Kolumne: OTon
Der Lange Weg zur Untauglichkeit

Jeden Tag Tarnfleck und Springerstiefel. Das ist nicht jedermanns Sache. (Foto: dpa)

Bundeswehr? Bäh. Was haben die Leute nicht alles getan, um sich vorm Grundwehrdienst beim Bund zu drücken. Die Bundeswehr hat keinen guten Ruf. Dabei ist der Job wichtig, und den Soldaten und Soldatinnen gebührt höchste Anerkennung für ihre Dienste für das Land. Trotzdem war ich nicht sonderlich glücklich, als ich einrücken musste. Am Ende wollte mich dann die Bundeswehr nicht mehr haben.

Im Sommer 2010 stand noch die Wehrpflicht. Das hieß für junge Männer, nach der Schule oder Ausblidung geht’s ab zur Musterung. Dann entschied sich, wie das nächste Jahr aussieht: Mit dem Beruf, dem Studium beginnen, Zivildienst leisten oder jeden Tag um halb fünf aufstehen, um übers Kasernengelände zu marschieren.

Kurz vor der Musterung waren die Arztzimmer der Region gewöhnlich gut belegt. Plötzlich hatten viele Asthma. Mit der Krankheit sollte man eigentlich nicht spaßen, aber seltsamerweise häufen sich die Asthma-Fälle gerade bei Leistungssportlern im Ausdauerbereich und bei Männern, die kurz vorm Tauglichkeitstest der Bundeswehr stehen. Junge Männer, die zuvor jeden zweiten Tag über den Fußballplatz hetzten oder stundenlang im Fitnessstudio pumpten, klagten urplötzlich über Atemnot. Gerüchten zufolge soll es Leute gegeben haben, die sich extra eine Tüte Gras rein gepfiffen haben, um im Test durchzufallen. Oder Burschen, die wegen ihrem täglichen Alkoholkonsum nicht genommen wurden. Ob da alles stimmt, ist nicht bekannt. Jedenfalls hieß es dann: T5, ausgemustert.

Ich kam ohne Attest zum Wehrdiensttauglichkeitstest ins Kreiswehrersatzamt nach Weiden. Warum auch, ich zog ja ständig irgendwelche Verletzungen mit mir mit: Rücken, Sprunggelenk, Knie. Wird schon klappen mit der Ausmusterung. Klappte nicht: wehrdienstfähig. Na dann ab zur Bundeswehr. Sofort wurde mir eine Verwendungsliste vor die Nase gehalten: In welchem Tätigkeitsfeld wollen sie eingesetzt werden? Klare Sache – wenn schon Bundeswehr, dann natürlich als Scharfschütze!

Der berühmt berüchtigte Leistenbruchtest


Die zweite Fehleinschätzung, denn mit meiner Sehstärke war ich vom Beruf des Scharfschützen so weit entfernt wie die Musterung von einem Wellnessurlaub. Jeder, der sich schon einmal von den Händen des Amtsarztes für den Leistenbruchtest abgetastet wurde, weiß wovon die Rede ist. Bald flatterte die Einberufung ins Haus: Panzergrenadierbataillon 122 in Oberviechtach.

Jetzt hieß es für mich: „Ich bin kein Mensch, ich bin kein Tier – ich bin ein Panzergrenadier!“ Nur nicht lange. Denn diesmal war ich vorbereitet und mit einem Attest bewaffnet. Am ersten Tag mussten sich die Rekruten erneut einer medizinischen Untersuchung unterziehen. Und mein Zustand hatte sich seit der Musterung vor zwei Monaten erheblich verschlechtert. Mein Rücken wollte sich die kommenden Monate nicht antun. Bereits ein paar Stunden nach der Ankunft in der Kaserne hielt ich einen Zettel in der Hand, der mich von allen körperlichen Anstrengungen befreite. Das Ticket raus. In einer Woche sollte ich im Bundeswehrkrankenhaus die endgültige Untersuchung haben, die entscheidet, ob man doch noch ausgemustert wird oder nicht.

Die Beliebtheit hielt sich in Grenzen


Von daher bekam ich sieben Tage in der Kaserne geschenkt. Von der „Bundeswehr“, die man sich immer vorstellt, bekam ich da nicht viel mit. In den ersten Tagen dominierte etwas, das schon in der Schule nervte: die Theorie. Die neuen Soldaten lernten wie das Wehr organisiert ist, welche Dienstgrade es gibt, wie sie eine Krawatte binden oder wie T-Shirts zusammengelegt werden. Einmal ging es zum Trockentraining auf den Schießstand. Dorthin mussten die Rekruten mit dem 20 Kilogramm schweren Rucksack einen längeren Weg marschieren. Nur ich war befreit, meinen Rucksack musste ein Kamerad schleppen. Es hatte an die 35 Grad. Mann, musste der arme Tropf schleppen. Und Mann, muss ich in der Truppe beliebt gewesen sein.

Nach sieben Tagen wurden ich und fünf andere Neuankömmlinge ins Bundeswehrkrankenhaus gefahren. Alle Sechs wurden nachträglich ausgemustert. Einer litt unter Klaustrophobie, einer hatte bereits zwei Kreuzbandrisse. Warum die beiden überhaupt einberufen worden sind, ist ein Rätsel. Vermutlich wäre Asthma besser gewesen. Und ich? Ich konnte wegen meiner Schmerzen nicht einmal einen Kasten Wasser tragen, wie ich dem Arzt berichtete. Der fand dann irgendwelche Probleme mit Wirbelsäule und Rücken, das bedeutete: wehrdienstunfähig. Damit endete meine Zeit als Panzergrenadier nach nur sieben Tagen.

Aber ich verließ die Bundeswehr nicht, ohne etwas fürs spätere Leben mitgenommen zu haben: Zwei Paar Springerstiefel, zwei Paar T-Shirts, Badelatschen und zwei olivgrüne lange Unterhosen.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
4 Kommentare
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Stefan Kreuzeck aus Pfreimd | 23.09.2016 | 17:14  
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Wittmann P. M. aus Vohenstrauß | 26.09.2016 | 11:08  
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Stefan Kreuzeck aus Pfreimd | 26.09.2016 | 12:05  
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Wittmann P. M. aus Vohenstrauß | 26.09.2016 | 12:48  
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