Kolumne: OTon
Wie unbeschwert war doch die Kindheit

Mit 18 Jahren erfolgt der offizielle Eintritt ins Erwachsensein. Doch wann ist das wirklich, ganz subjektiv, der Fall? Jeder, der in eine solche Phase kommt, spürt das. So wie ich. Ich habe vergangenes Jahr im Dezember meinen 30. Geburtstag gefeiert und vor ein paar Wochen standesamtlich geheiratet. Meine Gedanken kreisen um Dinge wie: Wo wird meine Frau ihr Referendariat bekommen, das sie im Februar beginnt? Wie soll der Grundriss meines Hauses aussehen, das ich in ein paar Jahren bauen möchte? Habe ich auch alle Versicherungen, die notwendig sind, oder muss ich noch welche abschließen? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um Kinder in die Welt zu setzen?

Cool wie ein Eiswürfel-pinkelnder Cowboy


Bei all dem Ernst des Lebens denke ich mir: Wie lässig war es doch, als ich den Dingen des Lebens ganz selbstverständlich nur die schönen Seiten abgewinnen konnte. Ich bin auch heute ein positiv denkender Mensch, würde ich behaupten. Aber als ich klein war, war Unbeschwertheit ein Dauerzustand. Kinder können fabelhaft die Momentaufnahmen und Freuden des Alltags genießen. Regen ist kein Ärgernis, sondern wundervoll, weil die Tropfen so schön auf der Nase kitzeln. Stundenlange Autofahrten sind nur öde, wenn ich vergesse die Hände bei vollem Fahrtwind aus dem Fenster zu halten. Und ein Schnitzelteller ist nur ein Schnitzelteller, wenn die Bedienung einen Chupa-Chups-Lutscher drauf legt. Die unstressigsten Tage sind jene, in denen Mädchen Jungs noch doof finden und umgekehrt. Selbst brenzlige Situationen meistern Kinder mit der Coolness eines Eiswürfel-pinkelnden Cowboys.

Wenn ich an mein siebenjähriges Alter Ego denke, habe ich sofort eine Szene im Kopf. Ich war damals mit einem vier Jahre älteren Schulfreund in der Kirche. In aller Stille passierte mir ein Malheur. Meinem Allerwertesten entfuhr eine hörbare Erleichterung. Zum Glück überkam mich ein Moment der Klugheit und ich blickte langsam zu meinem einen Kopf größeren Kumpel hinauf, der mit einem Mal so rot anlief, als hätte ihm jemand eine Paintball-Farbkugel ins Gesicht geschossen.

Schrei so laut und lange du kannst


Beim Blick auf diese Unbeschwertheit, muss ich sofort an meine Nichte denken, die vor ein paar Wochen das Licht der Welt erblickt hat. So eine stolzgeschwellte Brust wie am Tag ihrer Geburt hatte ich schon lange nicht mehr. Neben mir hätte sogar Ober-Gockl Christiano Ronaldo wie ein manisch Depressiver ausgesehen, der gerade Haus und Job verloren hat. Meine Onkel-Pflichten habe ich recht schnell erfüllt: Den Eltern von Herzen gratuliert, in die Wiege meiner Nichte ein Stofftier gelegt und mit meinem rechten Zeigefinger getestet, ob ihr Greifreflex auch richtig funktioniert. Ich fühle mich aber für mehr verantwortlich. Ich will meiner Nichte ein paar Tipps mitgeben. Nun denn: Liebe Nichte, wenn du etwas willst, schrei so laut und lange du kannst. Sei neugierig. Genieße an Schlechtwettertagen die Regentropfen, die so schön auf der Nase kitzeln. Und vergiss nie, auch nicht, wenn du einmal Erwachsen sein solltest: Das Leben ist schön.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter des Medienhauses „Der neue Tag“. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
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