Joseph Beuys entmythisiert genialischen Kunstbegriff
Über allem schwebt der große Meister

Der spätere Bundespräsident Johannes Rau warf 1972 als Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen den damaligen Kunstprofessor Joseph Beuys noch aus der Akademie. Heute gilt der Mann mit Hut als einer der wichtigsten Wegbereiter des modernen Kunstverständnisses. Bild: kge

Unbemerkt kam im Saal des Amberger Kongresszentrums (ACC) Hörsaal-Atmosphäre auf. Professor Christoph Wagner, Ordinarius am Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Universität Regensburg, hielt einen aufwendig bebilderten Vortrag zu der momentan dort laufenden Kunstausstellung mit dem Titel: "Jeder Mensch ist ein Künstler - Joseph Beuys zwischen Schamanismus und erweitertem Kunstbegriff".

Während Wagner ab und zu etwas mit der Technik zu kämpfen hatte, schadetete ein gewisses Maß an Vorbildung in Hinblick auf die derzeitige Sonderschau jedenfalls nicht, um den Ausführungen über das Leben und Schaffen des Künstlers folgen zu können. "Hiermit trete ich aus der Kunst aus", hatte Beuys (1921-1986) wie ein Manifest auf eine Postkarte geschrieben, die er 1985 von Capri wegschickte.

Wegen eines Lungenleidens, an dem er auch ein Jahr später starb, war er auf der Insel, um sich zu erholen und letzte Schaffenskraft zu schöpfen. Es entstand die "Capri-Batterie", ein bildhauerisches Werk in einer seriellen Auflage von 200 Stück. Es zeigt eine gelb leuchtende Glühbirne, die per Kabel ihre Energie aus einer Zitrone bezieht. Wagner beschrieb diese Arbeit nicht nur als ein zentrales Stück der gezeigten Sammlung, sondern als ebenso markant für Beuys' Gesamtwerk.

Kunst ist Natur


Das Anzapfen von Energie aus Pflanzen beschreibe diese Skulptur. Mit dieser Idee, Fantasie hatte der damalige ästhetische Bürgerschreck und politische Vorreiter der Grünen nicht weit gefehlt. Die Natur war ihm ein besonderes Anliegen, sowohl in seinen abstrakten Malereien wie auch in den sich dem Alltäglichen annähernden Skulpturen. Das trifft auch auf seine Aktionen zu wie die letzte, 8000 Eichen oder andere Bäume zu pflanzen. Beuys benutzte gerne vergängliche Materialien. Das stellte viele Galerien und Museen vor große Probleme: Lebensmittel verderben, Fett wird ranzig. Also mussten sie sich Gedanken machen, was aus diesen Werken wird, wie mit ihnen umzugehen ist. Und schon war ein neuer kreativer Prozess in Gang gesetzt worden, ein Kernanliegen in Beuys' Schaffen. In jedem Mensch steckt ein Künstler, lautet eine seiner Kernthesen: Am Anfang stehe der Gedanke, dann folge die Umsetzung, und wenn alles gut gehe, zum Wohle der Menschen. "Wer nicht denken will, fliegt raus", provozierte deshalb einst noch Beuys. Der Kunstgeschichtler Wagner verabschiedete sich mit diesem Satz - und keiner hatte Fragen.
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