Laura (31) erzählt ihre Geschichte zum Tag gegen Gewalt an Frauen
Geschlagen vom eigenen Vater

Frauen, die Gewalt ausgesetzt sind, haben oft eine Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen. Am Tag der Gewalt gegen Frauen erzählt Laura (Name der Redaktion bekannt) ihre Geschichte. Symbolbild: dpa

Der Nachbar hätte doch etwas bemerken müssen? Laura lief im Winter öfter ohne Jacke und nur mit Birkenstock an den Füßen aus dem Haus und versteckte sich in der Nähe des Spielplatzes. Dort ging er vorbei. "Er hat mich gesehen, aber nie gefragt, warum ich mich verstecke." Laura, damals ein Kind, heute 31 Jahre alt, versteht das immer noch nicht.

Aber das ist auch nur eine Nebensache in ihrer Geschichte, die sich so in einer Oberpfälzer Familie ereignet hat, inmitten ländlicher Dorfidylle. Die Misshandlungen von Laura geschahen nicht von heute auf morgen. Sie schlichen sich nach und nach in ihr Leben. Sie sagt, der Vater habe sie einfach besonders gern "runtergeputzt". Er habe sich vielleicht überfordert gefühlt im Beruf, erklärt sie heute - das Ergebnis langwieriger Therapien. Als Laura in der neunten Klasse war, hätten sich diese Beleidigungen gehäuft. "Erst kam seine Computerspielsucht und dann der Alkoholismus." Mit dem Griff zur Flasche wurde ihr Vater gewalttätig. Er ohrfeigte sie bis zum Umfallen, dann trat er das Mädchen noch mit Füßen, als sie schon am Boden lag. Dieser Terror begann mitten in der Pubertät, da war Laura 13 Jahre. "Meine Mutter hat mich nie in Schutz genommen, obwohl sie es wusste." Die Großeltern hätten viel später zu ihr gesagt, dass sie nicht gedacht hätten, dass er so weit gehen würde. Was nützte es ihr? "Es gibt nur wenige Leute, die auf so etwas eingehen können", erklärt sie, warum sie niemandem etwas erzählte und die Gewalt lange erduldete. Erst vor zwei Jahren zog sie von zu Hause aus. "Und es gibt nur wenige, die damit umgehen können." Das hat die 31-Jährige längst begriffen, sie, die immer wieder die Schläge einstecken musste. "Du bist einfach gegangen, und ich? Jetzt kann ich doch die Mama nicht allein lassen", wiederholt sie die Worte ihrer Schwester als sie es endlich geschafft hatte, sich vom Elternhaus zu lösen. Laura schüttelt den Kopf. Ein bisschen fassungslos, ein bisschen traurig, sie muss jetzt nach vorn blicken. Das hilft.

Jugendamt hilft nicht


Als eine der Besten machte Laura einen Abschluss in der Hauswirtschaftsschule. Einen Freundeskreis hatte sie damals nicht. "Ich wollte nicht, dass jemandem auffällt, was bei mir zu Hause los ist." Sie wollte ihr Fachabitur machen und schmiss kurz vorm Abschluss in der Zwölften die Schule. Damals besuchte sie zum ersten Mal eine Therapie. Ihr Vater bezeichnete sie gerne als Nichtsnutz. "Alkoholiker pöbeln gern", meint sie. Zwischen abgebrochener Kinderpflegerin-Ausbildung und Gelegenheitsjobs bei einer Leiharbeitsfirma versuchte sie "irgendwie durchzukommen". Aber immer mehr begriff sie, dass das nicht mehr zu schaffen ist. Sie wurde vorstellig beim Jugendamt. "Aber die haben nicht mal bei uns daheim angerufen." Regelmäßig büchste sie aus. Verbrachte Stunden im Winter mit einem T-Shirt bekleidet auf einem Spielplatz. "Da hat mich regelmäßig ein Nachbar gesehen." Ein Bekannter, so alt wie ihr Vater, dem sie sich anvertraut hatte, forderte für sein Schweigen schließlich sexuelle Gefälligkeiten. Das war aber noch nicht das Schlimmste. Als Laura Mitte 20 war, traf sie einen Sandkastenfreund, mit dem sie gut reden konnte. Sie verabredeten sich für den Abend in einer Discothek. Dort lernte sie jemanden kennen, der sie am selben Abend vergewaltigte.

Körper zerstörte sich selbst - Therapie hilft


Laura ging am nächsten Tag zur Polizei, wurde an die Kripo weitergewiesen, nach einer dreistündigen Vernehmung erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. "Ich hörte immer mehr die Vorwürfe heraus, ich wäre selber schuld." Spuren wurden nicht gesichert. Ihre Lehre daraus: "Suchst du Hilfe, bekommst du nicht unbedingt Hilfe." Warum sie es doch letztendlich schaffte, von zu Hause wegzugehen? "Ich war körperlich am Ende. Ich hatte permanent Nasen- und Stirnhöhlenentzündungen, regelmäßig Nierenbeckenentzündungen, ich war vier Mal in Folge im Krankenhaus wegen akuter Entzündungswerte. Mein Körper zerstörte sich selbst." Die Erkenntnis kam ganz plötzlich. So rasch, dass sie mit einer Tasche, die sie für einen Krankenhausaufenthalt gepackt hatte, in ein Frauenhaus zog. Diesen Entschluss hatte sie noch in der Notaufnahme gefasst. Es folgte das Abtelefonieren der Frauenhäuser in der Oberpfalz. "Alle waren voll, alle hatten eine Warteliste. Ich dachte mir: In welcher Welt leben wir eigentlich?" Nur in Amberg ergatterte sie ein Plätzchen. Sie lächelt wieder. Aber gut war deswegen alles noch lange nicht. Sie lernte einen Mann kennen, den falschen. Sie zog zu ihm, er schlug sie. Doch sie zeigte ihn an. Ein kleiner Sieg.

Darüber kann sie heute sprechen, natürlich weil sie in Therapie war, aber vor allem auch, weil sie sich in ihrer neuen Beziehung sicher fühlt - ein Mann, der ihr auf Augenhöhe begegnet und den sie erst kennenlernte, nachdem sie auf eigenen Beinen stand, in ihrer eigenen Wohnung. "Das ist die erste Partnerschaft, die ich nicht unter dem Gefühl der Einsamkeit entwickelt habe", meint die 31-Jährige. Und das Kapitel Hartz IV, das kriege sie jetzt auch noch in den Griff.

Infografik: Gewalt gegen Frauen bleibt auf hohem Level | Statista

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Drei Menschen, die Laura halfen


Heute, am Vortag des Tages gegen Gewalt an Frauen, erzählt Laura (Name der Redaktion bekannt), ihre Geschichte. Sie will damit anderen Frauen Mut machen, ebenfalls ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und sich nicht länger malträtieren zu lassen. Es gibt drei Menschen, denen sich Laura zu Dank verpflichtet fühlt, nicht nur weil sie ihr geholfen haben, sondern "weil es die richtigen Menschen an den richtigen Stellen waren".

Der Sozialdienst katholischer Frauen mit Sozialpädagogin Sabine Kreiner. "Ohne sie hätte ich es nicht geschafft", sagt Laura. Der SkF bietet in seinen Schutzwohnungen drei Frauen und bis zu vier Kindern Platz. Dort fand auch Laura Unterschlupf. "Die Zahlen variieren von Jahr zu Jahr, da es sehr unterschiedlich ist, wie lange die Frauen bei uns bleiben müssen. Im Jahr 2015 waren es 16 Frauen und 12 Kinder." Die Oberpfalz ist beim Thema Frauenhäuser und Schutzwohnungen tatsächlich unterversorgt: "Der Bedarf wäre weitaus größer, als das, was wir anbieten können. Oft müssen wir auf die umliegenden Häuser in Schwandorf, Weiden oder Regensburg verweisen. Die "Arche" - wie die Schutzwohnungen in Amberg genannt werden - gibt es seit 1993.

Der Weiße Ring: Hier bekam Laura einen Anwalt empfohlen. In dem Amberger Rechtsanwalt Jörg Jendricke fand sie ihrer Aussage nach eine Person, die "absolut hinter mir steht", sagt Laura.

Der Fachbereich Häusliche Gewalt der Polizeiinspektion in Amberg mit Polizeihauptmeisterin Tanja Ott . Sobald Menschen zu Hause mit Gewalt konfrontiert werden, steht ihnen Tanja Ott oder ihre Kollegin zur Seite - sowohl in strafrechtlicher, als auch rein informeller Hinsicht. 2016 seien die Zahlen der Häuslichen Gewalt signifikant gestiegen, sagte Ott.

Als Jugendliche denkt man sich: Nein, ich sage niemanden etwas, ich will ja nicht, das alles kaputt geht. Dabei ist schon alles kaputt.Laura (31), Opfer von Gewalt durch ihren Vater


Es ist nicht die Gewalt selber, die einen so fertig macht, sondern die Demütigungen und Beleidigungen. Sie sind schlimmer als die Tat an sich.Gewalt-Opfer Laura (31)


Frauen-NotrufWer sich bedroht, erniedrigt oder ohnmächtig fühlt, wer Schutz sucht, wer eine Misshandlung melden möchte, wer sein Leben neu gestalten will, kann die Notrufnummer des Sozialdienstes wählen. Er ist unter 09621/222 00 zu erreichen. "Die meiste Gewalt erleben Frauen in ihrem häuslichen Umfeld, das Zuhause ist der gefährlichste Ort für sie", sagt Christine Gunesch, die den Notruf für Frauen betreut. "Die meisten Verletzungen erleiden Frauen durch ihre Partner."
2 Kommentare
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Markus Ritter aus Amberg in der Oberpfalz | 24.11.2016 | 15:58  
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Volker Gebhard aus Amberg in der Oberpfalz | 25.11.2016 | 07:24  
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