Mit altem Kutter im Mittelmer Flüchtlinge retten
Sea Eye verschließt Augen nicht

Sie könnten der letzte Rettungsanker für Flüchtlinge im Mittelmeer sein: Volker Ignatz (links) wird im August an Bord der "Sea Eye" gehen, Reinhold Wagner Ende Juni.

Zwei hiesige Hobby-Segler sehen sich bei der Seemannsehre gepackt. Flüchtlinge, die über das Mittelmeer kommen, sind für sie potenzielle Schiffbrüchige. Wenn es so weit kommt, wollen sie zur Stelle sein.

/Kümmersbruck. Sie tauschen ihren Sommerurlaub gegen die Flüchtlingsrettung auf dem Mittelmeer: Die Crewmitglieder der Sea Eye halten vor der libyschen Küste nach schiffbrüchigen Flüchtlingen Ausschau. Bei der Rettung von 354 Menschen haben sie bereits geholfen. Wir haben mit zwei Besatzungsmitgliedern aus dem Raum Amberg über ihre Motive und Gefühle gesprochen.

Macht der Bilder


Volker Ignatz (42) aus Amberg und Reinhold Wagner (50) aus Kümmersbruck sind beide Hobbysegler und gerne auf dem Mittelmeer unterwegs. Doch irgendwann hielten sie die Nachrichtenlage nicht mehr aus. "Ich habe für mich festgestellt, dass ich im Mittelmeer nicht mehr nur baden und Spaß haben kann, wenn ich weiß, dass 200 Seemeilen weiter Menschen ertrinken", formulierte es Wagner. Dann erzählte ihm ein befreundeter Skipper, dass er plant, zwei Wochen auf der Sea Eye mitzuhelfen. Nun gehen die beiden Ende Juni gemeinsam an Bord. Acht Besatzungsmitglieder hat der 24 Meter lange ehemalige Fischkutter, der seit Mitte April zwischen Libyen und Italien kreuzt. Das Personal - ausschließlich ehrenamtliche Helfer - wechselt alle zwei Wochen. Aus sieben Gründungsmitgliedern der Initiative sind mittlerweile 150 Freiwillige aus der Region und darüber hinaus geworden. 70 von ihnen kamen am Samstag zum ersten Crewtreffen in Regensburg zusammen.

Freiwillige Opfer


Für Volker Ignatz war das Treffen vor allem wichtig, um die anderen Besatzungsmitglieder kennenzulernen, die bei seinem Einsatz im August mit auf See gehen. "Schließlich verbringe ich mit ihnen 14 Tage auf engstem Raum." Drei Wochen Urlaub hat sich der Amberger, der für ein Softwareunternehmen arbeitet, für die Aktion genommen. Die Anreise bezahlt er - wie alle anderen Freiwilligen - selbst. Seine Lebensgefährtin zeigte Verständnis und unterstützt das Vorhaben. Eine gemeinsame Reise mit ihr gebe es in diesem Jahr auch noch, sagt Ignatz, der sich für heuer extra eine Woche Urlaub aus dem Vorjahr aufgespart hat.

Reinhold Wagner, Kämmerer in Kümmersbruck, wird für den humanitären Einsatz drei Tage freigestellt. Für den Rest der Zeit nimmt er Urlaub. Seine erwachsenen Söhne finden es gut, dass sich der Vater engagiert, erzählt der Alleinstehende. "Sehr schön, wenn Menschen statt tatenloser Politik was in ihrer Freizeit uneigennützig in die Hände nehmen und dann so 'was auf die Beine stellen", habe ihm sein 19-jähriger Sohn Dominik per SMS geschrieben, erzählt Wagner. Das bringe für ihn das Projekt auf den Punkt. Initiiert hat die Rettungsmission der Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer. Er hat den betagten Fischkutter gekauft und organisiert die Crew-Einsätze. Die erklärte Mission: Vom Kentern bedrohte Flüchtlingsboote ausfindig machen, Ersthilfe leisten und die Seenotrufstelle in Rom alarmieren. Selbst Flüchtlinge an Bord nimmt die "Sea Eye" in der Regel nicht, dafür ist sie nicht ausgelegt.

Auf alles gefasst


Buschheuer selbst ist bei seinem 14-tägigen Einsatz auf der Sea Eye von "schlimmen Bildern" verschont geblieben, berichtete er in Regensburg. Klar ist aber, dass sich die Freiwilligen darauf einstellen müssen. "Wir sind dort am Ende der Menschlichkeit angekommen." 60 bis 130 Flüchtlinge würden nachts von Schleppern in viel zu kleine Schlauchboote gesetzt: ohne Proviant, fast kein Wasser, kaum Diesel.

"Kein Boot kann Europa erreichen." Klar ist auch, dass bei weitem nicht jedes Boot gerettet wird - und dass sich auf hoher See teils fürchterliche Szenen abspielen, zu Beispiel Menschen absichtlich von den Booten gestoßen werden. Ignatz und Wagner haben trotz dieser Erzählungen keine Angst vor dem Einsatz, "aber Respekt schon". Sie sind sich sicher: "Wir werden an unsere Grenzen stoßen."
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