern um die beiden. Der Erstklässler hat großen Spaß und genießt es sichtlich, mit den anderen Kindern zu lachen und Scherze zu machen.

Die ganze Pause über verschwindet das Lächeln auf seinem Gesicht nicht. Für seine Mitschüler ist Luca einer von ihnen. Es ist ganz normal, dass er in alle Aktivitäten mit eingebunden wird, auch wenn er körperlich eingeschränkt ist. „Das war schon von Anfang an so.

Luca wurde sofort in der Gemeinschaft aufgenommen, es war für die Kinder selbstverständlich. Sie sehen ihn nicht als ‚anders‘, sie sehen ihn als einen von ihnen“, betont die Klassenlehrerin.

„Die Pausenhofbetreuung für Luca ist eine meiner Aufgaben als Schulbegleiterin“, erklärt Gabriele Heindl. Ihr Tätigkeitsbereich beginnt jedoch schon einige Stunden vorher. Morgens holt sie Luca, der nur wenige Querstraßen von ihr entfernt wohnt, von zu Hause ab und bringt ihn in die Schule. „Für uns wurde extra ein Tor in den Zaun eingebaut, sodass wir nicht um das ganze Schulgebäude gehen müssen, sondern über den Pausenhof in unser Klassenzimmer kommen“, freut sich Gabriele Heindl. Danach hilft sie Luca, seine Jacke, Mütze und Handschuhe auszuziehen und legt noch vor Unterrichtsbeginn Stifte und die Hausaufgaben des Erstklässlers bereit. Auf Grund es Rollstuhls ist Luca auch bei Toilettengängen auf Gabriele Heindl angewiesen. „Manchmal kommt es vor, dass ich ihn zum Beispiel im Fach Handarbeit helfe, wenn er etwas schneiden muss und das zu schwer für ihn ist. Es gibt immer solche Situationen, aber genau dafür bin ich ja auch da“, erklärt die 54-Jährige. Nach Unterrichtsende bringt sie Luca wieder nach Hause.

Eigenständigkeit fördern


Eine Sache ist der Schulbegleiterin bei der Betreuung von Luca besonders wichtig: „Ich achte immer darauf, dass Luca so eigenständig wie möglich agiert. Alles, was er kann, soll er selbstständig machen. Er will aber auch vieles selber machen, genau wie die anderen Kinder.“ Im Großen und Ganzen kann man die Tage vom Ablauf her gesehen miteinander vergleichen, wobei immer eine unerwartete Aufgabe auftreten kann, erzählt sie.

An ihrer Tätigkeit macht der 54-Jährigen, die selbst zwei Söhne hat, der Umgang mit Kindern und die Tatsache, dass ihr Beruf sehr abwechslungsreich ist, am meisten Spaß. Aber es gibt auch schwierige Situationen. „Ich habe immer ein bisschen Angst, dass etwas mit Luca passiert. Man muss einfach besser auf ihn aufpassen, als auch andere Kinder. Natürlich ist er ein ganz normales Kind – nur, dass er eben besondere Knochen hat“, betont die Schulbegleiterin.

Das Berufsbild „Schulbegleiter“ bewertet sie ausnahmslos positiv: „Ich habe bisher wirklich noch keine Nachteile an dem System erkannt, weder von Seiten der Schule, noch von staatlicher Seite. Wir werden so gut es geht unterstützt.“ Doch auch Lucas Mitschüler, da ist sich Gabriele Heindl sicher, profitieren davon, dass der 6-Jährige die Klasse besucht, denn so können sie ein normales Verhältnis und Akzeptanz gegenüber einem körperlich behinderten Menschen aufbauen.

Doch es war nicht immer klar, dass sich Lucas‘ schulische Laufbahn so positiv entwickelt. „Die Schulbegleitung ist für uns enorm wichtig. Wir wollten einfach, dass Luca eine normale Schule besucht. Hätten wir keine Schulbegleitung, müsste er eine Förderschule besuchen“, erklärt Andrea Penkert, die Mutter des 6-Jährigen. Im Vorfeld informierte sie sich bei einem Beratungsgespräch in der Lebenshilfe über schulische Möglichkeiten für ihren Sohn. Michaela Winklmeier erklärte ihr, welche Anträge sie stellen muss, um eine Schulbegleitung für Luca genehmigt zu bekommen. „Wir hatten großes Glück und keine Probleme mit dem Antrag beim Bezirk Oberpfalz.


Andrea Penkert (links) ist froh über die Unterstützung von Gabriele Heindl (rechts). Sie stehen in regelmäßigem Kontakt, um sich über Lucas Schulalltag auszutauschen.

Andrea Penkert steht im regelmäßigen Kontakt mit der Schule ihres Kindes. Dabei handelt es sich hauptsächlich um einen Austausch darüber, ob alles gut funktioniert – auch Probleme können angesprochen werden. „Sowohl die Schulleitung der Dreifaltigkeits-Grundschule, als auch die Klassenlehrerin bemühen sich extrem, Luca so gut es geht zu unterstützen. Wir hatten großes Glück “, freut sich Andrea Penkert. Um den Ansprüchen eines gehbehinderten Kindes gerecht zu werden, baute die Schule eine Rampe, sodass Luca keine Treppen bewältigen muss. Außerdem wurde ein höhenverstellbarer Schreibtisch für den 6-Jährigen angeschafft, der bei der Stadt Amberg beantragt werden musste. Für den Fall, dass sich Luca zwischen den Unterrichtsstunden ausruhen muss, steht ihm ein Ruheraum mit Liege zur Verfügung.

„Ich habe bislang ausschließlich positive Erfahrungen mit dem Konzept ‚Schulbegleitung‘ gemacht. Uns wurden dadurch so viele Dinge ermöglicht, vor allem Luca“, zeigt sich Andrea Penkert begeistert. Im Vorfeld hatte sie große Angst, dass ihr Sohn von den Mitschülern nicht richtig aufgenommen oder ausgeschlossen werden könnte. „Ich kann mich noch an den ersten Schultag erinnern. Ich habe ganz nervös gewartet, bis Luca und Gabi von der Schule nach Hause kommen. Als er dann kam, strahlte er über beide Ohren, weil es ihm so gut gefallen hat“, lächelt die Ambergerin.

Einem anderen Ereignis ist es zu verdanken, dass auch heute noch Freudentränen in ihre Augen treten, wenn sie sich daran zurück erinnert. Alle Schüler der Dreifaltigkeitsschule versammelten sich zu einem gemeinsamen Weihnachtsgottesdienst. Lucas‘ Klasse hatte etwas ganz besonderes vorbereitet: „Sie standen alle mit selbstgebastelten Lichtern am Altar und haben Weihnachtslieder gesungen, und mitten unter ihnen war Luca. Es war so schön zu sehen, dass es ihm so gut geht, dass er sich in der Klasse so wohl fühlt und vollkommen integriert ist.“

Großer Einsatz für kleinen Mann


All das wäre nicht möglich, ohne den enormen Einsatz des Schulpersonals der Dreifaltigkeits-Grundschule. „Es war von Anfang an klar, dass Luca eine Lernbegleitung braucht. Und die ermöglichen wir ihm sehr gerne“, betont Gisela Prüll, Direktorin der Dreifaltigkeits-Grundschule. Für sie war es auch eine neue Erfahrung, die sie mit Spannung erwartete: „Ich wusste auch nicht, was auf die Lehrer und mich zukommt.“


Gisela Prüll, Leiterin der Dreifaltigkeits-Grundschule in Amberg, setzt sich sehr dafür ein, dass an ihrer Schule Inklusion vorangetrieben wird. Bild: Hartl

Noch vor Schulbeginn besuchte Andrea Penkert das Schulpersonal, um ihnen zu erklären, wie sie mit Luca umgehen können und auf was sie achten sollen. „Ich bin so froh, dass alles so gut gelaufen ist. Bislang gab es keinerlei Probleme“, freut sich Gisela Prüll. Luca ist, das betont die Direktorin mehrmals, ein großer Gewinn, sowohl für seine Klasse, als auch für die komplette Schule. Ein Gewinn zum einen für das Sozialverhalten der anderen Kinder, zum anderen durch sein sonniges Gemüt und seine positive Ausstrahlung. „Er ist höchst motiviert und sozial ganz toll integriert“, erklärt die Schulleiterin.

Für das Gelingen des Konzepts „Schulbegleitung“ ist zudem die „Chemie“ zwischen Lehrerin und Begleiterin enorm wichtig. Akzeptanz und Austausch spielen in dieser Beziehung eine äußerst wichtige Rolle. „Am Anfang war es schon komisch, dass eine andere erwachsene Person mit im Klassenzimmer ist, aber jetzt bemerke ich es gar nicht mehr. Wir harmonisieren sehr gut miteinander, das hat sich sehr schnell eingespielt“, erklärt Lucas‘ Klassenlehrerin. „Ausschließlich positiv“ bewertet sie den Einsatz von Gabriele Heindl. In der ersten Schulwoche unterhielt sie sich mit der Klasse über den Zustand des 6-Jährigen und klärte sie über die Verhaltensregeln ihm gegenüber auf. „Von Anfang an hatten sie überhaupt keine Hemmschwelle, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Das ‚Anders-Sein‘ spielt gar keine Rolle“, betont die Lehrkraft.

Die Dreifaltgkeits-Grundschule ist auch in Zukunft bereit, das Konzept „Inklusion“ zu unterstützen und Schüler mit Schulbegleitungen aufzunehmen. „Die Grundvoraussetzung, damit alles funktioniert, ist die enge Zusammenarbeit zwischen Eltern, Lehrpersonal und der Schulbegleitung. Wir freuen uns auf die Zukunft“, betont Gisela Prüll.

Entstehung des Berufsbilds „Schulbegleitung“


Das Berufsbild Schulbegleiter, oder auch Integrationshelfer genannt, geht auf die 80er Jahre zurück. Zu dieser Zeit wurde eine Unterstützung von Kindern mit Behinderung eingeführt. Diese wurde zunächst als „Übernahme grundpflegerischer Leistungen zum Ermöglichen des Schulbesuchs“ installiert. „In den 1990er und 2000er wurde der Bereich immer mehr ausgebaut. Bis heute steigt die Zahl der Schulbegleiter und liegt im manchen Kommunen schon im dreistelligen Bereich“, erklärt Michaela Winklmeier, Verwaltungsleiterin der Lebenshilfe Amberg. Die Tätigkeit der Integrationshelfer hat sich regional und historisch entwickelt. Deshalb existiert kein bundesweiter Standard.

Die Zuständigkeit im Bereich „Schulbegleitung“ liegt in Bayern bei den Bezirken. „Der Bezirk Oberpfalz – Sozialverwaltung hat am 08.11.2000 erstmals Kosten für Schulbegleiter im Rahmen der Eingliederungshilfe nach dem Bundessozialhilfegesetz übernommen“, erklärt Günter Bonack vom Bezirk Regensburg. Grund dafür war die schwere Behinderung und der individuelle Pflegebedarf einzelner Schüler.

Schulbegleiter unterstützen Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen und seelischen Erkrankungen im schulischen Alltag, sowohl an Regelschulen, als auch an Förderschulen. Dabei orientieren sie sich an den individuellen Bedürfnissen des Kindes mit sonderpädagogischem Förderungsbedarf. Diese Bedürfnisse können im Kontext Lernen, Verhalten, Kommunikation, medizinische Versorgung und Alltagsbewältigung liegen. Der Schulbegleiter soll im schulischen Lebens- und Lernumfeld eine Unterstützung für einen bestimmten Schüler sein, sodass dieser am Unterricht teilnehmen kann.

Im Jahr 2009 wurde die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Sie besagt, dass alle Kinder mit und ohne Behinderung ein gleiches Recht auf Bildung und Erziehung haben. Dieses Dokument stellt eine Art „Meilenstein“ für die Entwicklung eines funktionierenden Inklusionskonzeptes dar. „Vor allem die UN-Behindertenrechtskonvention und der immer lauter werdende Wunsch von Eltern, ihre behinderten Kinder in Regelschulen eingliedern zu können – diese beiden Aspekte haben das Konzept der Schulbegleitung so schnell vorangetrieben“, betont Michaela Winklmeier.


Antrag und Finanzierung


Die Finanzierung eines Schulbegleiters ist genau geregelt: Die Kosten für den Einsatz von Integrationshelfern trägt bei Kindern und Jugendlichen mit körperlicher oder geistiger Behinderung der Bezirk. Liegt eine seelische Erkrankung vor, ist das zuständige Jugendamt für die Finanzierung verantwortlich. „Seelische Erkrankungen sind unter anderem Depressionen oder Selbstverletzungen. Betroffene Kinder waren aber meist schon im Vorfeld auffällig, zum Beispiel durch ein aggressives Verhalten im Unterricht“, erläutert die Verwaltungsleiterin. Wurde ein Kind durch einen schweren Unfall geschädigt und ist deshalb auf Hilfe angewiesen, übernimmt die zuständige Versicherung die Kosten.

„Der Staat muss auch die Kosten für einen Schulwegtransport übernehmen. Sitzt ein Kind zum Beispiel im Rollstuhl, kann es nicht mit dem Bus fahren – dann müssen Beförderungs- oder Taxiunternehmen eingesetzt werden. Jedes Kind hat einen Anspruch darauf, um in die Schule zu kommen“, betont die Lebenshilfe-Mitarbeiterin. Für die Eltern entstehen sowohl für die Schulbegleitung, als auch für den Schulwegtransport keinerlei Kosten. Im Jahr 2014 investierte der Bezirk Regensburg 186.467.000 Euro für Eingliederungshilfen und Schulbegleitungen. (Quelle: Bezirk Oberpfalz. Handzettel 2014)

Das Bewilligungsverfahren kann unter Umständen langwierig sein. Der Antrag wird direkt beim Bezirk Regensburg gestellt. „Die Genehmigung ist oftmals abhängig von der Prüfung durch die Fachdienste der Bezirke. Der Fachdienst besucht das Kind in der Regelschule und beurteilt die Notwendigkeit, und das kann einige Zeit dauern“, erklärt Michaela Winklmeier. In manchen Fällen muss zudem geklärt werden, ob es ausreichend wäre, wenn das Kind nur für die Schulpausen eine Begleitung an die Seite bekommt. Eltern, die diesen Behördengang nicht selbst auf sich nehmen möchten, können die Lebenshilfe als Träger einsetzen. „Das bedeutet, dass wir uns um die Anträge und Genehmigungen kümmern. Ein Schulbegleiter wird zwar vom Bezirk oder Jugendamt bewilligt, aber von uns eingestellt“, erklärt die Lebenshilfe-Mitarbeiterin. Der Anspruch auf Schulbegleitung muss jedes Jahr neu beantragt und bewilligt werden.

Aktuell 630 Schulbegleiter bayernweit


Aktuell gibt es bayernweit 630 Schulbegleiter. Die Lebenshilfe Amberg beschäftigt zwölf Begleiter, die im Landkreis Amberg-Sulzbach an Regelschulen tätig sind. Voraussichtlich wird die Nachfrage nach Schulbegleitern weiter steigen. Eltern und nahe Verwandte können nicht eingesetzt werden, um ihr Kind im Unterricht zu beaufsichtigen. „Zum einen würden Eltern kein Geld dafür bekommen, zum anderen könnten schwierige Situationen entstehen, wenn ein Elternteil das eigene Kind bei einer Prüfung beaufsichtigen würde“, erklärt Michaela Winklmeier.



Um den Beruf auszuüben, ist eine entsprechende Ausbildung nicht zwingend notwendig. Der Qualifikationsanspruch an den Integrationshelfer ist abhängig von den Bedürfnissen des Kindes. Sowohl Hilfskräfte ohne Ausbildung, zum Beispiel Praktikanten, Bufdis oder Hausfrauen, als auch Kinderpfleger und Erzieher können sich für diese Stelle bewerben. Die Notwendigkeit einer Fachkraft entscheidet der Kostenträger. „Wir haben bislang kaum dafür ausgebildete Kräfte eingestellt. Es existiert einfach ein sehr großer Fachkräftemangel, und dieses Problem wird auch in Zukunft bestehen. Es ist für uns sehr schwierig, Erzieher und Kinderpfleger zu finden“, erklärt Michaela Winklmeier. Prozentual gesehen arbeiten mehr Frauen als Männer in diesem Beruf. Im Landkreis Amberg-Sulzbach sind derzeit ausschließlich Frauen im Einsatz.

„Die Hauptaufgabe eines Schulbegleiters liegt darin, das Schulkind zu unterstützen und darüber hinaus auch das Umfeld des betroffenen Kindes in den Blick zu nehmen“, erklärt Michaela Winklmeier. Zudem hilft er dem Kind bei der Bewältigung des Schultages, bei der Teilnahme am Unterricht und schulischen Aktivitäten und beim Umgang mit den Mitschülern. Ist das Kind körperlich behindert, hilft ihm der Schulbegleiter auch bei Toilettengängen und im pflegerischen Bereich. Unterstützung bei der Kommunikation, bei Kriseninterventionen, der Mobilität und bei lebenspraktischen Aufgaben fallen zudem in den Tätigkeitsbereich. „Der Arbeitstag eines Integrationshelfers fängt grundsätzlich an der Schultür an. Abhängig von der Art der Behinderung muss die Person das Kind aber auch schon auf dem Schulweg begleiten, wenn es das nicht selbst kann“, betont die Lebenshilfe-Mitarbeiterin.

Schulen zur Aufnahme verpflichtet


Schulen dürfen die Aufnahme eines Schülers in Begleitung eines Integrationshelfers nicht ablehnen. Mittlerweile gibt es vier Schulen in der Oberpfalz, die sich selbst als „Inklusive Schule“ sehen und sich auf die Integration von geistig und körperlich behinderten Kindern spezialisiert haben: Konrad-Grundschule, Regensburg www.konrad-gs.de, Theobald-Schrems Grundschule, Mitterteich www.grundschule.mitterteich.de, Marienschule Grundschule, Tirschenreuth www.gstirschenreuth.de, Johann-Michael-Sailer-Schule, Barbing www.schule-barbing.de. Bislang habe es aber noch keine Probleme mit Schulen gegeben, die mit einer Aufnahme nicht einverstanden waren. Ganz im Gegenteil – viele Schulen bemühen sich, um den Ansprüchen eines, vor allem körperlich behinderten Kindes, zu entsprechen, indem sie Rollstuhlrampen bauen und die Klassenzimmerbelegungen so planen, dass nach Möglichkeit keine Treppen benutzt werden müssen.

Berufsbild „Schulbegleiter“: Sowohl Stärken als auch Schwächen


„Grundsätzlich kann das Konzept ‚Schulbegleitung‘ als Erfolg gesehen werden. Vor allem Schülern mit einer körperlichen Behinderung, die nur eine alltagspraktische Hilfe benötigen, wird dadurch der Besuch an einer Regelschule ermöglicht. Schüler, deren Förderbedarf im Bereich der kognitiven Entwicklung oder des Verhaltens liegt, bräuchten pädagogisch erfahrene und qualifizierte Begleitungen, die jedoch meist nicht finanziert werden“, resümiert Michaela Winklmeier.

Der große Vorteil liegt darin, erklärt die Verwaltungsleiterin, dass Schüler, die früher, egal ob geistig oder körperlich behindert, eine Förderschule besuchen mussten, jetzt auf eine Regelschule gehen können. Diese Tatsache ist ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung und funktionierender Inklusion.

Dennoch weist das Konzept nach Ansicht von Michaela Winklmeier Schwächen und Nachteile auf: „Die Schulbegleiter benötigen für die zu erfüllenden Aufgaben eine adäquate Qualifikation, die entsprechend vergütet werden muss, und das ist in vielen Fällen nicht gegeben.“ Zudem sind enge Absprachen sowohl zwischen Lehrkraft und Schulbegleitung, als auch zwischen Schulleitung der Regelschule und Träger der Schulbegleitung notwendig. Diese sind sehr zeitaufwändig und funktionieren noch nicht auf allen Ebenen reibungslos. Für die Lehrkräfte an Regelschulen ist es meist eine große Umstellung, dass sich eine weitere erwachsene Person im Unterricht befindet.

Ein anderes Problem liegt laut der Mitarbeiterin der Lebenshilfe darin, dass die Finanzierung nur dann erfolgt, wenn das zu begleitende Kind tatsächlich im Unterricht anwesend ist. Ist der Schüler krankheitsbedingt nicht in der Schule, bekommt die Schulbegleitung für diesen Zeitraum auch kein Geld. Zudem sind die Arbeitsverträge immer auf ein Jahr befristet sind. „Diese prekären Arbeitsbedingungen könnten in Zukunft – bei steigendem Bedarf – dazu führen, dass nicht ausreichend Schulbegleitungen zur Verfügung stehen“, zeigt sich Michaela Winklmeier besorgt.

„Die Inklusion hat sich in der Schule auf den Weg gemacht. Wir stehen hier noch ganz am Anfang und es sind sicherlich noch viele Hürden zu nehmen, um den Ansprüchen der Kinder mit Handicap gerecht zu werden. Aber das Konzept ‚Schulbegleiter‘ ist ein sehr guter Schritt in Richtung funktionierende Inklusion“, betont Michaela Winklmeier. Für die Zukunft erwartet sie neben neuen Herausforderungen und Ansprüchen eine steigende Nachfrage von Eltern, die eine Schulbegleitung für ihr Kind möchten.

Natürlich sollte nicht vergessen werden, erklärt Michaela Winklmeier, dass Kinder auch weiterhin die Möglichkeit haben, auf eine Förderschule zu gehen. Diese Schulform zeichnet sich durch Ausstattung, Therapiemöglichkeiten, Fachkompetenzen der Lehrkräfte für Sonderpädagogik und Fachwissen des pädagogisch geschulten Personals aus. „Die letzte Entscheidung liegt bei den Eltern. In manchen Fällen ist eine ganzheitliche Betreuung aber besser, denn dadurch kann dem Kind eine umfangreiche Unterstützung zukommen, und das ist an einer Regelschule in der Form nicht möglich“, betont die Verwaltungsleiterin abschließend.

Unabhängige Beratungsstelle für Inklusion an den Staatlichen Schulämtern Amberg und Amberg-Sulzbach„Was ist der richtige Weg für mein Kind?“ - Viele Eltern geistig und körperlich behinderter oder auch seelisch erkrankter Kinder stellen sich diese Frage, wenn es um das Thema Schulbildung geht. Seit dem Schuljahr 2014/15 gibt es eine Unabhängige Beratungsstelle für Inklusion an den Staatlichen Schulämtern Amberg und Amberg Sulzbach, die sich genau mit dieser Thematik beschäftigt.

Die Unabhängige Beratungsstelle Inklusion ist für alle Grund-, Mittel- und Förderschulen in der Stadt Amberg und im Landkreis Amberg-Sulzbach zuständig. Es handelt sich dabei um ein überschulisches Angebot, das zusätzlich zu den bereits bestehenden Angeboten vor Ort angelegt ist. Bayernweit gibt es mittlerweile 28 Schulämter, an denen diese Beratungsstelle angeboten wird.

Aufgabenschwerpunkte der Beratung:
  • Aufzeigen möglicher Wege der Schullaufbahn für ihr Kind
  • Information über personelle und sachliche Ressourcen, Wohnortsnähe und Schulwegbedingungen
  • Planung und Hilfe bei Verwaltungsvorgängen
  • Unterstützung bei der Kontaktaufnahme und Gesprächen mit zuständigen Schulleitern, Lehrern und Schulbegleitern
  • Informationen über das regionale Angebot schulischer und außerschulischer Hilfen

Kennzeichen der Beratung:
Der Zugang zur Beratung ist niederschwellig, das bedeutet, die erfolgt ohne Formular. Zudem ist die sie unabhängig und kostenlos. Die Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht. Sie arbeiten überwiegend im Team und kooperieren mit allen am Erziehungs- und Bildungsprozess beteiligten Institutionen und Personen, unter anderem Eltern, Lehrern, Erziehern und Ärzten. Die Beratungsstelle ist mit der Eingliederungs- und Jugendhilfe vernetzt und arbeitet mit kommunalen Schulaufwands- und Aufgabenträgern zusammen.

Kontakt:
Unabhängige Beratungsstelle für Inklusion Amberg/Amberg-Sulzbach
Beethovenstraße 7
92224 Amberg
Telefon: 09621/39642
Mailkontakt: inklusionsberatung@amberg-sulzbach.de
Telefonsprechstunde: Donnerstag, 8:30 Uhr bis 9:30 Uhr

Ansprechpartner:
Anja Schneider, Studienrätin an Förderschulen, Beratungslehrkraft, Diplom-Pädagogin
Alexandra Wagner-Öckl, Grundschullehrerin, Staatliche Schulpsychologin


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