Mann ohne Arme und Beine schreibt Buch
Janis McDavid ist ein ganz großer Mutmacher

Mann ohne Arme und Beine: Janis McDavid las am Donnerstagabend aus seinem ersten Buch "Dein bestes Leben" im vollen Audimax. Bild: wsb

Wie schüttelt man eigentlich jemandem die Hand, der gar keine hat? "Ich halte Ihnen einfach meinen Arm hin, Sie müssen sich keine Sorgen machen." Janis McDavid ist ein Mutmacher, der anderen ihre Barrieren in den Köpfen nimmt. Dabei hat er selber seit Geburt weder Arme noch Beine.

Seltsame Blicke? Sieht er nicht mehr. Hindernisse? Sind für den 25-Jährigen eine Herausforderung. Am Donnerstagabend sprach der Bochumer vor 190 Leuten im voll besetzten Audimax an der Ostbayerischen Technischen Hochschule - für den Autor bisher ein Besucherrekord. "Normalerweise kamen immer so 90 Leute." Der Tisch hatte in der Mitte eine kleine Erhöhung, darauf lag sein erstes Buch mit dem Titel "Dein bestes Leben. Vom Mut, über sich hinauszuwachsen", daneben stapelten sich Manuskripte. Und dort stand auch ein Wasserglas - ohne Strohhalm.

Fehlen der Gliedmaßen bedeutungslos



Als er viel später daraus trank, war für den Zuschauer der ungewöhnliche Bewegungsablauf schon etwas völlig natürliches: Er nahm erst das Glas mit dem Mund auf, stützte es mit dem Arm ab und hob es so leicht an. Zu diesem Zeitpunkt hingen die Gäste schon längst an seinen Lippen: Das Fehlen der Gliedmaßen war bedeutungslos geworden. Mit sonorer und angenehmer Stimme erzählte der blonde Wirtschaftswissenschafts-Student in Jeans und Ringel-Shirt von seinem Alltag.

Mit 19 Monaten erhielt er seinen ersten Elektrorollstuhl, mit acht Jahren realisierte er plötzlich im Garderobenspiegel, als sein Vater ihn und seine Geschwister vor der Schule zur Eile trieb: "Es sieht bescheuert aus, wie ich durch die Gegend hüpfe. Wie ein Ball. Oder ein verrücktes Känguru." Er probierte Prothesen, aber konnte das Gleichgewicht nicht halten. "Übrigens ziehe ich vor Ihnen den Hut, dass Sie das schaffen." Er besuchte die Waldorf-Schule, was ein Segen für ihn gewesen sei, denn er wollte nicht an eine Schule, die nur für Menschen mit Behinderungen ist. "Jedes Kind hat Fähigkeiten, die darauf warten, entdeckt zu werden", gab er seinen Zuhörern mit auf den Weg. Den Satz "Ich kann nicht", gebe es bei ihm in der Regel nicht.

Möglichkeiten und Lösungen


Er konzentriere sich auf Möglichkeiten und Lösungen - deshalb habe auch ein Artikel mit dem Titel "Blinken mit dem Hinterkopf" in ihm Feuer entfacht. Die Firma Paravan entwickelte für ihn einen Sprinter, den er allein steuern kann - mit einer Art Joystick. Damit war er auch nach Amberg gekommen. Inzwischen hat Janis McDavid 200 000 Kilometer gefahren. Derzeit ist er auf einer Lese-Tour zwischen Hamburg und Ebersberg.

Mit im Gepäck hat er mehrere Botschaften, auch politischer Art: Das Bundesteilhabe-Gesetz bedeute in vielen Punkten sogar Verschlechterungen. Bei der Einkommens- und Vermögensanrechnung ist es bisher Menschen mit Behinderung unmöglich, Rücklagen zu bilden. "Wir dürfen nicht mehr als 2600 Euro haben", und beim Einkommen liege die Grenze bei etwa dem doppelten Hartz-IV-Satz. Der jetzige Gesetzesvorschlag ist aus der Sicht des jungen Mannes "total demotivierend": "Die Gesellschaft verzichtet auf Potenziale und Fähigkeiten."

Speziell an die Amberger richtete der Motivationstrainer und Autor einen Wunsch: "Helfen Sie mit, unsere Welt barrierefreier und inklusiver zu machen." Das Wundernetz sowie das Katholische und Evangelische Bildungswerke hatten zu dem Abend mit freiem Eintritt geladen.

Drei Fragen an Janis McDavidWoher nehmen Sie Ihre Kraft?

Janis McDavid: Ich habe verschiedene Quellen. Aber die größte Kraftquelle sind wohl meine wunderbaren Eltern. Sie haben mir von Anfang an Motivation und Ehrgeiz mit auf den Weg gegeben und wollten, dass ich so unabhängig und selbstständig wie möglich werde.

Verzweifeln Sie nicht auch manchmal?

Ja. Manchmal klar. Vor allem, wenn ich in fremden Städten unterwegs bin, es kalt ist, ich mich gerne in einem Geschäft aufwärmen würde und wieder vor Stufen stehe, die eigentlich vermeidbar gewesen wären. Aber ich passe auf, dass ich nicht zu sehr an solchen Dingen verzweifle. Das tut meiner Gesundheit nicht gut.

Wie gehen Sie mit den Blicken um?

Ein bisschen fühlt man sich wie ein Star. Aber das ist nicht immer so. Ich habe mich mit der Zeit daran gewöhnt, ich blende die Blicke aus. Und wenn ich sie doch bemerke: Lächeln und zuzwinkern ist eine gute Taktik. (roa)

Barrierefreiheit testen


"Helfen Sie, Stufen zu beseitigen", gab Motivationstrainer Janis McDavid den Zuhörern seines Vortrags mit auf den Weg. Auch wenn der Mann ohne Arme und Beine ein Bewegungskünstler ist, das Amberger Kopfsteinpflaster hätte ihn vor Herausforderungen gestellt.

Genau das können die Bürger beim zweiten Aktionstag des Wundernetzes am Samstag, 24. September, auf dem Marktplatz testen. Von 10.30 bis 14 Uhr kann man mit einem Blindenstock und Augenbinde auf Erkundungstour gehen oder die Einschränkungen durch eine spastische Lähmung erfahren. Die Therapiehunde Janosch und Felix zeigen ihr Können und Roboter Nao stellt sich vor.

Um 11, 12 und 13 Uhr gibt es kostenlose Plättenfahrten, bei denen von der Arbeit des Wundernetzes berichtet wird. Anschließend findet um 15 Uhr eine barrierefreie und kostenlose Stadtführung rund um das Thema Amberger Hochzeit statt. Veranstalter ist die Tourist-Info Amberg. Treffpunkt ist der Hochzeitsbrunnen.

Natürlich bin ich eigentlich nur ein junger Student. Aber ich habe Erfahrung darin, Unmögliches möglich zu machen.Motivationstrainer Janis McDavid


Das Leben der Anderen Angemerkt von Andrea MußemannDie Deutschen sind ein Volk von Jammerlappen. Meistens geht's darum, dass ein anderer mehr hat. Diese scheinbare Ungerechtigkeit nagt am Lebensgefühl so lange, bis einer daherkommt, dem es noch schlechter geht. Plötzlich ist die eigene Situation gar nicht mehr so schlimm. Dieser Schizophrenie des Denkens setzt ein junger Mann einfach ein Ende, obwohl er offensichtlich am wenigsten von allen Anwesenden hat.

Ohne Arme und Beine geboren, macht er mit seinem Vortrag allen Menschen mit Gliedmaßen ein Geschenk: Er gibt ihnen den Mut, über sich hinauszuwachsen. Und damit einher geht auch die politische Botschaft, Menschen mit Behinderung am Leben teilhaben zu lassen. "Helfen Sie mit, unsere Welt barrierefreier und inklusiver zu machen."

Die Gedanken schweifen unweigerlich zur Odyssee rund um den Amberger Bahnhof, zum Kopfsteinpflaster, zu Behindertenparkplätzen, zur Barrierefreiheit bei öffentlichen Verkehrsmitteln, zur Inklusion an Schulen und in Kindergärten, ... die Baustellen sind zahlreich. Aber auch die Menschen, die auf ihnen ackern, werden immer mehr.

Zitate:

"Wenn ich aufhöre zu denken, was andere Leute denken, dann wird viel Energie frei."

"Als ich mit zehn Jahren das erste Mal alleine eine weiße Voll-Nuss-Schokolade kaufte, fühlte sich das an, als hätte ich den Mount Everest bestiegen."

"Leute mit Armen und Beinen sollten ihre Möglichkeiten öfter nutzen: Zum Beispiel jemanden mal in den Hintern treten. Oder auf den Tisch hauen."

"Man sagt ja schwulen Männern nach, dass sie auf Schuhe stehen. Das ist bei mir nicht anders."

"Mein Auto hat mein Leben verändert wie vorher nichts."

"Mit einem Joystick kann ich lenken, Gas geben und bremsen. So ähnlich funktioniert auch mein Rollstuhl."

"Probieren Sie es ruhig mal aus, nehmen Sie den Stift in den Mund, aber halten Sie ihn nicht mit den Schneidzähnen, sondern mit den Backenzähnen. Es kann sein, dass Sie Rechtshänder sind, aber besser mit den linken Backenzähnen schreiben."

"Mein Ziel für die Zukunft? Ich sollte vielleicht mal fertig studieren. Ich stecke immer noch im Bachelor."

(Motivationstrainer und Autor Janis McDavid)
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