Koedukation als Denkmodell
Jungs in der Mädchenschule?

Renate Gammel stand 16 Jahre an der Spitze der Dr.-Johanna-Decker-Schulen, jetzt tritt sie ihren Ruhestand an. Die besten Wünsche dafür übermittelten ihr (von links) Franz Hanauska, Studiendirektor im Kirchendienst, Günter Jehl, der ihre Nachfolge antreten wird, (von rechts) Domkapitular Johannes Neumüller, Direktor der Schulstiftung der Diözese Regensburg, OB Michael Cerny und Dr. Andreas Hatzung, Direktor des katholischen Schulwerks in Bayern. Bild: Steinbacher

Erst Schülerin, dann Lehrerin. Später stellvertretende Schulleiterin, seit 16 Jahren Rektorin. 55 Jahre lang hat die Schwesternschule Renate Gammel geprägt - jetzt geht die Pädagogin in den Ruhestand. Und zeichnet ein Denkmodell für die Zukunft: Koedukation.

Renate Gammel war gerührt - ob der lobenden und ehrenden Worte und ob des kleinen Konzerts mit Ludmila Portnova (Klavier) und Vadim Vassilkov (Percussion), das ihr das Lehrerkollegium zum Abschied spendiert hatte.

Aus allen Sichtweisen


"Dieser gemeinsam erlebte Tag wird mich immer an Sie und die Schule erinnern", sagte sie zu den geladenen Gästen. 55 Jahre habe Renate Gammel die Schule erlebt - und zwar aus allen Sichtweisen, von der Schülerin über die Lehrerin bis hin zur stellvertretenden Schulleiterin und späteren Schulleiterin, führte Franz Hanauska, Studiendirektor im Kirchendienst und Vorsitzender der Mitarbeitervertretung, aus. Er ging kurz auf die Ordenschule alter Prägung ein, die jungen Mädchen eine höhere Schulbildung ermöglicht habe - und zwar bereits zu einer Zeit, als dies noch Kopfschütteln hervorgerufen habe. Er skizzierte einige Veränderungen im Schulwesen, die in Gammels Zeit als Schulleiterin fielen: Die Einführung der sechsstufigen Realschule und des achtstufigen Gymnasiums. Gammel hatte seinen Worten nach stets einen klaren Blick auf die Entwicklung, hielt nie etwas von "schaumschlägerischen Aktivitäten" und machte jungen Frauen Mut, ihr Leben eigenständig zu gestalten.

Renate Gammels Dank galt neben den Kollegen auch den unzähligen Schülerinnen, die sie unterrichtet hatte. "Ohne sie hätte ich meinen Beruf, den ich auch nach 40 Berufsjahren als einen prinzipiell sehr schönen betrachte, nicht ausüben können", sagte sie. Die scheidende Schulleiterin hält nach eigenen Worten guten Humor für unabdingbar, "damit das Leben im Allgemeinen und der Beruf des Pädagogen im Besonderen gelingen können".

Die Oberstudiendirektorin betonte, sie möge diese Schule. Und deshalb könne sie sie auch nicht verlassen, ohne darüber nachzudenken, was sie brauche, damit es ihr gut gehe. "Sie ist in dieser Stadt eine Institution, die Geschichte geschrieben hat." Vor 177 Jahren von der Kongregation der Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau gegründet, war es laut Gammel die erste Schule, die Mädchen und jungen Frauen in der Oberpfalz eine höhere Schulbildung ermöglicht hatte. "Sie hat in dieser langen Zeit einen großartigen Beitrag zur immer besseren Verwirklichung der Gleichberechtigung von Frauen geleistet", betonte sie.

Wandel und Reform


Sie erwähnte den Gebäudekomplex, der unter europäischem Denkmalschutz steht, ebenso wie die christliche, speziell katholische Prägung der Schule. "Da eine Schule ein lebendiger Organismus ist, muss sie ihre Wurzeln und ihre Entwicklungsphasen kennen, aber sie darf nie aufhören, sich zu wandeln, sich zu reformieren." Gammel warf einige Frage- und Handlungsfelder der nahen Zukunft auf: Wie sich die dringend erforderliche Gebäudesanierung bautechnisch am besten umsetzen lasse, wann begonnen werde.

Doch sie warf eine Frage zur künftigen Ausrichtung auf: "Ist vielleicht die Zeit gekommen, diese Schule koedukativ zu führen, sie für Mädchen und Buben gleichermaßen zu öffnen? Könnte es vielleicht sein, dass es in unserer Zeit die Aufgabe einer kirchlichen Schule ist, beide Geschlechter so zu bilden und zu erziehen, dass ein gleichberechtigtes und respektvolles Miteinander dauerhaft gelingt?" Dass dies bald geschehen soll, verneinte Gammel auf Nachfrage unserer Zeitung. "Das ist nur ein Gerücht", sagte die scheidende Schulleiterin und sprach explizit von einem Denkmodell. (Im Blickpunkt)

"Was sind uns unsere Lehrkräfte wert?""Diese Schule braucht noch etwas, das nicht einmal der Bischof von Regensburg allein ihr geben kann", sagte Renate Gammel. Dazu bedürfe es aller bayerischen, vielleicht sogar aller deutschen Bischöfe. Damit meinte sie die Antwort auf eine Frage, die sie für die alles entscheidende halte, wenn man über Auftrag und Zukunft der katholischen Schulen nachdenke. "Was sind uns unsere Lehrkräfte wert, die zu den besten im Lande gehören sollen, die überzeugte und praktizierende Katholiken sein sollen, die aufgrund ihrer Exzellenz die von den deutschen Bischöfen dokumentierte und eingeforderte klare Profilierung der katholischen Schulen ermöglichen sollen?" Diese Frage war laut Gammel unbeantwortet, als sie vor 38 Jahren an den Dr.-Johanna-Decker-Schulen als Lehrerin anfing, "sie ist es bis heute". Wie oft dürfe man Hoffnungen wecken und dann doch enttäuschen, fragte sie. "Die kleine und die große Geschichte lehrt uns: Man darf es nicht unbegrenzt", war Renate Gammels Antwort darauf. (san)
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