Plädoyers in der Verhandlung um Anschlag auf Asylbewerberheim in Hirschau
„Abgrundtiefer Ausländerhass“

(Foto: Wolfgang Steinbacher)

Muss der Täter für den Brandanschlag sechs Jahre hinter Gitter? Oder war das in der Nacht zum 7. Februar nur eine Sachbeschädigung am Hirschauer Asylbewerberheim? In der Bewertung des Geschehens liegen der Staatsanwalt und die beiden Verteidiger um Welten auseinander.

Amberg/Hirschau. Gewiss ist: Der 25-Jährige auf der Anklagebank neigt vehement zum Alkohol und zu jähem Zorn. Am dritten Prozesstag wurde das angesichts eines Vorfalls deutlich, der sich im Juli 2015 zutrug. Damals trat der junge Familienvater nachts vor seine Wohnung und warf die in der Hand gehaltene Bierflasche gegen eine Radfahrergruppe. Ein 20-Jähriger wurde getroffen und am Sprunggelenk verletzt.

Auch dieses Ereignis wird abzuurteilen sein, wenn das Schwurgericht eine Gesamtstrafe bildet. Wesentlich gravierender ist allerdings, was sich heuer in der Nacht zum Faschingssonntag ereignete. Eine präparierte Bierflasche flog durch ein Fenster des Asylbewerberheims und landete auf dem Bett eine Afrikaners. Was war das aus juristischer Sicht? Ein Mordversuch im Einklang mit versuchter schwerer Brandstiftung? Oder lediglich eine Sachbeschädigung, weil Fensterglas zu Bruch ging?

Bier trübt Einsicht nicht


Bevor es in den Schlussvorträgen einen heftigen Widerstreit um die rechtliche Einordnung gab, hatte Landgerichtsarzt Dr. Reiner Miedel das Wort. Umfangreich schilderte er seine Erkenntnisse und kam zu der Auffassung: Im Fall des von einer Flasche getroffenen Radlers sei der Kasachstan-Übersiedler trotz Alkoholkonsums voll verantwortlich. Anders ordnete Miedel die Dinge beim Vorgehen gegen die Ausländerunterkunft ein. Da hätten wohl größere Mengen Bier eine Rolle gespielt. Der Arzt zog daraus den Schluss: "Einsicht ungetrübt, Steuerungsfähigkeit höchstwahrscheinlich schon."

Nahezu eine Stunde lang nahm Staatsanwalt Tobias Kinzler den Mann auf der Anklagebank und seine Taten ins Visier. "Das alles macht fassungslos", sagte er und schrieb dem Mechatroniker zu: "Er wollte abfackeln und er nahm den Tod von Menschen in Kauf. Wir haben hier einen brutalen Gewalttäter vor uns." Kinzler bescheinigte dem Beschuldigten "abgrundtiefen Ausländerhass". Und das, "obgleich er selbst als Ausländer ins Land gekommen ist".

Der Brandsatz, versehen mit einer Lunte und gefüllt mit Schnaps, sei gezielt gebastelt worden, zeigte sich Kinzler überzeugt. "Er wollte, dass die Flasche explodiert." Der Anklagevertreter schrieb dem 25-Jährigen ins Stammbuch: "Er lügt, dass sich die Balken biegen, um den Kopf aus der Schlinge zu bringen." Dabei stehe fest: "Wenn etwas mit solchem Aufwand betrieben wird, sollen Menschen nicht nur erschreckt werden." Hier spiele enorme Heimtücke und kriminelle Energie mit.

Den Alkoholkonsum wertete Kinzler als mildernd. Doch stellte er in Frage, ob der Mann wirklich 14 Halbe Bier getrunken hatte. Der Empfehlung von Landgerichtsarzt Miedel, den 25-Jährigen in eine längere Entzugstherapie einzuweisen, widersetzte sich Kinzler nicht. Für den von ihm als neunfachen Mordversuch gewerteten Anschlag auf das Asylbewerberheim und den Flaschenwurf gegen den Radfahrer forderte er sechs Jahre und zwei Monate Haft.

18 Monate mit Bewährung


Im krassen Gegensatz dazu stand, was die Verteidiger Kurt Anka (Erlangen) und Karl Holzapfel (Amberg) ins Feld führten. Sie sprachen davon, dass die durch ein Fenster des Ausländerheims geschleuderte Flasche eine Sachbeschädigung darstelle und lediglich einen Schreck hätte auslösen sollen. "Etwas anderes ist nicht erwiesen." 18 Monate mit Bewährung hielt Anwalt Anka für ausreichend und plädierte ebenfalls für eine Alkoholtherapie.

Das Urteil wird am 15. November verkündet. In seinem letzten Wort unterstrich der Angeklagte, seit Februar in U-Haft: "Ich hatte nie vor, das Haus abzufackeln."

Angeklagter stand unter BewährungEs könnte sein, dass das Schwurgericht weder dem Antrag des Staatsanwalts noch dem der Verteidiger folgt. Darauf lässt ein rechtlicher Hinweis schließen, den die Kammervorsitzende Roswitha Stöber am dritten Prozesstag gab. Sie wies darauf hin, dass womöglich auch eine Verurteilung wegen versuchter schwerer Brandstiftung und versuchter gefährlicher Körperverletzung im Fall des Wurfs einer präparierten Bierflasche auf das Asylbewerberheim infrage komme.

Bei der Verlesung des Vorstrafenregisters stellte sich heraus: Der 25-Jährige stand zur Tatzeit unter Bewährung. Er hatte vom Amberger Amtsgericht eineinhalb Jahre Haft mit Bewährung bekommen - wegen einer Einbruchs- und Diebstahlsserie in Baucontainer. Wenn die Entscheidung des Gerichts gefallen ist, muss er einen Widerruf der Bewährung befürchten. (hwo)
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Reinhard Scheffler aus Amberg in der Oberpfalz | 11.11.2016 | 09:06  
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