Molotowcocktail auf Flüchtlingsunterkunft
Mordversuch oder Denkzettel

Durch dieses Fenster warf der 25-Jährige die Flasche. Ob absichtlich oder nicht, muss nun das Landgericht klären. Bild: Steinbacher

Der Angeklagte liefert seine unterdessen vierte Version. Sie lautet abgekürzt: Molotowcocktail zusammen mit einem anderen gebastelt, in Richtung Hirschauer Asylbewerberheim geworfen und, völlig unbeabsichtigt, ein Fenster getroffen. Der 25-Jährige wollte angeblich nur erschrecken, ohne jeglichen Tötungsvorsatz.

Amberg/Hirschau. (hwo) Was soll das Schwurgericht denn nun wirklich glauben? Als der des neunfachen Mordversuchs und der versuchten schweren Brandstiftung angeklagte 25-jährige Mechatroniker nach einer Erklärung seines Verteidigers Kurt Alka (Erlangen) zu reden begann, unterbrach ihn irgendwann Staatsanwalt Tobias Kinzler und stellte fest: "Das ist nun mittlerweile Ihre vierte Version von dem, was sich am 7. Februar dieses Jahres zutrug."

In erster Linie ist von Bier die Rede. Von viel Bier, das der gebürtige Kasache getrunken haben will. Sechs Halbe oder mehr den Tag über. Abends stand dann, wie er sagt, ein voller Kasten da, der sich in Gegenwart anderer Zechkumpanen nach und nach leerte. "Auch Schnaps?", fragte die Schwurgerichtsvorsitzende Roswitha Stöber. "Ich nicht, aber eine Flasche Wodka gab es", lautete die Antwort.

Präparierte Bierflasche


Um 1.33 Uhr an diesem Morgen des Fachingssonntags flog eine präparierte Bierflasche durch ein Fenster im ersten Stock einer Hirschauer Asylbewerber-Unterkunft. Sie landete auf dem Bett eines schlafenden Somaliers. Der 24-Jährige berichtete: "Es roch nach Petrol." Neben ihm waren acht weitere Leute im Haus, darunter zwei Kinder. Vorrangig Menschen aus Syrien. Zu einem Brand kam es nicht. Wohl aber stellte die Polizei fest, dass der im Flaschenhals steckende Pfropfen aus Vliesstoff vorher angezündet worden war. "Warum?", wurde der Beschuldigte gefragt. Die Erklärung war nicht nachvollziehbar: "Damit die Flaschenöffnung oben dicht wird."

Die Stunde der Fragezeichen ging weiter. Der Familienvater räumte ein, den Molotowcocktail hergestellt zu haben. Dies soll unter Mithilfe eines Landsmanns geschehen sein. Den 46-Jährigen, damals im gleichen Anwesen wie er wohnend, will er bisher im Hin und Her seiner Angaben aus der Schusslinie gehalten haben. "Jetzt sage ich die Wahrheit". Nämlich: Danach sei man gemeinsam zu dem nur ein paar Schritte entfernten Ausländerwohnheim gegangen. Eines wusste der 25-Jährige dabei sehr genau: "Ich habe geschwankt."

"Völlig unbeabsichtigt"


Dann flog aus seiner Hand die Bierflasche. Eigentlich nach Worten des 25-Jährigen dazu gedacht, an der Mauer zu zerschellen. "Es hätte einen Bumms geben sollen", räumte er ein. Doch der Glasbehälter sei völlig unbeabsichtigt an einem Fenster aufgeschlagen und habe es durchbrochen. Niemals so gewollt, noch viel weniger in Brandstiftungs- oder gar Tötungsabsicht. Eigenartig: Breite Mauern, dazwischen das Fenster. Ganz schlecht gezielt oder glatt gelogen?

Die Vorsitzende verlangte nach näheren Erklärungen. Was sie unbedingt wissen wollte, war: "Warum dann vorher das Präparieren der Flasche?" Sie hätte doch auch leer oder womöglich mit Bier gefüllt geworfen werden können. "Weshalb dieser Aufwand?" Was zurückkam, war ausweichend. Dazu wurde der Satz wiederholt: "Es hätte einen Bumms geben sollen." Was befand sich in der Flasche? Nach Angaben des Angeklagten Wodka und obendrauf ein Stück mit Bremsenreiniger getränkter Vliesstoff. Doch es war wohl kein Wodka. In den Behälter wurde Weizendoppelkorn gefüllt.

Über Politik debattiert


Egal was: Ob das alles von der Entflammbarkeit her gereicht hätte, um einen Brand zu entfachen, wird sich zeigen. Dafür gibt es einen Sachverständigen. Wie kommt jemand dazu, so mit Asylbewerbern zu verfahren? Auch dafür hat der Übersiedler am ersten Verhandlungstag eine Erklärung geliefert. Man habe, so erfuhren die Richter, am besagten Abend über Politik debattiert und in diese Unterhaltung auch die vermeintliche Vergewaltigung einer Schülerin durch Ausländer in Berlin mit einbezogen. Da sei wohl eine Art Denkzettel erörtert worden. Als sie das hörte, entfuhr es der Vorsitzenden völlig perplex: "Aber es waren doch ganz andere, die da in Hirschau wohnten."

"Entschuldigen Sie", sagte der 25-Jährige zu zwei Männern aus Somalia und Syrien, als diese ausgesagt hatten. Dabei erhob sich eine erneute Frage: War das womöglich ein Akt gespielter Reue, um den Kopf aus der Schlinge zu bringen? Am Mittwoch soll nun jener Zeuge kommen, der in die Rolle des angeblichen Mittäters geraten ist. Der 46-Jährige bringt vorsorglich einen Rechtsbeistand mit.
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Reinhard Scheffler aus Amberg in der Oberpfalz | 09.11.2016 | 03:15  
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