Kolumne: OTon
Bei so viel Tollpatschigkeit bist du platt

Tollpatschigkeit schmerzt. Wer nicht aufpasst, knallt schon mal mit vollem Karacho gegen eine Glasscheibe. (Foto: Bild: Gerhard Götz)

Ich bin der Pluspol. Alle Fettnäpfchen dieser Welt die Minuspole. Wir ziehen uns gegenseitig an. Schon immer. Ihr dürft mich „Mr. Tollpatsch“ nennen. Ich hab’s verdient. Denn wenn es um Ausrutscher und Peinlichkeiten geht, bin ich der Experte. Jahrelange praktische Erfahrungen liegen hinter mir.

Beispiel gefällig? Meine Frau legt mir einen Zettel auf den Küchentisch. „Schatz, kannst du bitte die Wäsche aufhängen?“ Kann ich. Raus in die Diele. Ein aufgebauter Wäscheständer. Ein Korb voller T-Shirts und Hosen. Deppensicher! Zehn Minuten und die Wäsche hängt. Zwanzig Minuten und es beginnt zu muffeln. Sechzig Minuten und es riecht, als hätte jemand Hundert nasse Waschlappen in einen Sack gesteckt, zugebunden und drei Tage später wieder geöffnet. Meine Frau kommt nach Hause. Die Haustüre ist gerade einen Spalt offen, als sie fragt: „Du hast aber nicht die dreckige Wäsche aufgehängt?“ Hab’ ich. Das erklärt den Mief. „Deppensicher? Sicher ein Depp!“, urteile ich über mich selbst.

Auf der Tollpatschigkeitsskala eine 8


Wenn ich wenigstens in der Arbeit nicht so dusselig wäre. Im Sommer vor zwei Jahren lerne ich: Tollpatschigkeit schmerzt. Herrliches Wetter, die Kollegen machen draußen eine Pause, rauchen und trinken Kaffee. Ich lasse mir einen Cappuccino aus dem Automaten. Mich und meine Kollegen trennt nur noch die Glastüre. Richtig: Ich Pluspol, Glastüre Minuspol. Volles Karacho krache ich dagegen. Ein Knall und drei Kollegen prusten los. Der Chefredakteur hat den besten Blick bei meinem Missgeschick. In meine Wangen schießt Blut vor Scham. Eine Beule erinnert mich Tage lang daran. Ein Post auf meiner Facebook-Pinnwand wohl lebenslang. Ein Kollege entdeckte: Es gibt auch andere, die gegen Glasscheiben knallen. In der Polizeiinspektion Mindelheim hängt ein Zettel mit der Aufschrift: „Auf Weisung des PP Schwaben muss hiermit dieses Schreiben an dieser Stelle angebracht werden, um darauf hinweisen, dass sich hier eine GLASSCHEIBE befindet.“ Mein Kollege teilt das Schreiben auf Facebook mit mir. Der Seitenhieb sitzt.

Ich könnte endlos weitere Beispiele ausführen. Niedergeschrieben würden meine Fauxpas ganze Bücher füllen. Müsste ich meine Tollpatschigkeit auf einer Skala von 0 (so souverän wie die Queen) und 10 (chaotisch wie Charlie Chaplin) einordnen, würde ich mir selbst eine 8 geben. Irgendwann habe ich die 8 wohl umgerempelt und sie ist zum Unendlichkeitssymbol geworden. Die Tollpatschigkeit war und ist mir stets ein treuer Begleiter.

Eine Ouvertüre als Bumerang


Deshalb brauche ich ein Ventil. Meins besteht darin, anderen Lügenmärchen zu erzählen und mich köstlich darüber zu amüsieren. Lieblingsopfer: meine Frau. Seit einem Schlüsselerlebnis werden meine Späße allerdings regelmäßig zum Bumerang. Alles fängt in Dresden an. Wir stehen vor der Semperoper. Ich sage zu meiner Frau prahlerisch: „Jetzt erklingt gleich die Ouvertüre.“ Fehler! Ich beherrsche weder ein Instrument, noch habe ich recht viel Ahnung von Musik. Meine Frau singt im Chor, und spielte jahrelang in einem Orchester. Dass ich weiß, das die Ouvertüre das einleitende Stück einer Oper oder Operette ist, beeindruckt sie wenig. Stattdessen verklickert sie mir, dass sich das ausleitende Stück Kuvertüre nennt. Ich glaube es und bin beeindruckt. Meine Frau kugelt sich vor lachen. Seitdem weiß ich: Unwissenheit ist ein Minuspol.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter von Oberpfalz Medien. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
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1 Kommentar
Thomas Dobler aus Schwandorf | 17.11.2016 | 11:37  
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