Kolumne: OTon
Die Oasen des Weltenbummlers

Symbolbild: Konrad

In den Oberpfälzer Auen leben Nussbaumpflanzer, Bauunternehmer und zum Christentum konvertierte Muslime. Es wird getagt, getauft und betoniert – meistens am gleichen Tag. Wenn man als Journalist diese Termine nacheinander wahrnimmt, kann einen das ganz schön durcheinander bringen. Zum Glück gibt es ja eine Sache, die überall gleich ist.

Mein Termin ist um 7.30 Uhr. Bis nach Tirschenreuth fahre ich etwa eine Stunde. Für die Reportage brauchte ich noch einen Aufhänger. Eine Geschichte mit Emotionen, über Menschen und Schicksale. Die Landratsämter und Rathäuser anzurufen, hatte nicht ausgereicht. Ich stelle mich darauf ein, meine Kontaktperson bis zum Mittag zu begleiten. Doch dann muss sie plötzlich für eine Stunde weg. Etwas verloren stehe ich im Arbeitsamt. Ich war noch nie in Tirschenreuth, kenne keinen Menschen. Ich frage einen der Anwesenden, wie ich am besten an einen Kaffee komme. Er erklärt mir den Weg in den Ortskern.

Ich gehe den beschriebenen Weg entlang. Es nieselt. Über den nassen Asphalt dröhnen Autos an mir vorbei. Die Tirschenreuther scheinen Geländewagen zu mögen, fällt mir auf. Irgendwie ist heute alles zu früh. Ich hoffe, dass es nicht regnet. Einen Schirm habe ich nicht mitgenommen.

Gemütlicher Rückzugsraum


Etwas verwirrt überquere ich einen Parkplatz mit zwei Supermärkten. Vor der Kulisse der parkenden Autos hebt sich ein verfallenes Gebäude vom grauen Himmel ab. Ich rätsle, ob es ein alter Bahnhof ist, oder eine Fabrik. Einer der Supermärkte hat eine Bäckerei. In der Mitte des Platzes drehe ich um und kehre dort ein.

Hier ist alles wie immer: Das Licht ist hell und warm, die Raumtemperatur angenehm. Freundliche Bäckereifachverkäuferinnen reichen mir für einen kleinen Unkostenbeitrag Kaffee und Süßgebäck. Ich stelle mich an einen Stehtisch und genieße das Rhabarberteilchen. Es entpuppt sich als das beste, welches ich jemals gegessen habe. Noch beeindruckt von der Tirschenreuther Backkunst ziehe ich mein Smartphone hervor und checke die neuesten Nachrichten. Mit dem Handy in der einen und abwechselnd Kaffee und Plunder in der anderen brauche ich keine 15 Minuten, um meine Energie wieder aufzuladen. Danach geht es wieder hinaus in die Welt, zurück zum Termin.

Direkt und ehrlich


Bäckereien sind meine Oasen. Dort gibt es immer etwas zu Essen und zu Trinken. Oft kann ich mich auch hinsetzen. Dort kann ich nachdenken oder lesen. Ich suche mir aus, was ich will und bezahle an der Kasse. Dann kann ich gehen, wann ich möchte. Es gibt dort keinen umständlichen Firlefanz wie im Café: „Möchten Sie noch etwas?“ – „ja, die Rechnung bring ich ihnen gleich.“ Bäckereien sind direkt und ehrlich. Kuchen lügt nicht und ich muss keine Angst haben, über den Tisch gezogen zu werden, weil plötzlich der Kaffee 4,50 Euro kostet.

Zum Glück gibt es die Wohlfühl-Oasen überall in der Oberpfalz. Bisher habe ich immer eine finden können. Falls mich also jemand mal beim Bäcker sitzen sieht: Ihr wisst, was ich gerade tue.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
Weitere Beiträge zu den Themen: Bäckerei (23)OTon (50)Oase (4)
1 Kommentar
11
Benedikt Wolf aus Amberg in der Oberpfalz | 01.07.2016 | 20:25  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.