Landrat Reisinger mitten im Machtkampf des Volksbunds
Grabenkämpfe um Kriegsgräberfürsorge

Gerade die Jugendarbeit des Volksbunds mit internationalen Workcamps wie "Versöhnung über den Gräbern - Arbeit für den Frieden" gilt als vorbildlich. Der Volksbund erhält, errichtet und pflegt 832 Kriegsgräber des Ersten und Zweiten Weltkrieges in 45 Staaten. Die Fläche der Friedhöfe umfasst mehr als 1000 Fußballfelder. Archivbilder (2): dpa
 
Da war die Welt noch in Ordnung beim Bundesvorstand des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge: Vizepräsident Richard Reisinger, Präsident Markus Meckel und Vizepräsident Wolfgang Schneiderhan (von links).

Vertrautes Straßenbild im November: Aktive und alte Kameraden sammeln mit der Blechbüchse Spenden für die Pflege von Soldatenfriedhöfen, "die zum Frieden mahnen". Jetzt tobt beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge selber ein (Macht-)Kampf: Mittendrin ein Oberpfälzer.

Eigentlich bringt den Landrat von Amberg-Sulzbach so schnell nichts aus der Fassung. Richard Reisingers humorige Gelassenheit ist jedoch dahin, wenn die Rede auf den Volksbund kommt. Der Oberpfälzer leitet am morgigen Freitag in Göttingen eine in der Geschichte der honorigen Organisation beispiellose Sitzung. Im Ehrenamt als stellvertretender Präsident lässt Reisinger beim Bundesvertretertag über die Abberufung von Präsident Markus Meckel abstimmen. Meckel ist nicht irgendwer, sondern Pastor, Widerstandskämpfer gegen das SED-Regime und vorletzter Außenminister der DDR.

54 Anträge auf die Abberufung Meckels türmen sich nach NT/AZ-Informationen zwischenzeitlich auf. Alle Landesverbände - außer Mecklenburg-Vorpommern - drängen auf seine Demission. Auf Reisinger lastet die Sitzungsleitung, denn der zweite Vize-Präsident, Bundeswehr-Generalinspekteur a. D. Wolfgang Schneiderhan, weilt in den USA. Schirmherr des Volksbunds ist übrigens Bundespräsident Joachim Gauck.

Operativ "durchregieren"


Als völlig gestört gilt das Verhältnis des Präsidenten zu Generalsekretärin Daniela Schily (Nichte von Otto Schily). Da Meckel auch operativ "durchregieren" will, lähmen "Kompetenz-Kollisionen" die laufende Arbeit. Außerdem wird kolportiert, dass sich Meckel herzlich wenig um die hochkarätig mit Politikern, aber auch Wissenschaftlern besetzten Gremien des Volksbundes schert. "Sie möchten entsprechend der Satzung kooperativ und konsultativ einbezogen werden. Hierin liegen offensichtlich die entscheidenden Defizite in der Amtsführung Meckels", meint Reisinger.

Scharfe Schüsse kommen vom "Oberpfälzer" Generalmajor a. D. Jürgen Reichardt. Der ehemalige Kommandeur der Panzerbrigade 10 in Weiden und letzter Befehlshaber der Panzergrenadierdivision in Regensburg wirft Meckel vor, sich über die gefallenen deutschen Wehrmachtssoldaten moralisch zu erheben und die Idee der Kriegsgräberfürsorge zu verwässern. Reisinger hält diesen Vorwurf als "durchaus gerechtfertigt". Stein des Anstoßes ist hier das neue Leitbild, "das nicht den uneingeschränkten Gefallen eines jeden Landesverbandes findet". Auch der Landesverband Bayern lehnt es ab, weil das Leitbild weitreichende Aussagen zur geschichtlichen Bewertung der Kriege vornehme. "Wir halten sie in einem Leitbild schlichtweg für nicht notwendig, da wir uns in der Sorge um die Gräber aller Soldaten verpflichtet fühlen, nicht mehr und nicht weniger", betont Reisinger.

Feuerwehr-Jubiläum näher


Der Amberg-Sulzbacher Landrat war in seiner Zeit als Lehrer mit dem Volksbund und seiner "hervorragend pädagogisch konzipierten Jugendarbeit" (Workcamps auf Friedhöfen, Jugendbegegnungsstätten im Ausland u.a.) in Berührung gekommen. Reisinger wurde in den Bundesjugendausschuss gerufen, bald führte er dieses Gremium als Vorsitzender; es folgte die Kooptierung in Bundesvorstand und -präsidium. 2013 wurde er zu einem der zwei Vizepräsidenten des Volksbundes gewählt.

Inzwischen könnte Richard Reisinger als Vize-Präsident reichlich reisen, etwa zu Kranzniederlegungen in El Alamein oder auf die Orkney-Inseln im Beisein der königlichen Familie. "Aber da ist mir das Feuerwehr-Jubiläum beispielsweise in Ebermannsdorf näher." Morgen kommt auf den Obergefreiten d. R. aus der Oberpfalz die heikelste Aufgabe seiner politischen Karriere zu: die "Moderation" der Abberufung von Volksbund-Präsident Meckel.
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