Markus Neumann erzählt von seinem Einsatz auf der Sea Eye
Benzin, Urin und Salzwasser

Einsatz in den Morgenstunden: Die Sea Eye unter dem Kommando des Kümmersbruckers Markus Neumann war in den vergangenen Wochen an der Rettung von mehr als 1000 Bootsflüchtlingen im Mittelmeer beteiligt. In solchen Schlauchbooten versuchen die Menschen, von Libyen nach Italien oder Malta zu gelangen. Mehr als 100 Leute befinden sich in diesem Boot. Die Crew der Sea Eye hat sie mittlerweile mit Schwimmwesten versorgt.
 
Markus Neumann auf der Sea Eye. Der 48-Jährige fährt seit mehr als 20 Jahren zur See. Er gehört dem Verband der Sportboot- und Schiffbau-Sachverständigen an. Bilder: Neumann (2)

Das Mittelmeer ist zu einem Grab für Flüchtlinge geworden: Am Donnerstag hat die italienische Marine wieder einen gesunkenen Kutter geborgen, in dessen Wrack 675 Leichen schwammen. Markus Neumann ist in See gestochen, um solche Tragödien zu verhindern.

Zwei Wochen lang steuerte der 48-Jährige Seemann aus Kümmersbruck die Sea Eye, einen umgebauten Fischkutter aus DDR-Zeiten, zwischen den Küsten Libyens und Maltas, um nach Flüchtlingsbooten in Seenot Ausschau zu halten. Vor ein paar Tagen kehrte er nach Amberg zurück.

Herr Neumann, wie war der Einsatz. Haben Sie Menschen retten können?

Neumann: Wir waren schneller als gedacht mitten im Geschehen. Bereits in der ersten Nacht informierte uns die Seenotrettung in Rom, dass in der Nähe unseres Schiffes ein Schlauchboot mit Flüchtenden gesichtet wurde. Wir haben dann sofort die Suche aufgenommen und das Boot in etwa zehn Seemeilen Entfernung gefunden.

Was war das für ein Boot, und wie viele Menschen waren an Bord?

Das war ein mit mehr als 100 Leuten besetztes, völlig überladenes Schlauchboot mit einem Außenmotor, etwa 40 bis 60 PS stark. Völlig untermotorisiert. Dieses Boot hätte weder Italien, noch Malta erreicht. Die Menschen saßen zusammengekauert auf engstem Raum. Männer, Frauen und Kinder waren dabei. Sie alle befanden sich in akuter Seenot. Ein paar Stunden später, und sie alle wären ertrunken.

Im Laufe des Einsatzes kamen weitere Meldungen hinzu. Zunächst gingen wir von vier Schlauchbooten aus. Am Ende waren es sechs mit insgesamt mehr als 600 Menschen.

Wie läuft die Rettung dann ab? Haben Sie die Leute an Bord genommen?

Die Sea Eye nimmt erstmal keine Menschen auf. Wir setzen einen Notruf ab und versorgen die Bootsinsassen zuallererst mit Schwimmwesten. Wenn nötig, breiten wir eine Rettungsinsel aus, in die die Menschen umsteigen können, um die Boote zu entlasten. Wir bleiben dann so lange an Ort und Stelle, bis die Küstenwache oder ein Kriegsschiff kommt. Die Rettungszentrale in Rom koordiniert den Hilfseinsatz.

Was passiert mit den Geretteten?

Die Schiffe der Marine nehmen sie auf und bringen sie zu einem sogenannten Flüchtlings-Hotspot nach Italien.

Wie ging es dann für Sie und Ihre Crew weiter?

In der Nacht darauf folgte gleich der nächste Einsatz. Diesmal informierte uns die Sea Watch, ein Schiff, das wie die Sea Ey von Ehrenamtlichen gesteuert wird, dass sich ein Holzboot mit mehr als 300 Menschen in Seenot befindet. In der Nähe befanden sich auch noch zwei Schlauchboote mit jeweils rund 130 Passagieren. Die Leute im Schlauchboot wollten auf das Holzboot umsteigen. Doch das hätte den Kahn sicher zum Kentern gebracht.

Wie war die Situation in den Flüchtlingsbooten?

Die Menschen sitzen da drin in Lebensgefahr, zusammengepfercht in einer Mischung aus Benzin, Urin und Salzwasser. Man muss sich mal vorstellen, wie verzweifelt diese Leute sein müssen, um sich in eine solche Situation zu begeben. Die sind ja nicht dumm. Die wissen, was auf sie zukommt. Die Verzweiflung muss unfassbar groß sein.

Würden Sie das wieder machen. Kehren Sie zurück auf die Sea Eye?

Ich habe meinen Teil beigetragen. Das Projekt ist gut organisiert. Alle zwei Wochen wechselt die sieben- bis achtköpfige Crew. Da sind etliche Oberpfälzer dabei. Mit mir war zum Beispiel Reinhold Wagner aus Kümmersbruck an Bord. Bis Oktober sind die Crews bereits besetzt. Danach bleibt die Sea Eye im Hafen von Valetta, weil das Wetter einfach zu schlecht wird. (Angemerkt)

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Weitere Informationen und Bilder im Internet:

www.onetz.de/themen/sea-eye
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