Kolumne OTon
Smartphones zerstören den Filmgenuss

Für den perfekten Filmabend lohnt sich der Griff ins Blu-Ray-Regal.
Es hätte der perfekte Filmabend werden sollen. Meine Verlobte hatte mir vor Wochen schon Karten für die „Titanic“-Vorstellung in der Nürnberger Meistersingerhalle geschenkt. Der Clou: Ein Symphonie-Orchester spielt live die Filmmusik. Für Cineasten wie mich ein Fest.

Es lief anfangs auch alles gut. Anfahrt und Parkplatzsuche? Glückt auf Anhieb. Das Bierchen vor der Vorführung? Schmeckt. Die Filmauswahl? „Titanic“ geht immer. Weder die nur halb gefüllte Halle, noch das unfreundliche Personal konnten mir die Vorfreude auf das Kino-Erlebnis vermiesen. Bis zum Filmstart also alles cool so weit.

Innerliche Tobsuchtsanfälle


Einige Zuschauer schafften es jedoch, nach nur wenigen Minuten meiner Gelassenheit jäh ein Ende zu setzen, als sie ihre Smartphones aus den Hosentaschen holten, um das ungewöhnliche Arrangement aus Orchester und Leinwand fotografisch festzuhalten. Bisher dachte ich, dass es so etwas nur auf Rockkonzerten und selten auch im Theater gibt. Aber bei einem Kinofilm? Geht gar nicht.

Mich stört weder ein mit Popcorn bedeckter Boden, noch Zuschauer, die während des Films aufs Klo müssen. Das kann ich locker ausblenden. Selbst einen Nacho-schmatzenden Sitznachbarn nehme ich in Kauf. Beim Smartphone-Zücker bekomme ich aber innerliche Tobsuchtsanfälle. Für mich ist das ungefähr so nervig, als würde jemand in der Bibliothek eine Vuvuzela aus dem Rucksack holen und voller Inbrunst darauf tröten. Noch heftiger sind diejenigen, die den Blitz nicht ausschalten. Wozu das? Nur, um das Dabeisein bei einem Ereignis in den sozialen Netzwerken kundzutun und der Schnappschuss sowieso irgendwann im digitalen Nirvana landet? So viele Dislike-Buttons kann Facebook gar nicht erfinden, wie ich unter solch einen Post auf einmal drücken möchte.

"Das ist kränkend"


Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich bin kein Social-Media-Verweigerer. Auch ich bin auf diversen Plattformen unterwegs und halte tolle Momente mit meinem Smartphone fest. Aber ich verstehe einfach nicht, wieso manche bei öffentlichen Veranstaltungen jeglichen Anstand vermissen lassen. Sicherlich ist diese Dauer-Knipserei auch für die Musiker des Symphonie-Orchesters störend, denke ich mir. Dabei erinnere ich mich an einen Artikel, den ich schon vor längerem gelesen habe. Es ging darin um die Hamlet-Aufführungen in London – Benedikt Cumberbatch in der Hauptrolle. Der aus der „Sherlock“-Serie bekannte Brite brachte die Thematik auf den Punkt: „Das ist kränkend. Es gibt nichts, was unangenehmer für einen Schauspieler auf der Bühne ist.“ Ein Statement, das wohl stellvertretend für die Meinung vieler Künstler gelten dürfte, seien es Darsteller, Musiker oder Kabarettisten. Und für Zuschauer wie mich, für den bei der Vorführung nicht nur die Titanic, sondern auch einige Film-Momente untergingen.

Das ist kränkend. Es gibt nichts, was unangenehmer für einen Schauspieler auf der Bühne ist.


Letztlich war es aber dennoch ein versöhnlicher Abend. Die Orchester-Kinofilm-Kombination war trotz allem eine ungemein außergewöhnliche. Auch das Abschluss-Bier schmeckte. Außerdem bleibt mir der Trost, dass die „Titanic“-Blu-Ray wohlbehütet in meinem Wohnzimmer-Regal steht. Irgendwann hole ich sie da raus: Für den perfekten Filmabend – ganz ohne Smartphone.
2 Kommentare
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Hans Wurst aus Bärnau | 22.04.2016 | 11:37  
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Florian Brügge aus Freystadt | 26.04.2016 | 11:44  
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