Kornelia Schmid kämpft für Pflegestützpunkt
Nimmermüde Fürsprecherin

Die Staffelei, die sie von ihrem Vater bekommen hat, benutzt Kornelia Schmid als Flipchart, um aufzuzeigen, wie komplex das Thema Pflege ist. Damit sich die Betroffenen in diesem Dschungel zurecht finden, hält sie Pflegestützpunkte für dringend erforderlich. Bild: Sandig
 
Zwei Frauen, die ihre Stimme erheben für Tausende von Menschen, die daheim und damit unbemerkt von der Öffentlichkeit, Schwerstarbeit verrichten: pflegende Angehörige. Kornelia Schmid (links) und Hanni Schertl wünschen sich einen Pflegestützpunkt und fordern dies auch über Petitionen an den bayerischen Landtag. Bild: hfz

Pflegende Angehörige brauchen Beratung. Und Unterstützung. Hilfe sowieso. Sie dürfen nicht alleine gelassen werden. Kornelia Schmid kennt dieses Gefühl, wenn man nicht weiß, was einem zusteht, wohin man sich wenden soll. Sie wird nicht müde, das zu fordern, was in ihren Augen längst überfällig ist.

Erich Schmid sitzt an seinem Computer und arbeitet. Seit 22 Jahren leidet er an Multipler Sklerose, einer Krankheit, die nur bergab geht, niemals bergauf. Seit 22 Jahren kümmert sich seine Frau Kornelia um ihn. Die zwei Jahrzehnte haben sie zu einer Expertin in Sachen Pflege gemacht. Und immer wieder erhebt sie ihre Stimme für diejenigen, die zuhause in den eigenen vier Wänden Schwerstarbeit, oft rund um die Uhr, leisten: pflegende Angehörige. Aktuell kämpft sie für Pflegestützpunkte, nicht nur in der Region, sondern flächendeckend in ganz Bayern.

Eine Sache der Länder


Die Bundesregierung hatte es 2008 gut gemeint, findet Kornelia Schmid. Gemeinsam mit Spezialisten und Experten war ein Konzept erarbeitet worden, das genau das beinhaltete, was die Ambergerin fordert. "Problem war, dass das dann in die Verantwortung der Bundesländer übergeben und gesetzlich nicht so festgezurrt wurde", sagt sie. "Und von den Ländern macht jeder sein eigenes Ding." Vorbildlich findet sie die Umsetzung in Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern ("Da gibt es einen Pflegestützpunkt pro Landkreis oder kreisfreier Stadt"). In Sachsen werde gar nichts gemacht, in Bayern gebe es neun Pflegestützpunkte, acht davon in Franken.

Kornelia Schmid weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, plötzlich damit konfrontiert zu sein, einen Angehörigen pflegen zu müssen. Ihr Mann hat Pflegestufe II, er kann inzwischen nicht mehr alleine zur Toilette gehen. "Man findet sich rein, man macht's, man funktioniert", schildert seine Frau. So wie ihr geht es auch heute noch vielen Menschen. Sie hat sich mit Frauen, die in der gleichen Situation sind, zusammengetan. Und wünscht sich nichts sehnlicher als einen, wie sie sagt, ADAC für pflegende Angehörige. Kornelia Schmid vergleicht den Pflegestützpunkt gerne mit einem Pannendienst, weil es das ihrer Meinung nach am besten trifft. Ob Unfall, Herzinfarkt oder Schlaganfall: Schnell könne ein Mensch in die Situation kommen, gepflegt werden zu müssen. Dann sind oftmals der Partner oder die Kinder gefordert. Und für diese fordert Schmid eine "Beratung aus einer Hand". Das ist ihr wichtig und dafür will sie weiterkämpfen: "Es geht nämlich um viel, um verdammt viel."

Es seien zahlreiche Kleinigkeiten, die viele pflegebedürftige Angehörige nicht wüssten oder sich erst mühsam die Informationen zusammensuchen. Und dazu fehle ihnen oftmals die Zeit, vielfach auch die Kraft. "Der Staat ist da in einer hohen Verantwortung", sagt Schmid und bricht eine Lanze für alle, die sich um Pflegebedürftige kümmern: "Das ist ein wahnsinnig wertvoller Dienst." Häufig kommen pflegende Angehörige an ihre Grenzen, werden nicht selten krank ob der psychischen und physischen Belastung. Viele vereinsamen.

"Wir kämpfen weiter"


Die dreifache Mutter Kornelia Schmid kann sich nur dank ihrer Kinder eine Auszeit nehmen, wie eine Kur. Die letzte war vor vier Jahren. "Wenn mein Sohn in der Zeit meinen Mann pflegt, geht das." Sie kennt aber auch Fälle, in denen das nicht möglich ist. "Ich keine eine ältere Dame, die herzkrank ist, aber zwei Menschen pflegt." Gerade für die ältere Generation sei dies noch eine Selbstverständlichkeit. "Viele hören zum Arbeiten auf", weiß sie. Später dann landen diese Menschen oft in der Armutsfalle. "Da bekommt dann jemand Hartz IV, obwohl sie rund um die Uhr im Einsatz waren."

Kornelia Schmid und Hanni Schertl werden nicht müde, für die ihnen wichtigen Anliegen einzutreten: "Wir kämpfen für bessere Pflegebedingungen." Ausdrücklich schließt sie dabei auch die professionelle Pflege ein, "denn da hapert es auch gewaltig". Des Öfteren brachte die Ambergerin ihr Anliegen in die Öffentlichkeit, zum Beispiel bei Flashmobs auf dem Marktplatz, wozu über soziale Netzwerke aufgerufen worden war. Jetzt läuft eine Herz-Aktion. "Wir haben auf unserer Facebook-Seite Herzen mit verschiedenen Texten", erklärt sie. Einmal pro Monat würden Facebook-Nutzer diese auf die Profilseite des Bundesgesundheitsministeriums schicken. "Pflegende Angehörige müssen eine Lobby bekommen, wir müssen Politiker und die Gesellschaft darauf aufmerksam machen", fordert Schmid.

"Wir sind die Experten"


Sie selbst habe einst als stille Einzelkämpferin angefangen, doch mit der Zeit seien es immer mehr Mitstreiter geworden. Kornelia Schmid freut sich jetzt über viele Mitglieder der Facebook-Gruppe: "Und es werden immer mehr." Sie würde sich wünschen, die Politik würde, bevor sie Entscheidungen trifft, Menschen wie sie mit ins Boot holen, um von deren Erfahrungen mit der häuslichen Pflege zu profitieren. "Wir sind die Experten", unterstreicht sie. Die Ambergerin kann sich noch gut an eine Expertentagung erinnern: "Auf dem Podium saßen lauter Leute, die nicht pflegen." Es werde immer nur über pflegende Angehörige gesprochen, "aber nicht mit ihnen", bemängelt sie. Für einen Pflegestützpunkt in der Region bräuchte man zwei Vollzeitstellen. Ideal wären ein Sozialpädagoge und ein Mitarbeiter aus dem Gesundheitswesen mit einer Pflegeberater-Ausbildung. Aufgeben wird Kornelia Schmid so schnell nicht: "Für eine gute Pflegeberatung - da kämpfe ich weiter." Ihr geht es aber nicht primär nur um die hiesige Region, "sondern um ganz Bayern".

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Weitere Informationen: www..facebook.com/pflegestuetzpunkteinbayern
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