Nina Schütz und Toby Janner entdecken ein Einödhaus
Spurensuche im Winterwald

Wenn Möbel Geschichten erzählen: Das Inventar verrät viel über die ehemaligen Bewohner. Bild: Nina Schütz
Es ist kalt an diesem Februartag. Nina Schütz und Toby Janner stapfen am frühen Morgen durch den Wald, Der Schnee knirscht unter den Schuhen. Der Waldweg ist steinhart gefroren. Nur die Reifenspur eines Traktors und die tiefen Rillen, die er hinterlassen hat, geben etwas Halt auf dem Weg. Dick eingepackt und mit Rucksack folgen die beiden Amberger einer Wegbeschreibung, die sie erhalten haben. Nina und Toby haben eine Leidenschaft für Fotografie und sogenannten Lost Places – verlassene oder verlorene Orte (Link zum Bericht über verlorene Orte).


Nina Schütz verändert nichts, nimmt nichts weg und hinterläßt nichts außer Fußspuren. Bild: Unger

Auf einer Lichtung im Wald zeigt sich plötzlich das Ziel der kleinen Winterwanderung. Im ersten Sonnenlicht des kalten Februartages steht ein verlassenes Einödhaus. Im Schnee sind nur Spuren von Rehen und Hasen zu sehen. Menschen haben den Weg hierher seit längerem nicht gefunden. Ein Tipp, dass es das Haus hier gibt, hatte die Neugier von Nina und Toby geweckt. „Da wollten wir schon lange mal her.“ Eigentlich geben die Fotografen der verlorenen Orte nicht weiter, wo ein verlassenes Gebäude steht. Manchmal machen sie aber eine Ausnahme und teilen ihr Wissen und die genauen Standorte mit Gleichgesinnten.

Nina und Toby verharren einen Moment, betrachten die Szenerie. Dann gehen sie langsam und vorsichtig weiter, als ob sie die Ruhe im Wald nicht stören wollen. Auf dem Weg zum Eingang mustern sie das leicht verfallene Haus, die Garage und einen Eingang zu einer Art Keller, der in einem Hang etwas abseits des Hauses weitere Motive verspricht. „Hier haben zwei Familien gelebt, die nach dem zweiten Weltkrieg das Gebiet des jetzigen Übungsplatzes in Hohenfels verlassen mussten.“ Nina berichtet von der Recherche über das Gebäude und dessen ehemalige Bewohner. Internetseiten, Zeitungsberichte und Treffen mit anderen Fotografen dienen als Quellen, um etwas über die Orte zu erfahren, die Toby und Nina besuchen und fotografieren.

Bilder mit GeschichteNina Schütz präsentiert ihre Fotos auf ihrer Facebookseite „Stillstand“. In kurzen Texten berichtet sie dort auch über die Geschichte der Gebäude oder deren ehemalige Bewohner oder versucht mithilfe ihrer Fans, etwas darüber herauszufinden.

Die Facebook-Seite hatte Ende Januar 2015 bereits rund 8000 Fans -Tendenz steigend.

Was von einem Zuhause übrig blieb - Scherben, Fliesen und Toilettenpapier


Die kaputten Fensterscheiben und eine offene Tür zeigen, dass schon lange niemand mehr hier lebt. Scherben auf den Fenstersimsen, zerbrochene Glasbausteine, eine Bank und ein Tisch am Haus zeigen, dass jemand das mittlerweile marode Gebäude sein Zuhause nannte. Über der Eingangstür erinnert die Jahreszahl 1897 wohl an das Baujahr. Genaueres ist nicht bekannt. Noch nicht.


Auch wenn das Haus eher unscheinbar ist, beherbergt es doch Fotomotive für Lost-Place-Fotografen. Bild: Nina Schütz

Nach einem kurzem Innehalten und Mustern treten Nina und Toby durch eine zerstörte Tür ein. Eine hölzerne Treppe führt links hinauf in des Obergeschoss. Durch kleine Fenster gegenüber des Eingangs fällt etwas Licht durch den dichten Wald in zwei Räume. Einer davon war offensichtlich das Bad, Eine Wanne, Fliesen und eine Rolle Toilettenpapier, die noch im Halter an der Wand hängt, sind hier die letzten verbliebenen Gegenstände der Bewohner.

Der Blick der beiden Lost-Place-Fans fällt nach rechts in einen etwas größeren Raum. Offensichtlich Wohnzimmer oder Wohnküche. Hier schien sich das Familienleben der Bewohner abgespielt zu haben. Über einer Tür sind noch Reste einer orangen, geblümten Tapete vorhanden und zeigen, dass hier tief im Wald Menschen ihr Heim geliebt und geschmückt haben. Ein umgeworfener Stuhl dürfte wohl die letzte Sitzgelegenheit für ehemaligen Bewohner gewesen sein.

Motivsuche im Dunkeln - Vergängliches festhalten


Toby und Nina gehen kurz getrennte Wege. Jeder hat schon etwas entdeckt, das die besondere Aufmerksamkeit „verdient“. Während Toby weiter in das Haus geht, nimmt Nina das ehemalige Wohnzimmer genauer in Augenschein. Das Stativ, das sie die ganze Zeit durch den Wald getragen hat, steht bereits in der Ecke, Hockend mustert Nina die möglichen Motive, sondiert Details. Wo kommt das Licht her? Welche Motive sind ausreichend beleuchtet? Wo sind überhaupt die Motive? Was erzählt etwas über die ehemaligen Bewohner? Was hat die Natur, die beginnt die Zimmer zurückzuerobern, verändert oder neu geschaffen?


Zwei, die sich blind verstehen und sich fotografisch nicht in die Quere Kommen: Nina Schütz und Toby Janner. Bild: Unger

Nina nimmt sich Zeit. Viel Zeit. Ihre Art zu fotografieren ist kein Durchhecheln durch die verschiedenen Räume. Sie wählt die Motive mit Bedacht. Totale, Details, Licht – alles muss passen. Nina verändert nichts. „Absolut Tabu!“ Sie interpretiert, was sie sieht, lässt das Motiv die Hauptrolle spielen und zeigt in den Bildern ihre Sicht auf Vergängliches. Wie beispielsweise für ein Waschbecken, das schon vor langem von der Wand gefallen ist. Andere würden wohl achtlos daran vorbeigehen – Nina widmet sich dem Motiv. Darin haben wahrscheinlich die Bewohner die Hände gewaschen oder Geschirr und Besteck gespült. Für andere ist es wertloser Müll, für die 20-Jährige ist es ein Zeitzeuge, der es Wert ist, beachtet zu werden.


Selbst in leeren Räumen gibt es lohnende Motive. Bild: Nina Schütz

Mittlerweile hat Nina die Kamera auf das Stativ montiert. Nina und Toby gehen mit kleiner Ausrüstung auf Tour. Kamera, Blitz, Stativ, Fernauslöser und eine Stabtaschenlampe. „Da haben wir schon genug zu tragen.“ Diesmal war der Weg zum Einödhaus nicht besonders weit. Andere Motive wollen erwandert sein und da zählt jedes Kilogramm an Fotoausrüstung, das im Rucksack ist. Eine kaltes grünes Licht erhellt kurzzeitig den Raum, nicht stark genug, um wirklich Licht zu machen und nicht lange genug um sich viele Details anzusehen. Die Kamera sendet das grüne Licht, beleuchtet für einen Moment das Waschbecken, um die Entfernung zu messen. Nina beurteilt das Motiv über den Monitor an der Kamera, drückt den Auslöser und hält kurz den Atem an. Es ist so kalt im Gebäude, dass der warme Atem sofort eine störende kleine Nebelwolke verursachen würde. Das Klicken der Kamera ist für einen Augenblick das lauteste Geräusch weit und breit.

Ungeschönter, ehrlicher Blick stattkunstvolle Arrangements


Ebenso achtsam, wie mit den Aufnahmen gehen Nina und Toby mit den vorgefundenen Gegenständen um. Sie verändern nichts, arrangieren nicht, erschaffen keinen fotografischen Idealzustand wie in einem Stillleben. Die beiden Amberger dokumentieren den Zustand – auch wenn er nicht den üblichen formalen Gesichtspunkten entspricht. Ein ungeschönter, ehrlicher Blick ist beiden wichtiger als ein perfektes Arrangement. Über 8000 Fans von Ninas Facebookseite "Stillstand" ) wissen das zu schätzen. Selbst die abgenagten Knochen eines Rehbeins lassen beide unberührt. Das Licht stimmt einfach nicht. „Wahrscheinlich hat ein Marder oder Fuchs sich zum Fressen hierher zurückgezogen.“ Nina geht um die Knochen herum. Sie hat einen Hausschuh entdeckt, der im Eingangsbereich liegt.

Zur Person: Nina SchützNina Schütz kam in Sulzbach-Rosenberg zur Welt. Die 20-Jährige fühlt sich aber als Ambergerin "seit ich denken kann". Derzeit macht Nina eine Ausbildung zur Pflegefachkraft. Nach dem Abschluss, der für Sommer 2015 ansteht, möchte sie "auf alle Fälle in der Oberpfalz bleiben".

Bei den Fototouren findet sie den "Ausgleich zum stressigen Alltag". Manchmal wirken die Eindrücke, die sie von den verlorenen Orten mitnimmt, noch lange nach. Selbst Tage nach dem Besuch auf dem Einödhof schwärmt sie für das Anwesen. "Ich könnte mir so etwas vorstellen, um dort zu leben. Etwas abgeschieden und dennoch nah an der Stadt."

Während Nina sich weiter im Erdgeschoss umsieht und den umgeworfenen Stuhl als Motiv entdeckt hat, erkundet ihr Begleiter bereits das Obergeschoss. Der Weg dahin führt über eine hölzerne Treppe, die mit Scherben von Glasbausteinen übersät ist.Oben angekommen geht er nur entlang der tragenden Balken, der Fußboden dazwischen ist teilweise durchgebrochen. „Sicher ist sicher.“ Die mitgebrachte Taschenlampe kann auch hier im Rucksack bleiben. Das Licht, das durch kleine Fenster und den teilweise abgedeckten Dachstuhl fällt reicht aus, um die oberen Zimmer ohne Probleme zu erkunden.


Stillleben im Licht. Bei der Erkundung geht Sicherheit vor großer Bildausbeute. Bild: Nina Schütz

Ausgeräumt oder einfach geplündert – es gibt wenig, das hier oben von vergangenen Zeiten berichtet. Zu wenig, um sich länger damit zu beschäftigen. „Leer“, ruft Toby Nina zu, die mittlerweile unten ihre Motivsuche beendet hat und auf dem Weg nach oben ist. Eine rostige Leiter hat trotzdem das Interesse der beiden geweckt. Sie führt steil auf den Dachboden. Doch auch dort ist außer der Holzkonstruktion und einer gespannten Wäscheleine ist kaum noch etwas erhalten. „Nur Taubendreck.“ Ein erster vorsichtiger Blick hat bereits ergeben, was zu erwarten ist. Trotzdem wagen beide den Aufstieg. Niemand kann wissen, was sich dort sonst noch verbirgt. Angst vor Fledermäusen oder Tieren, die eventuell hier überwintern haben beide nicht. „Winterruhe stören geht gar nicht“, betonen beide fast zeitgleich.


Nina Schütz entdeckt manchmal Ordnung in der Unordnung.

Das Hauptgebäude hat seine Geheimnisse offenbart, kann den beiden nichts Neues mehr bieten. Der Eingang zum Felsenkeller etwas abseits, den sie auf dem Anmarsch entdeckt haben ist das nächste Ziel. Eine Art Gehege, das mit Maschendraht umspannt und vom Skelett einer Metalltür „gesichert“ ist, wird erst nun sichtbar. „Von unten nicht zu sehen. Könnt’ der Hühnerstall gewesen sein.“ Die rostige Umzäunung ist mehr als einen flüchtigen Blick wert. Nina greift sich Stativ und Kamera und sucht sich ihre Motive. Toby erkundet mittlerweile den Keller. Ein Lager für alte Reifen und Fensterrahmen. Im tonnenförmigen Gewölbe bahnen sich bereits die Wurzeln einer Fichte, die über dem Keller in die Höhe gewachsen ist, den Weg. Eine größere Erkundung ist nicht möglich. Sie ist aber auch nicht nötig. Die Ordnung in der Unordnung ist das Motiv.

Ein "Gefällt mir" als Lohn - 200 Bilder in zwei Stunden



Toby Janner und Nina Schütz prüfen ihre fotografische Ausbeute: Rund 200 Bilder sind in den vergangenen beiden Stunden entstanden. Bild: uax

Über zwei Stunden sind vergangen, seit Toby und Nina den ersten Blick auf das Einödhaus erhaschen konnten. Zwei Stunden bei minus 5 Grad, im Schnee und im Schmutz. Zwei Stunden gegen das Vergessen. Ergebnis: kalte Ohren und Finger, dreckige Hosen und Schuhe sowie rund 200 Bilder, die darauf warten, gesichtet, ausgewählt und bearbeitet zu werden. Der Lohn für die Mühe: Ein weiteres „Gefällt mir“ auf der Facebookseite „Stillstand“ und der Kommentar „Klasse“ eines Fans.

Ergebnis einer TourBei der Tour sind rund 200 Bilder entstanden. Etwa 80 davon hat sie am Computer bearbeitet, archiviert und viele davon auf ihre Facebookseite hochgeladen. "Die sind bestimmt nicht alle perfekt. Aber trotzdem schön."

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