Nach Geständnis kurzer Prozess
Kiloweise Crystal Speed verkauft

50 Gramm Crystal Speed holten Zivilfahnder aus einem Kofferraum. Kein allzu großer Fall scheinbar. Was daraus wurde, geriet zur Lawine. In den Akten standen zum Schluss 14,5 Kilo Drogen, die von Schwandorf aus drei Monate lang an Abnehmer im ganzen Bundesgebiet verhökert wurden.

Amberg/Schwandorf . Der Mann auf der Anklagebank packte aus. Er hatte jede Kleinigkeit im Gedächtnis und schilderte eine Stunde lang, wie das zwischen Dezember 2014 und März 2015 zuging, als nahezu ständig neue Lieferungen aus der Tschechischen Republik in Schwandorf eintrafen.

Sehr zum Unwillen seines neben ihm vor der Ersten Strafkammer des Landgerichts sitzenden Freundes. Denn der hätte lieber geschwiegen zu einem Rauschgifthandel, der nach Einschätzungen des Staatsanwalts Tobias Kinzler mit neun bis zehn Jahren Haft hätte ausgehen können.

Kiloweise Drogen


Die beiden Männer, 28 und 29 Jahre alt, hatten in Schwandorf eine gemeinsame Wohnung. Von dort aus starteten sie zu Fahrten ins Nachbarland. Nicht weit von Selb entfernt wurde ein gewisser Miroslav aufgesucht, der Drogen beschaffen und liefern konnte. Miroslav wurde bar bezahlt, zwei Tage später kam er mit seiner heißen Ware nach Schwandorf. Pünktlich, zuverlässig, immer mit einem Kleinkind im Auto und mit Rauschgift im Reservereifen. Als später Amberger Kripofahnder einen Strich unter ihre Nachforschungen zogen, standen da 2,8 Kilo Crystal Speed und 23 Pfund Marihuana.

Das "Auslieferungslager" befand sich im Schwandorfer Hochrainviertel. Von dort aus entwickelte sich über drei Monate hinweg eine Art Bestell-Service für Kunden bis ins Saarland. Sehr einträglich für die beiden "Großhändler". Sie hatten Crystal Speed für 15 Euro pro Gramm angekauft und verhökerten es für 50 bis 70 Euro pro Gramm. Marihuana wurde für 3,30 Euro aus Tschechien angefordert und brachte im Verkauf das Doppelte. Rund 150 000 Euro seien dabei eingenommen worden, bilanzierte der Staatsanwalt. Die Gelder flossen später offenbar weitgehend in Spielautomaten. Die Geschäfte liefen gut, unentdeckt und gewinnbringend. Bis Zivilfahnder am 17. März letzten Jahres in Schwandorf einen Leihwagen mit Münchener Kennzeichen kontrollierten. Sie fanden 50 Gramm Crystal Speed im Kofferraum und nahmen den am Steuer sitzenden 28-Jährigen fest. Während der Beifahrer (29) flüchtete, legte sein Kumpel am Steuer ein Geständnis ab, das völlig ungewöhnlich war: Der Mann schilderte spontan, wie die Deals mit dem tschechischen Partner abliefen, nannte Käufer und formte so einen Fall, der keinesfalls als Bagatelle in die Akten geriet. Der Mann kam in U-Haft. Vier Wochen später war auch sein Freund hinter Gittern.

Urteil nach acht Stunden


Die Erste Strafkammer unter Vorsitz von Richterin Roswitha Stöber hatte fünf Verhandlungstage eingeplant. Doch der Prozess war nach acht Stunden beendet. Der 28-Jährige wiederholte sein Geständnis, auch sein Komplize brach das Schweigen und ließ erkennen: "So war es." Für diese Zugeständnisse hatte es vorher Zusicherungen der Kammer gegeben: Vier bis fünf Jahre für den 28-Jährigen, sechseinhalb bis sieben Jahre für seinen Mittäter.

Noch am Abend des ersten Verhandlungstages gab es ein Urteil. Der 28-Jährige muss vier Jahre hinter Gitter, sein Freund bekam sechseinhalb Jahre. Beiden wurde von der Strafkammer eine längerfristige Drogentherapie zugestanden. Sie hatten, wie sich herausstellte, regelmäßig Crystal Speed konsumiert. Mit dieser Entscheidung entsprachen die Richter weitgehend den Anträgen von Staatsanwalt Tobias Kinzler sowie der beiden Anwälte Emre Hizli (Nürnberg) und Dr. Gunter Haberl (Schwandorf). In ihrer Urteilsbegründung sagte Richterin Stöber: "Der gesamte Fall wäre ohne die Angaben des 28-Jährigen nie in seinem gesamten Umfang aktenkundig geworden."

Crystal Speed bis ins Saarland verkauftUngewöhnlich, dieser Weg: Zum Drogenkauf fuhren zwei Schwandorfer am Grenzübergang Asch bei Selb in die Tschechische Republik, zahlten dort in 16 Fällen jeweils hohe Beträge an einen Mann namens Miroslav und wurden von ihm zwei Tage später prompt in der Oberpfalz beliefert. Insgesamt mit 2,8 Kilo Crystal Speed und 23 Pfund meist minderwertigem Marihuana. Auf der Rückfahrt wurden die Schwandorfer nur einmal kontrolliert. Peinlich für sie: Ausgerechnet dabei hatten die Männer drei Gramm Marihuana im Auto. "Sonst nie", wie einer der beiden Angeklagten jetzt bekannte und ergänzte, einmal habe er sich nach einer Probe der aus Tschechien gelieferten Drogen übergeben müssen. Daraufhin sei es zur Beschwerde beim Überbringer gekommen. Ergebnis: "Es gab eine Ersatzlieferung." Der Kundenkreis war groß. Die Schwandorfer fuhren mit Crystal Speed bis ins Saarland, sie brachten mehrere Kilo Marihuana nach Vilseck, nahmen auch Touren nach Wernberg-Köblitz und Regensburg auf sich. Den Empfängern blieb jetzt eine Vernehmung vor dem Landgericht erspart. Nach den Geständnissen der Angeklagten wurde auf ihre Aussagen verzichtet. Jedoch laufen behördliche Ermittlungen gegen sie. Unterdessen hat sich auch die tschechische Polizei auf die Spur des Lieferanten Miroslav gesetzt. (hwo)
Weitere Beiträge zu den Themen: Drogen (111)Landgericht Amberg (83)Crystal (83)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.