Jugendliche Flüchtlinge über ihre Erlebnisse
Schwimmkurs und Bürgerkrieg

Stolz auf das gemeinsame Kunstprojekt sind Kanzler Ludwig von Stern (Dritter von links), Projektleiterin Professorin Nailja Luth (Achte von links), die Studierenden der OTH und die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Bild: Hartl

Das Obst schmeckt wie Wasser, dafür kommt der Bus pünktlich: Über ihre Erfahrungen in Deutschland und über ihre Heimat erzählen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in einer Ausstellung. Studenten der OTH haben dafür mit ihnen Filme gedreht und Fotomontagen gemacht.

"Nicht ohne meinen Esel" lautete das Projekt von Jewad Digo. Im Irak hatte er das Lasttier immer dabei. Hier in Deutschland vermisst er es: Keiner trägt ihm jetzt seine Einkäufe nach Hause. Imran Jabrarkhail hat das Seepferdchen nachgemacht. Das war dem Afghanen ein bisschen peinlich, weil der Jugendliche in einem Kurs mit lauter Kindern war. Biniam Brhane sagt, er würde sich gerne einmal die Haare wachsen lassen. In Eritrea war das aber nicht möglich.

Die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge präsentierten ihre Wünsche und Erfahrungen in Deutschland, in ihrer Heimat und auf der Flucht auf einer Vernissage an der OTH. Die Jugendlichen arbeiteten dafür mit Studenten der Medienproduktion und -technik zusammen. Angeleitet wurde das Projekt "Integration Kreativ" von Professor Nailja Luth.

Spontanität gefragt


Die Medientechniker halfen den Flüchtlingen, ihre Erlebnisse ansprechend darzustellen. Die Ergebnisse hängten sie in das Foyer des Audimax. Biniam Brhane hatte die Umrisse ausgefallener Frisuren über seinen Kopf gemalt, Jewad Digo sich vor der OTH und dem Supermarkt fotografieren lassen und einen Esel ins Bild eingefügt. Imran Jabrarkhail porträtierte sich beim Schwimmkurs.

"Wir haben uns entschlossen, zu schaffen", sagte Kanzler Ludwig von Stern zu Beginn der Veranstaltung. "Geteiltes Wissen wird mehr. Den Streit in der Gesellschaft über die Flüchtlinge lassen wir draußen." Luth berichtete von den besonderen Herausforderungen, mit denen die Studierenden zu kämpfen hatten: Für das Projekt seien sie zu Coaches und Sozialarbeitern geworden. Sie hätten gemeinsam mit den Flüchtlingen Medienkonzepte entwickeln und diese auch aus dem Stegreif umgestalten müssen.

Vor Taliban geflohen


Viele der Jugendlichen aus dem Irak, Syrien, Eritrea und Afghanistan nutzten das Kunstprojekt nicht nur, um über ihre Erfahrungen in Deutschland zu erzählen, sondern auch, um über traumatische Erlebnisse zu berichten: Imran erzählte von seinem Vater. Er habe in Afghanistan mit den Amerikanern zusammengearbeitet und ihnen den Standort eines Haschischlagers gemeldet. "Die Taliban haben ihn mitgenommen", sagt Imran. "Wir wissen nicht, was sie mit ihm gemacht haben." Später seien sie wiedergekommen. "Dann wollten sie mich erschießen. Aber ich bin einfach gelaufen." Jetzt sei er in Deutschland. Aber er vermisse seine kleinen Geschwister.

Saddan Sheko Seleman berichtet in einem Video von seiner Flucht aus dem Irak. Saddan ist Jeside. Am 3. August 2014 ermordete der IS etwa 4000 Jesiden im Sindschar-Gebirge. Bevor der IS zu ihnen kam, sei seine Familie mit dem Auto ins Kurdengebiet geflohen. Sein Vater habe dann das Auto verkauft. Damit bezahlte er einen Schlepper, der Saddan nach Europa brachte.

Diema Shimal Maher hat ein Lied aufgenommen. "Der Mond wäscht dein Gesicht, Bagdad", besingt die 16-Jährige ihre Heimatstadt. Die fremden, arabischen Klänge zaubern für einen kurzen Moment die Stimmung des Orients in das Siemens-Innovatorium. Bagdad sei nur noch ein Schatten seines früheren Glanzes, sagt Diema und meint dann: "Im Irak herrscht seit 14 Jahren Krieg, der die Steine zum Weinen bringt."
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