Kolumne OTon: Schwere Heimwerkerkunst
Endlich wieder alle Hemden im Schrank

Ich habe einen eigenen Schrank. Das war nicht immer so. Bis vor einigen Tagen stand in unserem Schlafzimmer: eine Kommode, ein Handtuchhalter, ein Regal und eine Kleiderstange auf Rollen. Gut, dazwischen war auch bereits ein Schrank. Das gebe ich zu. Aber den habe ich mir mit meiner Freundin Charlotte geteilt.

Bis das neue Möbelstück stand, war aber viel zu tun: Um zehn Uhr kam die Lieferung. Ich riss die Kartons auseinander und drappierte die Ware irgendwie im Schlafzimmer. Dann begann ich die Schrauben mit dem Schrauber einzudrehen, und die Einzelteile gemäß der Bauanleitung ineinander zu verhaken und zu verschrauben. Der erste Korpus stand so um elf. Dann kam Korpus zwei: Nach dem Zusammenbau musste ich ihn aufrichten. Er war doppelt so schwer wie der erste.

Das Risiko, sich und seiner Umgebung beim Aufrichten deutlichen Schaden zuzufügen, blendete ich aus. Dann die Schranktüren: Mit einer Hand balancierte ich die lose Tür mitsamt Scharnier vor den vorgebohrten Löchern an der Schrankinnenseite. In der anderen Hand hielt ich den Schraubendreher. Ich zielte auf die lose aufliegende Schraube. Unter dem motorisch-surrenden Geräusch des Geräts drückte sie sich in das Holz. Es funktionierte. Dann die Griffe: Die Löcher zeichnete ich mit Bleistift an und bohrte los. Wird schon gutgehen. Dann stand er da, der Schrank. Allerdings ohne Innenleben. Regalbretter und Kleiderstange fehlten.

Vor Montag fertig werden


Überall im Schlafzimmer lag Plastikfolie und Karton, Werkzeug, Schrauben und Einzelteile. Auch die Hälfte der Einrichtung stapelte sich auf einer Zimmerseite. Darunter der Handtuchhalter und die Kleiderstange auf Rollen. Überall waren Holzspäne. Und der Schrank war noch nicht fertig. So fuhren wir zu den Eltern meiner Freundin. „Ich muss das unbedingt noch vor Montag fertig machen“, sagte ich zu ihr.

Es war eine Erleichterung, als ich am Sonntag Schritt für Schritt die Innenteile anbrachte. Mit dem Einräumen des letzten Gürtels, dem Aufhängen der letzten Hose und dem Wegwerfen einer gewaltigen Menge Kartonage machte sich in mir ein Gefühl der Erleichterung breit. Der Aufbau-Wahn kam zum Ende. Die Dinge hatten wieder eine Ordnung. So viel Platz für mich alleine.

So viel Platz


Endlich finde ich wieder alle meine Socken. An der neuen Kleiderstange können die Hemden durchatmen und hinter der Schranktüre ist nun auf Hüfthöhe eine flache Schublade angebracht. Dort ist eine Einlage für neun Gürtel befestigt. Säuberlich zusammengerollt liegt dort mein Besitz in ganzer Pracht: ein schwarzer Gürtel, einer der sich von schwarz auf braun wechseln lässt und ein verfärbter brauner Gürtel mit rostiger Schnalle.

Interessiert kam Charlotte zum Begutachten ins Schlafzimmer. „Dein Schrank ist schon ziemlich groß“, sagte sie. „Können wir da noch was unterbringen?“

OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
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