Jukebox-Hero Andreas Prechtl und seine Frau Simone
Fifties-Lifestyle so ganz ohne Download

Andreas und Simone Prechtl sammeln Musikboxen. Die schönsten Exemplare stehen im Showroom, den das Ehepaar nächstes Wochenende bei einem Tag der offenen Tür öffentlich zugänglich macht. Bilder: Steinbacher (3)
 
Ob Tanzmusik, Märsche, Schlager, beliebte Melodien oder das, was man in den 50er Jahren als "heiße Musik" verstand - diese Jukebox (Modell Seeburg V200) aus dem Hause Prechtl hat 200 Lieder auf Lager.
 
Bei der heutigen Jugend kommt die Musik aus dem Ohrenstöpsel, dem Mini-Disc-Player oder dem Smartphone. Nach dem Krieg war das anders. Damals war diese Rock Ola Tempo 1 der neueste Schrei.

Will Andreas Prechtl "richtig gute Musik" hören, schnappt er sich nicht einen der 5000 Downloads auf seinem Smartphone - er geht lieber ins ehemalige Arbeitszimmer seiner Frau Simone. Dort residieren eigenhändig restaurierte und auf Hochglanz polierte Jukeboxen, die am Samstag, 19. März, auch öffentlich zu bewundern sein werden.

Als Star-DJs wie Felix Jaehn, Robin Schulz, Avicii oder Calvin Harris noch gar nicht auf der Welt waren, stürmten neben den Beatles, Elvis Presley oder Buddy Holly auch die Bellamy Brothers, The Rubettes, Shakin' Stevens, Paul Anka oder später Abba und die Bee Gees die Charts, die damals noch Hitparade hießen. In den Kneipen, Cafés und Bars standen Musikboxen, die alle Generationen gleichermaßen faszinierten: einfach ein Geldstück einwerfen, eine Zahlen- und Buchstaben-Kombination drücken, die Maschine legt die Platte auf und schon erklingt das gewünschte Lied. Für die heutige Jugend ein unvorstellbarer Vorgang.

Nachkriegszeiten-Lifestyle


Andreas Prechtl war der Faszination, die von diesem Symbol amerikanischen Nachkriegszeiten-Lifestyles der Fifties ausgeht, früh verfallen. "Ich wollte schon als Kind eine haben", sagt der zweifache Familienvater über die Musikmaschinen, die ihn auf doppelte Weise nicht loslassen. Als gelernter KfZ-Mechaniker-Meister, der sein Geld als Werkmeister für Schüler mit Förderbedarf bei der Lebenshilfe verdient, liebt es der 40-Jährige, zu schrauben, zu reparieren und zu polieren: "Jeder Mechaniker träumt davon, einen Oldtimer herzurichten." Und weil er als Gründer des A-cappella-Ensembles SunnySongdays und der Murphys Gang passionierter Musiker ist, war der Weg zum Hobby im Prinzip vorgezeichnet. Doch es gab Probleme.

Ultimatum gestellt


Frau Simone, die Therapien für Familien, Paare und Einzelpersonen anbietet und die Sitzungen in den eigenen vier Wänden einberuft, legte ihr Veto ein: "Das kommt mir nicht ins Haus. Wir haben keinen Platz." Heute kann die 44-Jährige mit einem Augenzwinkern darüber reden: Als seine bessere Hälfte für einige Tage beruflich unterwegs war, bestellte Andreas seine erste Jukebox einfach im Internet. Als sein eigenes Geburtstagsgeschenk. Ein befreundeter Nachbar holte das gute Stück auf dem Rückweg von seinem Urlaub am Bodensee ab, heute steht es "als Duschbox" vor dem Badezimmer. Simone Prechtl war nach ihrer Rückkehr wenig begeistert und stellte ihrem Mann ein Ultimatum: "Ich habe eine Woche Zeit bekommen, um alles zusammenzubauen und zu reparieren, weil sie den Platz brauchte."

Das war im Februar 2013. Drei Jahre später ist die Gattin selbst ein großer Fan der Boxen, der Kauf des zweiten Exemplars war sogar ihre Idee. Eigentlich war das Modell als Geschenk gedacht, bis Andreas einen Anruf und die Nachricht erhielt, dass in Ebermannsdorf drei Maschinen abgeholt werden können, die aus einem Nachlass stammen. "Ich bin aus allen Wolken gefallen", erinnert sich Simone Prechtl an den Tag, an dem die drei Geräte plötzlich vor der Haustür standen. Doch die gelernte Erzieherin ließ sich von ihrem Mann überzeugen, da sich mit den Automaten auch Geld verdienen lässt - mit dem Verleih an Veranstalter zum Beispiel. "Das hat sich relativ schnell als Marktlücke erwiesen. Das machen wir heute noch." Als alle Platz- und Finanzfragen geklärt waren, hatte das neue Hobby im Hause Prechtl eine Zukunft. Simone erinnert sich: "Wir haben angefangen, auf Flohmärkten zu suchen. Das haben wir früher nie gemacht."

Rund 3000 Singles


Dabei geht es nicht nur um Geräte, sondern in erster Linie um Schallplatten. Rund 3000 Singles hat das Ehepaar mittlerweile zusammengetragen, Herzstück der Sammlung ist eine Grammophonscheibe von 1947. Die modernsten Werke stammen von Madonna und Michael Jackson aus den 80er Jahren. Aktueller sind die Prechtls nicht - und wollen es auch gar nicht sein. Gerade diese Reise in die Geschichte macht für den Hausherrn den Reiz aus: "Wir hören jetzt ganz anders Musik. Du stehst bewusst da und suchst dir ein Stück aus. Und keine Datei. Allein die Cover, das sind kleine Kunstwerke."

Hinter dem Hobby steht allerdings nicht nur Vergnügen und Leidenschaft, sondern auch Sisyphusarbeit. Die kleinen, schmalen Schilder, die den Liedtitel tragen, muss Andreas Prechtl selbst beschriften, will sich aber dabei nicht nur eines Computers bedienen: "Ich habe das mit einer mechanischen Schreibmaschine gemacht. Das hat einen ganz anderen Charme." Gerade bei den älteren Semestern kommt diese Detailverliebtheit gut an, wenn die Jukeboxen für Familienfeiern oder runde Geburtstage vermietet werden. Die Prechtls haben sich dafür extra einen passenden Bus angeschafft, um die einzelnen Modelle transportieren zu können, denn in ein Autos passen sie nicht. Das schwerste Exemplar wiegt um die vier Zentner.

"Weg von der Straße"


Doch ums Geld geht es der Familie nur bedingt. Natürlich muss dieser Zeitvertreib finanziert werden, doch es sind diese unvergesslichen Augenblicke, die digital niemals entstehen könnten. Zum Beispiel, wenn Andreas aufsteht und Eric Claptons "Wonderful tonight" auflegt. "Das ist unser Lied", sagt er und sieht seiner Simone in die Augen. Sie musste (und wollte) für ihren Job in den Keller ziehen und ist dennoch glücklich: "Es ist ein sozialverträgliches Hobby." Mit einem Lächeln fügt die 44-Jährige hinzu: "Andy ist weg von der Straße. Ich weiß immer, wo er ist."

AusstellungsraumIm Moment nennt sich Andreas Prechtl stolzer Besitzer von 20 Musikboxen, neun davon befinden sich im Haus, sechs im Ausstellungsraum, der am Samstag, 19. März, von 10 bis 19 Uhr seine Türen öffnet. Bei freiem Eintritt sind diese Exemplare zu sehen:

Rock Ola Tempo 1

Aus den USA, Baujahr 1959. Die Front erinnert an ein Chevrolet-Heck mit Haifischflossen.

Seeburg V200

Aus den USA, Baujahr 1955. Der erste Automat, der 100 Singles fassen konnte, gilt als Mercedes unter den Jukeboxen.

Tonomat Panoramic

Aus Deutschland, Baujahr 1959. Das Modell verfügt über den schnellsten Wechselmechanismus der damaligen Zeit.

Wurlitzer 1800

Aus den USA, Baujahr 1955. Der Klassiker unter den Boxen.

Ami Continental 1

Aus den USA, Baujahr 1960. Das Gehäuse erinnert an Raumschiff-Inventar. Der Titelträger sieht aus wie ein Radarschirm.

Wurlitzer 1100

Aus den USA, Baujahr 1947. Der Designer war Flugzeugbauer und hat Elemente aus dieser Branche verwendet. An der Frontseite befindet sich ein Farbwechsler.

Der Showroom befindet sich im Haus der Familie Prechtl, Karl-Bauer-Straße 5, Amberg. Am Samstag, 19. März, ist ein Besuch ohne Anmeldung möglich. Ansonsten sollen sich Interessenten rechtzeitig unter 0177/6 12 34 02 ankündigen. (tk)
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