Kolumne: OTon
Von Denkern und Meinungssagern

Aller Anfang ist schwer. (Foto: Gabi Schönberger)

Da sitze ich also, vor mir mein Laptop, der Bildschirm strahlt mir weiß entgegen. Das leere Dokument wartet darauf, mit Worten gefüllt zu werden. Puh. Ich bin noch nicht lange Volontärin und eine Kolumne habe ich noch nie geschrieben. Es verunsichert mich und ich bin ein bisschen aufgeregt. Das erzähle ich einer Kollegin. „Du kannst schreiben, worüber du möchtest. Alles ist erlaubt. Es gibt kein Richtig oder Falsch“, sagt sie zu mir. „Okay, da fällt mir doch bestimmt etwas ein“, denke ich mir. Wir schreiben schließlich jeden Tag.

Der Unterschied ist nur, dass wir Zeitungs-Journalisten sonst Fakten aufbereiten, informieren, Szenen beschreiben, Interviews führen. Jetzt aber soll ich über mich schreiben. Persönliche Dinge preisgeben. Geschichten aus meinem Leben erzählen. Erfahrungen teilen. Gar nicht so einfach für jemanden, der eher schüchtern ist. Ich habe mich ja, neben anderen Gründen, auch für diesen Beruf entschieden, weil ich besser zuhören kann als selber sprechen. Weil ich – zumindest meistens – erst nachdenke, bevor ich losplappere oder eben schreibe. Weil ich nicht gerne auf dem Präsentierteller im Mittelpunkt stehe, sondern lieber von der Seite beobachte.

Die Qual der Themen-Wahl


Das soll nicht bedeuten, dass ich keine eigene Meinung habe. Es gibt natürlich Themen, die mir wichtig sind. Für die ich mich einsetze, über die ich diskutiere. Aber jetzt stelle ich mir zu viele Fragen: Interessiert das die Leute? Was erwartet der Leser von einer Kolumne? Sicherlich möchte er unterhalten werden. Die Kunst der Kolumne ist es doch, lustig zu sein oder zumindest schweren Themen eine gewisse Leichtigkeit zu geben. Sie sollte sich leichter lesen, als sie sich schreibt. Ich könnte mich über Dinge, die mich ärgern, auskotzen. Aber verletze ich dann jemanden? Am besten ist es wohl, wenn sich Leser wiedererkennen in der Geschichte. Schmunzeln müssen, weil ihnen genau das gleiche auch schon passiert ist. Oder erleichtert darüber sind, dass andere mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben.

Ich denke also über mögliche Themen nach und denke und denke … und finde überall einen Haken: Nicht witzig genug, keine Pointe, keine Aussagekraft ...

Konstruktiv oder einfach unsensibel?


Dann begehe ich einen Fehler: Ich lese die Kommentare zu den anderen OTönen. „Ziemlich fies, wie hier manche urteilen“, denke ich mir. Ich bin nicht hypersensibel, kann mit Kritik umgehen. Aber was manche Menschen im Internet von sich geben, ist weder konstruktiv noch sachlich. Sie werden beleidigend. Da stehen viele Sätze, die ich - ein bisschen süchtig nach Harmonie - nicht gerne lese. Das erleichtert mir die Themenfindung nun wirklich nicht. Vielleicht ist es auch nicht besonders förderlich, dass ich vor meiner ersten Kolumne seit ein paar Wochen in unserer Online-Redaktion arbeite und jeden Tag die Facebook-Kommentare lese. Hier bekommen wir unmittelbar Resonanz - positiv wie negativ. Oft ist das hilfreich und wir lernen daraus. Aber manchmal lassen die Kommentare jegliche Sensibilität vermissen.

Deshalb möchte ich mich hier jetzt trotzdem ein wenig aufregen. Ich frage mich, ob manchen Internet-Usern bewusst ist, dass sie Artikel kommentieren, die nicht „die Medien“ geschrieben haben, wie es so oft heißt, sondern ein Mensch. Auch gegenüber anderen Kommentatoren ist die Hemmschwelle gering. „Realisieren die nicht, dass sie nicht einen Computer beleidigen, sondern diese Dinge einem realen Menschen an den Kopf werfen“, frage ich mich. „Würden sie sich im persönlichen Gespräch genauso ausdrücken? Oder schreiben sie einfach schneller, als sie denken?“

Der Kopf ist rund, damit die Gedanken die Richtung ändern können


Dann gibt es da aber auch die Menschen, die etwas zu sagen haben. Mit guten Argumenten. Die, die sich auf eine sachliche Diskussion einlassen und überzeugen wollen. Sich aber auch einmal überzeugen lassen. So oft lese ich die Kommentare unter Artikeln im Internet und lasse mich inspirieren von den Gedanken der anderen, überdenke meine Meinung neu. Aber selber etwas dazu schreiben – das tue ich nie. Schade eigentlich. Denn wie langweilig wäre die Welt doch, würden sich alle Menschen so viele Gedanken über die Folgen ihrer Worte machen und dann lieber nichts sagen?

Und das meine ich ganz ehrlich. Ich bewundere jeden, der impulsiv ist und direkt und sich für seine Meinung streitet – auch mal ohne Rücksicht auf Verluste. Danke an alle, die laut in die Welt hinausrufen, was sie denken, und unsere Gesellschaft dadurch so bunt machen. Eine Freundin hat erst vor kurzem zu mir gesagt: „Wenn ich so darüber nachdenke, es gibt nichts, was mir peinlich ist oder peinlich sein könnte.“ Um diese Einstellung beneide ich sie ein bisschen. Und versuche, mir - zumindest eine klitzekleine - Scheibe davon abzuschneiden und in Zukunft nicht mehr immer alles so kaputtzudenken.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
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