Neujahrsempfang der Stadt Amberg
Ein Jahr von Wert

 

Das Jahr 2015 hat der Stadt Amberg keinen Weltruhm in Form eines Christbaums auf dem Petersplatz gebracht. Aber dafür einen Titel, der möglicherweise sogar noch mehr Werbeeffekt erzielt.

Natürlich kam das mit der "lebens- und liebenswertesten Stadt Deutschlands" am Freitag ganz weit vorne in der Ansprache von OB Michael Cerny zum Neujahrsempfang der Stadt. Mindestens genauso sehr wie die Wirkung nach außen schätzt er am Sieg in der Online-Abstimmung aber, dass er den Ambergern selbst bewusst machte, was sie an ihrer Heimat haben.

Doch 2015 war für Cerny in mehr als einer Hinsicht ein außergewöhnliches Jahr. Er zählte im Rückblick auf, worüber er sich am meisten gefreut hatte: das Bekenntnis der Bürger zu Toleranz und Frieden nach dem Charlie-Hebdo-Anschlag; das Charity-Projekt "Amberger Musiker für Menschen", mit dem einheimische Künstler "nicht nur ihr musikalisches Können, sondern auch Solidarität mit anderen zeigten"; den Aufstieg des FC Amberg in die Regionalliga; den guten Zuspruch für das neue Kino; dass schnell ein Investor gefunden wurde, der viele Arbeitsplätze in der Luitpoldhütte erhält.

Menschlich und anständig


Zum Thema Flüchtlinge bemerkte Cerny, 2016 würden auch wieder viele kommen. "Ihnen menschlich und anständig zu begegnen, ist eine Selbstverständlichkeit. Diese Aufgabe wird uns aber gleichzeitig auch fordern." Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung und viele Ehrenamtliche hätten bereits 2015 Herausragendes geleistet, "um die Flüchtlinge halbwegs ordentlich aufzunehmen". Von den Schutzsuchenden dürfe man ein klares Bekenntnis zur Gewaltfreiheit und zur deutschen Rechtsordnung erwarten. "Eine gelungene Integration wird freilich nicht durch einzelne Integrationshelfer erreicht, sie kann nur durch die Gesellschaft als Ganzes bewältigt werden", sagte der Oberbürgermeister voraus.

Beim Blick auf 2016 versprach Cerny Fortschritte beim schnellen Internetzugang für alle Amberger, eine Umsetzung von Parkleitsystem und Fußgängerleitsystem sowie die Sanierung des Kinderhorts. In drei Wettbewerben werde man die Eckpunkte für das Parkdeck an der Marienstraße, die Bebauung des Bürgerspitalareals und den Umbau des Stadttheaters festlegen.

Das Glück erzwingen


Die Forum-Reaktivierung trägt als Projekt den Titel "Neue Münze" und soll vor allem die Attraktivität der Innenstadt steigern. "Dafür gibt es leider kein Patentrezept", meinte Cerny, doch er plädierte dafür, das Glück des Tüchtigen notfalls zu erzwingen: "Wenn wir mutig genug sind, alte Ansichten und Gewohnheiten über Bord zu werfen und umzudenken, falls sich dadurch eine bessere Lösung abzeichnet, dann sollten wir uns auch nicht scheuen, das zu tun."

Cerny-Zitate"Ein bisschen Kult muss sein."

Zum Versuch, den Sinn des Defilees zu hinterfragen

"Bei einem Teil von Ihnen meine ich zu erkennen, dass sie - wie schon letztes Jahr - gar keine Vorsätze für das neue Jahr gefasst haben."

Bei Cerny steht übrigens das Thema Gewichtsreduzierung auf der Liste der guten Vorsätze

"Böse Zungen behaupten ja, dass man das neue Jahr am einfachsten an den vielen übergewichtigen Joggern erkennt."

Der OB machte aber keine Angaben, wie er Kilos abkochen will

"Dieser für uns Oberpfälzer fast unvorstellbare Enthusiasmus war eines meiner persönlichen Highlights des Jahres 2015."

Zum Elan, mit dem die Amberger um den Titel der "lebens- und liebenswertesten Stadt Deutschlands" kämpften

"Dass dann am 1. April der Titel Amberg aberkannt und ausgerechnet Weiden zuerkannt werden sollte, haben viele Amberger schnell als Aprilscherz erkannt - unglücklicherweise ausgerechnet nicht die Mitarbeiter und die Leiterin unserer Tourist-Info, die - vollkommen aufgelöst, aber gerade noch rechtzeitig vor der anberaumten Krisensitzung - aufgeklärt werden konnten."

"Wir haben viele Firmen, die in ihrem Bereich zur Weltspitze gehören, und beim Thema Industrie 4.0 stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel fest: Die in Amberg, die schaffen das!"

Das Wort "Siemens" nahm Cerny dabei aber nicht in den Mund

Reden Sie ruhig drauf los


Angemerkt von Markus Müller

So einen Neujahrsempfang, den könnte man ja durchaus kritisch sehen. Man könnte fragen, was er überhaupt für einen Sinn hat, was denn Konkretes dabei rauskommt. Ob er nicht einfach eine gigantische Arbeitszeit-Vernichtungsmaschine ist? Man könnte nach den Kosten fragen - und sie vermutlich sogar in etwa berechnen. Aus dem Bauch heraus und über den Daumen ... sagen wir mal für Essen, Trinken, sonstige Unkosten und die Arbeitszeit der Stadt-Angestellten: bleibt irgendwo noch im vierstelligen Bereich.

Und was bekommt die Stadt dafür? Zum einen die Gelegenheit zur Selbstvergewisserung: Diese Leute kommen, wenn wir einladen; die haben Interesse an uns, mit ihnen können wir rechnen. Zum anderen gibt es ja immer noch die (vielfach von der Praxis bestätigte) Theorie, dass allein das Reden miteinander Gutes hervorbringt.

Und hier dürfte der eigentliche Nutzen der großen Plauderstunde zu sehen sein: Sie kann schnell neue Kontakte schaffen, alte Missverständnisse ausräumen oder - womöglich sogar zuerst auf einer unverfänglichen Small-Talk- bis Scherz-Ebene angestoßen - Ideen für eine Zusammenarbeit oder Geschäftsbeziehung hervorbringen, die in der Gesamtschau der Stadt mehr bringen, als ihr der Neujahrsempfang kostet. Ein fünfstelliger Nutzen also (damit es rechnerisch stimmt).

Das soll jetzt nicht heißen, dass man jede Woche so einen Empfang machen müsste. Aber zumindest für den des Landkreises am kommenden Freitag lässt sich mit etwas gutem Willen auch noch so ein positiver Kosten-Nutzen-Effekt behaupten. Zumal viele der Teilnehmer vom Amberger Neujahrsempfang wieder auftauchen werden - und die Gelegenheit bekommen, alles in trockene Tücher zu bringen, was eine Woche vorher noch etwas nachweihnachtlich unausgegoren war.
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