Jung, hübsch, klug, Metzgermeisterin

Es gibt Geschichten, da drängt sich der Verdacht auf, dass sie frei erfunden sind, zum Beispiel von einem großen Verband. Der erfindet einfach eine junge, hübsche, kluge Frau, und sagt dann, sie sei Metzgermeisterin. Einfach, weil man dadurch das Image aufbessert, leich- ter Nachwuchs findet, sympathischer und glaubwürdi- ger rüberkommt. Christine Lotter ist so eine Geschichte. Mit dem kleinen Unterschied, dass sie wahr ist.

Autogrammstunde bei Alfons Schuhbeck. Eine Dame nach der anderen hält dem bekannten Koch sein neues Buch vor und bittet um eine Widmung. Dann steht eine junge Frau vor ihm. "Und? Wo ist Dein Buch?" - "Ich hab kein Buch, ich möchte eine Ausbildung bei Ihnen im Restaurant und Partyservice machen." Da schaut der Schuhbeck verdutzt, das Vorstellungsgespräch in München endet wenig später mit seiner Zusage. Für Christine Lotter ist zu dieser Zeit die elterliche Metzgerei daheim in Sulzbach-Rosenberg weit weg. Nicht nur geografisch, auch im Kopf. Ihre Eltern Hans und Marianne Lotter üben weder auf sie, noch auf ihren Bruder Johannes Druck aus. Keines der Kinder soll aus falschem Pflichtbewusstsein heraus, das Geschäft übernehmen müssen.

"Ich wollte unbedingt die Ausbildung zur Hotelfachfrau machen." Gelernt hat Christine Lotter viel bei Alfons Schuhbeck und den Geisel-Privathotels, zu denen zum Beispiel das Fünf-Sterne-Hotel Königshof mit Gourmet-Restaurant und Münchens erstes Design-Hotel gehören. Sie verinnerlicht dort die hohen Ansprüche kulinarischer Köstlichkeiten und des Caterings, begegnet außerdem den unterschiedlichsten Menschentypen: "Eine wunderschöne und lehrreiche Zeit, die ich nicht missen möchte."

Grenzenloser Enthusiasmus

Wir sitzen auf einer Bierbank. Alles ist noch provisorisch in den Räumen in der Eglseer Straße 2, die Umbaumaßnahmen sind in vollem Gange. Doch die Metzgerei vorne ist bereits genau so, wie man es sich wünscht: Helles Licht und warmes Ambiente, alles blitzeblank sauber, leckere Wurst und schmackhaftes Fleisch, sowie ein herzhaft gefüllter Imbiss präsentieren sich in der einladenden Theke. "Wenn alles nach Plan läuft, möchte ich in einigen Monaten feierlich eröffnen - der jetzige Verkaufsstand gehört dann der Vergangenheit an und weicht einer modernen Metzgerei im Amberger Eisbergviertel mit gemütlichem Sitzbereich, Imbiss und Feinkostnische", sagt Christine Lotter mit ihrem herzhaften Lachen und diesen großen Augen, in denen sich schier grenzenloser Enthusiasmus widerspiegelt.

In München hat die heute 29-Jährige viel gelernt, aber - was vermutlich noch wichtiger ist, - nach dieser Zeit steht ihr Entschluss fest: "Ich möchte Metzgerin werden, und zwar daheim im elterlichen Betrieb." Mit 24 Jahren setzt sie ihren großen Wunsch in die Tat um. Sie lernt nun das fachgerechte Zerlegen von mächtigen Rinderkeulen und macht ihre eigene Wurst, die sie dann mit viel Freude und Engagement im elterlichen Betrieb verkauft. "Die Zeiten, in denen Männer mit blutverschmierten Schürzen über den Marktplatz gelaufen sind, das war einmal - Metzger sein, das bedeutet kreativ sein, rechnen und kombinieren können." Während Christine Lotter spricht, spürt man diese Begeisterung, diese Aufgeregtheit; nein, das ist wahrlich keine Erfindung, sondern echte Leidenschaft.

"Alle lieben gutes Essen"

"Sowohl die Menschen in München als auch die netten und verständnisvollen Kunden in Amberg haben eins gemeinsam: Alle lieben gutes Essen, und dem Metzger kommt eine besondere Bedeutung bei, denn es liegt an uns, allerlei Gaumenfreuden zu kreieren - wenn meinen Kunden die Lotter-Spezialitäten schmecken, gibt mir das eine große Zufriedenheit und ein tiefes Glücksgefühl." Am Ende des Tages etwas geschaffen zu haben, mit einem hohen Wert, mit hoher Qualität, das sei immer wieder ein außergewöhnliches Erlebnis. Und dabei nie zu wissen, welche Herausforderungen ein Tag mit sich bringe, dieser Umstand lasse keine Langeweile aufkommen. Denn mal gelte es eine außergewöhnliche Wurstplatte oder Fingerfood zusammenzustellen, mal stehe eine ratlose Kundschaft vor der Theke und wisse nicht, wie sie dieses Fleisch zubereiten müsse. "Ich kann jedem jungen Menschen empfehlen, der ein Faible für Nahrungsmittel hat, diesen Beruf zu erlernen, Metzger ist ein Handwerk fürs Leben."

Zum Abschied gibt es noch ein Geschenk von der Metzgermeisterin. Natürlich etwas Leckeres, etwas Selbstgemachtes. Am Abend, als die grobe Bauernleberwurst genossen wird, ist klar: Die Begeisterung für ihren Beruf kann Christine Lotter in Worte fassen - und ganz besonders schmackhaft auf den Teller bringen.
Weitere Beiträge zu den Themen: Juni 2015 (7771)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.