Pioniere der Höhlenforschung
25 Amberger finden Menschenschädel und Tierknochen

Die mutigen Forscher stießen auf ihrer abenteuerlichen Höhlenerkundung auch auf einen reichen Formenschatz von Tropfsteinen und Kalksinter. Sie vermuteten zum Teil Statuen hinter den Erscheinungen. Bild: Höhlenkataster
 
Die erste Seite des historischen, gedruckten Berichts über die Höhlen-Expedition von 1535 beginnt mit den Worten: "Wunderparliche Newe zeyttung". Der Exkursionsteilnehmer und Augenzeuge Berthold Buchner verfasste die Story für seinen Vetter. Die Höhlenfahrt der 25 Amberger vor exakt 480 Jahren markiert in der Wissenschaft den Beginn der seriösen Höhlenforschung in der Frankenalb. Bild: Stadtarchiv

Bei diesem Abenteuer riecht man förmlich die feuchte Erde und spürt das kühle Gestein unter den Sohlen. 25 Amberger gingen mit Leitern, Feuerzeugen und Wein ausgestattet los, um eine Höhle zu erkunden. Das war vor genau 480 Jahren. Heute weiß man, dass diese Truppe den Beginn der seriösen Höhlenforschung in der Frankenalb einläutete.

Im Stadtarchiv Amberg liegt ihr spannender Erfahrungsbericht. Höhlen sind faszinierende Naturerscheinungen in der Karstlandschaft, wie sie auch den Westen des Landkreises Amberg-Sulzbach prägt. Seit jeher üben sie auf Menschen eine magische Anziehungskraft aus. Doch nicht wenige wiederum schrecken aus Furcht oder Scheu vor der unkalkulierbaren Dunkelheit zurück. Unbestritten stellen die in Jahrtausenden durch die lösende Kraft des Wassers entstandenen natürlichen Kavernen Schutzräume dar, in denen sich ohne des störenden Einflusses von Wetter und Umwelt viele Spuren und Überreste ursprünglichen Lebens erhalten haben. Die Spurensuche auch in den heimischen Höhlen der Frankenalb bestätigt immer wieder den Aufenthalt des vor- und frühgeschichtlichen Menschen, aber auch von längst ausgestorbenen Tieren, in der geheimnisvollen Unterwelt.

Todesmutige Männer


Nur von wenigen Höhlen liegen frühestens seit Ende des Mittelalters und Anfang der Neuzeit schriftliche Überlieferungen vor, wie zum Beispiel vom Amberger Kurfürsten Friedrich IV. von der Pfalz. Er ließ 1596/97 todesmutige Männer in den Schlund des Windlochs der Maximiliansgrotte bei Krottensee einsteigen, um Höhlenlehm und Tropfsteine für die Herstellung von Gold und Salpeter zu gewinnen, eine falsche und trügerische Hoffnung wie sich im Nachhinein herausstellen sollte. Der eindruckvolle, detailgetreue und spannende Bericht über eine abenteuerliche und für die Zeitverhältnisse ungewöhnlich planmäßig organisierte Höhlenbefahrung von 25 Amberger Bürgern im Jahre 1535 findet sich in einer gedruckten Schrift im Stadtarchiv Amberg wieder. Ein Teilnehmer dieser Expedition in die lebensfeindliche Unterwelt, Berthold Buchner (alte Schreibweise: Perthold Puchner), schildert in seinem "Befahrungsbericht" hautnah die Höhlenfahrt, die man beim Lesen eher als Höllenfahrt mit ungewissem Ausgang bezeichnen könnte.

In seinen Aufzeichnungen vergleicht Buchner dabei seine Beobachtungen gerne mit sakralen Gegenständen und offensichtlich auch religiös geprägten Erkenntnissen. Tropfsteine werden für Statuen gehalten, und hinter einem Steinschlag steckt eine Spuksgestalt vom Aussehen eines "weybs pildes". Immerhin gab es ja zur damaligen Zeit noch keinerlei Erfahrungen für derartige Unternehmen.

Zuverlässige Leuchtmittel gab es ebenso wenig wie einschlägige Kenntnisse in der modernen Kletter- und Seiltechnik. Aber der in Amberg gedruckte Bericht - er gilt als das erste Druckerzeugnis der Stadt nach Erfindung des Buchdrucks - offenbart nahezu sensationell die unglaublich akribische Vorbereitung und eindrucksvolle Durchführung der Forschungsfahrt in den Karst bei Velburg. So beschreibt der Mitreisende (":mit rayser") Berthold Buchner die Ausrüstung der Forschergruppe mit "lattern" (Leitern), "feyerzeuge" (Feuerzeuge), "piechzeug" (Pechzeug) und "schnüren" (Schnüre). Aber auch Proviant für einen unvorhergesehen längeren Aufenthalt unter Tage wie Wein, Brot und nicht näher genannte andere Dinge zur Linderung der Strapazen einer solchen Reise wurden nicht vergessen. Mit all diesen auf einen Karren geladenen Ausrüstungsgegenständen brachen die 25 wackeren Amberger Bürger und Bürgersöhne am 29. Juni 1535, dem Fest Peter und Paul, nach "predewint (Breitenwinn) auf. Nach einer Übernachtung im Markt Hohenburg an der Lauterach kamen sie tags darauf frühmorgens vor der Höhle an, um umgehend zwei "Hauptleute" für die Vor- und Nachhut der Höhlenbefahrung zu bestimmen.

Mit Schnur ins Innere


Zum Zweck der sicheren Rückkehr aus dem Höhlenlabyrinth wurde am Eingang jener schon aus der griechischen Mythologie bekannte Ariadne-Faden (Schnur) befestigt und auf dem Weg ins Innere abgerollt. Der sieben Seiten umfassende Bericht mag in mancherlei Hinsicht übertrieben, phantastisch und geradezu unglaublich erscheinen, insbesondere was die Größe der Räume und Länge der zurückgelegten Wegstrecken betrifft, So wird die Gang- länge auf 900 Klafter beziffert. Das wären nach heutigem Maß mehr als eineinhalb Kilometer. Die Höhle ist aber nach der letzten Vermessung lediglich 615 Meter lang. Erschauert stießen die Forscher auf Berge von Tierknochen (meist von Höhlenbären) sowie auf zwei Menschenschädel.

Erschrocken davon


Ein heiteres Erlebnis erfuhren die tapferen Amberger Höhlenforscher bei der Rückkunft ins Tageslicht gegen 12 Uhr mittags: Ein just in diesem Augenblick vorbeikommender Reiter war angesichts der aus dem Erdinneren kriechenden lehmverschmierten Gestalten so erschrocken, dass er flugs das Weite suchte und Zurufe ignorierte.

Die HöhleZiel des wagemutigen Unterfangens vor fast einem halben Jahrtausend war die Höhle bei dem Dorf Breitenwinn, heute im Truppenübungsplatz Hohenfels gelegen. Leider fiel der Ort 1951 der Erweiterung des Militärareals zum Opfer. Die Höhle wurde verschlossen und für jeden Zugang gesperrt.

Der Grundriss der Breitenwinner oder nach dem Besitzer auch Kastner Höhle genannt, stammt vom Velburger Geometer Stark aus der Zeit um 1920. Er ist zwar verständlicherweise weniger genau als die Vermessung der Natur-historischen Gesellschaft Nürnberg von 1959, spiegelt aber Form und Ausdehnung der Höhle relativ wahrheitsgetreu wieder. Die geschichtsträchtige Höhle von Breitenwinn ist mit über 600 Meter die längste Höhle im Karstgebiet F Velburg des Fränkischen Höhlenkatasters. Sie wurde vor der Erweiterung des Übungsplatzes sporadisch auch für Touristen geführt.
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