Interview mit dem LBV-Vorsitzenden Dr. Norbert Schäffer zum Thema Wolf
"Lernen, mit ihm zu leben"

Hier scheint er zu lächeln - doch nicht alle freuen sich über die Rückkehr des Wolfs. Bild: Marcus Bosch/LBV-Archiv
 
"Mit einer Welt aus Schwarz und Weiß ... kommen wir im Natur- und Artenschutz einfach nicht weiter." Zitat: Dr. Norbert Schäffer

Er ist mit seinem ganzen Herzblut dabei: Dr. Norbert Schäffer, Vorsitzender des mächtigen Landesbundes für Vogelschutz (LBV), spricht Klartext. Er hat sich in den ersten beiden Jahren seines Amtes den Ruf eines dialogbereiten Naturschützers erarbeitet, der nicht mehr dem alten Freund-Feind-Schema verhaftet ist.

Wir sprachen mit dem gebürtigen Sulzbach-Rosenberger über die brennendsten Probleme, die seinen Verband (der an diesem Wochenende in Amberg seine Hauptversammlung hält) aktuell beschäftigen.

Der Wolf ist da, und mit ihm eine Menge Fragen. Wie stellt sich der LBV das Management vor?

Norbert Schäffer: "Bayern ist jetzt Wolfsland!" So hat es der LBV im Juni verkündet. Vorangegangen waren acht Wölfe, die innerhalb weniger Monaten in Bayern beobachtet wurden. Ein standorttreues Männchen lebt seit einem Jahr im Nationalpark Bayerischer Wald. Und bekanntlich wurde jetzt ein Wolf im Truppenübungsplatz Grafenwöhr fotografiert.

Wir finden die Rückkehr dieser spektakulären Tierart faszinierend, sehen dabei aber sehr wohl, dass der Wolf zu Konflikten führen kann, insbesondere für Nutztierhalter, aber auch im Hinblick auf unser Rotwildmanagement. Vielfach werden Rothirsche in der kalten Jahreszeit in Wintergattern gehalten. Es kann gut sein, dass dies bald nicht mehr so einfach möglich sein wird und wir das Konzept überdenken müssen.

Sind Sie denn darauf vorbereitet?

Für den Wolf gibt es einen von Naturschutzbehörden, -verbänden und Naturnutzern entwickelten Managementplan "Wölfe in Bayern - Stufe 2". Er regelt den Umgang mit einzelnen, standorttreuen Wölfen. Zielsetzung ist es, Konflikte durch gezielte Maßnahmen zu minimieren. Jetzt heißt es, sich sachlich und ohne Hysterie auf den Wolf einzustellen, aber auch anzuerkennen, dass wir nicht sofort auf alles eine Antwort haben. Schon jetzt beteiligt sich der LBV am Ausgleichsfond "Große Beutegreifer", aus dem durch Luchs und Wolf angerichtete Schäden an Nutztieren erstattet werden.

Kann sich der Wolf in der Oberpfalz dauerhaft behaupten?

Selbstverständlich wäre das möglich - wenn man ihn lässt. Ich halte es für einen aufregenden Gedanken, dass es in unseren heimischen Wäldern wieder Wölfe gibt. Klar ist aber auch, dass wir erst wieder lernen müssen, mit ihm zu leben.

Wie sieht der Dialog mit Naturnutzern aus beim Umgang mit Konfliktarten wie Graureiher, Kormoran oder Biber?

Der Umgang mit diesen sogenannten Konfliktarten ist seit langem ein wichtiges Arbeitsfeld für uns. Wir versuchen, im Dialog mit Behördenvertretern und Naturnutzern für alle akzeptable Lösungen zu finden. Wir freuen uns über die Anwesenheit der Arten, erkennen aber sehr wohl, dass sie wirtschaftliche Schäden anrichten können. Daher engagieren wir uns intensiv, etwa in den Arbeitsgruppen Biber und Kormoran des Landesamtes für Umwelt. Bei Biber, Kormoran und Graureiher sind wir im Ausgleich der Interessen ein großes Stück weiter. Fischotter und Silberreiher sind unsere nächsten Herausforderungen.

Geht der LBV beim seinem Einsatz für diese Arten nicht zu weit?

Wohl kaum. Wir erwarten von Naturnutzern eine gewisse Toleranz hinsichtlich Schäden durch Konfliktarten, vor allem aber auch Präventionsmaßnahmen. Beratung von Nutzern und finanzielle Unterstützung von Maßnahmen sollten selbstverständlich sein. Im schlimmsten Fall sollten auch die Schäden erstattet werden - was ja beispielsweise beim Biber, Luchs und Wolf der Fall ist.

Der LBV hat sich pragmatischen Lösungen, etwa bei der Kormoranverordnungen, nicht verschlossen. Vergessen wir aber nicht, dass in Bayern alljährlich legal rund 7500 Kormorane geschossen werden - bei einem Brutbestand von rund 600 Brutpaaren und im Winter rund 6600 anwesenden Vögeln. Beim Graureiher sind es 6000 erlegte Vögel - Tendenz steigend. Dort, wo Biber große Schäden anrichten, werden auch sie entnommen: 2015 mehr als 1200!

Von übertriebenem Artenschutz kann man hier wahrlich nicht sprechen. Der LBV handelt auch hier konstruktiv, pragmatisch, fachlich fundiert und undogmatisch - die Grundlage für unseren Erfolg.

Ihre Gespräche mit dem Landesjagdverband werden von beiden Seiten nicht selten kritisch gesehen. Gibt es Erfolge in der Annäherung zwischen den Verbänden?

Der LBV hat eine lange Tradition in der Zusammenarbeit mit bayerischen Naturnutzern wie Fischerei- und Jagdverband, Staatsforsten oder Arbeitsgemeinschaft Bergbau- und Mineralgewinnungsbetriebe. Wir haben diese Zusammenarbeit seit meinem Amtsantritt vor rund zwei Jahren verstärkt. Mit einer Welt aus Schwarz und Weiß, aus "wir: die Guten" und "die anderen: die Bösen" kommen wir im Natur- und Artenschutz einfach nicht weiter. Tatsächlich haben wir etwa mit dem Jagdverband durchaus gemeinsame Interessen, wenn es um reich strukturierte Agrarlandschaft oder das EU-Schutzgebietsnetzwerk Natura 2000 geht.

Zu letzterem haben wir eine viel beachtete gemeinsame Veranstaltung in der Bayerischen Vertretung in Brüssel organisiert, auf die große Bedeutung hingewiesen und uns für bessere Finanzierung eingesetzt - ein Erfolg unserer Zusammenarbeit.

Mit dem Landesfischereiverband setzen wir uns für gesetzlich vorgeschriebene Gewässerrandstreifen ein mit dem Ziel, den Eintrag von Agrochemikalien und Substraten zu verringern. Hier entwickelt sich eine gute Kooperation. Gewässerrandstreifen sind übrigens meistens gesetzlich vorgeschrieben, nur in Bayern nicht.

Ein Wort zu den Stromtrassen: Ist Erdverkabelung der bessere Weg?

Wenn zur Verwirklichung der Energiewende Stromtrassen von Nord nach Süd tatsächlich unvermeidlich sind, halten wir Erdkabel für das etwas geringere Übel. Allerdings kommt es auch bei Erdverkabelung zu teils empfindlichen Eingriffen in Lebensräume. Da wird eine breite Schneise durch die Landschaft geschlagen. Insbesondere wo diese Schneisen durch Schutzgebiete wie das Biosphärenreservat Rhön oder durch Wälder und Moore führen, müssen wir besonders vorsichtig sein, gleichzeitig unsere Möglichkeiten des Energiesparens stärker nutzen. Vielleicht werden die gigantischen Stromtrassen ja doch nicht im erwarteten Ausmaß erforderlich.

Nein zur SkischaukelNorbert Schäffer hat auch eine klare Meinung zum Riedberger Horn: "Pläne, das Skigebiet am Riedberger Horn im Landkreis Oberallgäu auszubauen, sind nicht neu. Tatsächlich waren Pläne, Liftanlagen dort, aber auch an Watzmann und Alpspitz zu bauen, vor über vierzig Jahren der Auslöser zur Entwicklung des Alpenplans, eines landesplanerischen Instruments für nachhaltige Entwicklung und Steuerung der Erholungsnutzung im bayerischen Alpenraum. In der strengen Schutzzone C, wo das Riedberger Horn liegt, sind keine Erschließungsmaßnahmen zulässig."

Über viele Jahrzehnte habe uns der Alpenplan vor einer hemmungslosen Erschließung bewahrt. Jetzt sollen entweder die Grenzen der Zone C verändert oder die gesamte Zone für Erschließungsmaßnahmen geöffnet werden. Der Alpenplan, ein Instrument, auf das ganze Politikergenerationen aller Parteien über Jahrzehnte so stolz waren, werde jetzt in Frage gestellt - um gegen alle geltenden Regeln und Gesetze den Ausbau von Skiliftanlagen durchzusetzen.

"Am Riedberger Horn geht es dem LBV nicht nur um den Erhalt eines der wichtigsten Birkhuhnvorkommen in Bayern, sondern des gesamten Alpenplans. Darüber aber können nicht die 1100 Einwohner zweier Gemeinden abstimmen. Der LBV hat stets klar gemacht, dass er hier nicht nachgeben wird. Sollte tatsächlich eine Genehmigung zum Bau der Skischaukel erteilt werden, werden wir sofort rechtliche Schritte einleiten!" (ge)


Mit einer Welt aus Schwarz und Weiß ... kommen wir im Natur- und Artenschutz einfach nicht weiter.Dr. Norbert Schäffer
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