Kollektives Herzflattern
Deutsche und Italiener schauen zusammen Fußball

Für einen Moment ist die zehnjährige Partnerschaftsfeier zwischen Amberg und Desenzano vergessen: Während die Italiener vorne enttäuscht die Köpfe sinken lassen, jubeln die Deutschen (hinten) über einen Treffer ihrer Mannschaft. Bilder: Wolfgang Steinbacher (4) (Foto: Wolfgang Steinbacher)
 
"Elfmeter sind Glückssache." Zitat: Roberto Turcate, Vorsitzender des Sportvereins aus San Martino della Battaglia

Deutschland spielt gegen Italien und Amberg hat Besuch aus Desenzano del Garda. Am Samstagabend gibt es keinen besseren Ort, das Fußball-Match mitzuverfolgen, als dort, wo das zehnjährige Bestehen der Partnerschaft gefeiert wird: in der Feuerwache. Am Ende hilft nur noch Grappa gegen kollektives Herzflattern.

21 Uhr. Der Anstoß geht relativ unspektakulär über die Bühne. Deutsche und Italiener sitzen unaufgeregt an ihren Biertischen. Der zweite Gang wird gerade abserviert. Männer mit dunklen Anzügen ziehen sich schwarz-rot-goldene Mützen über den Kopf. Ein junger Kerl hat sich die Italien-Flagge um die Schultern gebunden und lässt die Leinwand nicht aus den Augen. Es ist Francesco Tonioli. Der 15-Jährige begleitet die Delegation als Trompetenspieler und ist ein glühender Fan seiner Nationalmannschaft. "Möge die bessere Mannschaft gewinnen", sagt er ganz diplomatisch. Er sei gerne nach Deutschland gekommen. Auch dass dieses Spiel während seines Aufenthaltes hier stattfinde, sei "total spannend". Nach 25 Minuten bewertet er die National-Elf als "sehr stark", aber da bricht er das Interview abrupt ab, weil lautstarke Rufe ertönen. "Nur ein Foul", meint er enttäuscht.

"Non, non, non"


Am Eingang stehen vier Männer, fachsimpelnd auf italienisch. "Non, non, non", wehrt Roberto Turcate die lästige Reporterin ab. Aber es sei doch nur eine Frage zum Fußball. Als seine Kumpels das mitbekommen, klopfen sie ihm auf die Schulter, reden auf ihn ein. "Okay." Er lässt sich breitschlagen. "Wir haben zwei starke Mannschaften", bewertet er die erste Halbzeit. "Und beide hätten es verdient, ins Finale zu kommen." Roberto Turcate ist Vorsitzender des Sportvereins in San Martino della Battaglia. Einen Tipp möchte er nicht abgeben. Auch hier ist Diplomatie oberstes Gebot: "Der Bessere möge gewinnen", sagt er und betont, wie sehr es ihn freue, dieses Spiel hier in Deutschland anschauen zu können. Auf der Leinwand wird gekickt, hinter den Kulissen gearbeitet. Die Servicekräfte, darunter auch Amberger Feuerwehrleute und Schüler des Erasmus-Gymnasiums sowie natürlich italienische Gäste, stehen Schlange, um Hunderte Teller mit dem Hauptgang in den großen Saal zu tragen. Ermanno Stefanni ist einer der Köche und bei der Delegation dabei, "um Risotto umzurühren", wie er selbst mit einem Augenzwinkern sagt. Er lässt seine Einweg-Handschuhe schnalzen und ist die Ruhe selbst, obwohl man von seinem Platz aus keinen Millimeter des grünen Rasens sieht. "Arbeit geht vor", sagt der 72-Jährige, der vor zehn Jahren schon mal in Amberg dabei war. Bis er 50 Jahre alt war, habe er selber Fußball gespielt. Und wenn ein Tor geschossen werde, dann bekomme er das schon mit.

Bis zur Halbzeit fällt sowieso keines. Plötzlich stürmen alle ins Freie, rauchen, trinken und tanzen. Die Band, die einem bis zu diesem Zeitpunkt schon fast leid getan hatte, weil sie kaum beachtet wurde, gibt Vollgas. Bei italienischen Gassenhauern wie Volare cantare schreien sich selbst die Männer in dunklen Anzügen die Seele aus dem Leib. Fußball? Nebensache. In der 73. Minute zieht kurz eine Polonäse durch den Saal. Vier Minuten später bricht die Band ihr Spiel ab. "Kurze Pause", sagen sie auf Deutsch ins Mikrofon - Italien hat gerade den Ausgleich erzielt. Das interessiert dann doch wieder alle. Roberto steht im Kreis seiner Sportskollegen. Dort wird gelacht und gesungen. Es hört sich so ähnlich an wie ein "Prosit der Gemütlichkeit". Am deutschen Nachbartisch wird "Schießts halt amal" in den Raum gebrüllt. In der 98. Minute hilft nur noch ein Grappa. Um 23.44 Uhr, der Elfmeter-Krimi ist in vollem Gange, umarmen sich Deutsche und Italiener wahllos. Die Aufregung zieht selbst die abgebrühtesten Ball-Verweigerer in den Bann. Her mit dem Spumante.

Wer jubelt jetzt eigentlich?


Egal wer schießt oder verschießt - an diesem Abend in der Feuerwache in Amberg wird immer gejubelt. "Besser hätte es nicht sein können", sagt Roberto und spricht damit aus, was wohl die meisten Gäste dieses Abends denken. Ermanno ist nirgends mehr zu finden und Francesco steht allein vor der Leinwand und tippt mit ernster Miene in sein Mobiltelefon. Die Reporterin lässt ihm den Moment der Ruhe. Die beste Mannschaft sitzt an diesem Abend sowieso in der Feuerwache und feiert ihre zehnjährige Freundschaft.

___



Weitere Bilder im Internet:

www.onetz.de/themen/em2016

Elfmeter sind Glückssache.Roberto Turcate, Vorsitzender des Sportvereins aus San Martino della Battaglia


Möge die bessere Mannschaft gewinnen.Francesco Tonioli (15) während des Spiels
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.