Prozess am Landgericht Amberg gegen 48-Jährigen
„Die Mama ist tot. Der Papa hat Böses getan“

Bild: Wolfgang Steinbacher
 
Der Angeklagte vor dem Amberger Landgericht. Bild: Steinbacher

Amberg/Wernberg-Köblitz. Diese Verzweiflung wird man nie mehr vergessen. "Mama, Mama!", schreit ein kleiner Junge mitten hinein in einen Notruf bei der Rettungsleitstelle. Dann übertönt sein Vater die Stimme und teilt mit, da sei etwas Schlimmes geschehen. Der 48-Jährige hatte Minuten zuvor in Wernberg-Köblitz seine thailändische Ehefrau mit sechs Messerstichen umgebracht.

Der wegen Mordes vor dem Amberger Schwurgericht sitzende Arbeiter ließ seinen Anwalt reden. Fast eine Stunde lang hatte Verteidiger Michael Schüll (Amberg) in einer Erklärung zusammengefasst, was sich am frühen Abend des 20. März dieses Jahres in Wernberg-Köblitz (Kreis Schwandorf) ereignete. Schüll schilderte im Auftrag seines Mandanten viele Szenen aus einer Ehe, die 2006 geschlossen wurde. Die 31-Jährige kam aus Thailand, war dort Bedienung in einem deutschen Lokal.

Ein Auf und Ab


"Liebe auf den ersten Blick", wie man vernahm. Trotz des Altersunterschieds. Was in den Jahren darauf folgte, war laut Darstellung des Anwalts ein ständiges Auf und Ab. Streitereien und Versöhnungen. Nicht selten Drohungen der Frau, sie werde in ihre Heimat zurückkehren. 51 000 Euro sollen nach und nach an deren Verwandtschaft in Asien geflossen sein.

Zwei Kinder


Zwei Kinder kamen zur Welt. 2009 ein Junge, im Februar 2015 ein Mädchen. Beide sollten angeblich bei einer Trennung mit nach Thailand genommen werden. "Eine Achterbahn der Emotionen für den Angeklagten", wie Anwalt Schüll es ausdrückte.

Es kam dieser Sonntag heuer im März. Der 48-Jährige hatte gearbeitet, kam heim, fand weder Frau noch Kinder vor. Später traf die Familie bei Bekannten aufeinander. Dabei soll dem Mann seine kleine Tochter aus dem Arm gefallen sein. Sehr zum Verdruss seiner 31 Jahre alten Frau. Nach der Heimkehr in das gemeinsam mit den Eltern des Arbeiters bewohnte Haus kam es offenbar erneut zu Auseinandersetzungen.

Fest steht: Die Thailänderin machte eine ausklappbare Treppe begehbar, stieg hinauf in das Dachgeschoss und wollte dort lagernde Koffer für ihren Auszug holen. Ihr Mann ging nach, holte vorher ein langes Messer aus der Küche. "Nicht, um zu verletzen oder zu töten", wie das Schwurgericht jetzt hörte. Es sei lediglich zur Drohung mitgenommen worden.

In der Dachkammer wurde weiter gestritten. Dann gab es Handgreiflichkeiten. An die sechs von ihm gesetzten Stiche will der 48-Jährige heute keine konkrete Erinnerung mehr haben. Doch er stellte die Gewaltattacke nicht in Abrede. Sein Vater, 83 Jahre alt, war aufmerksam geworden. Er kam aus dem Erdgeschoss an den Tatort, sah Sohn und Schwiegertochter - wie er damals bei einer Ermittlungsrichterin sagte - "als Knäuel auf dem Boden liegend." Ob das auch der sechsjährige Sohn des Paares unmittelbar mitbekam, ist ungeklärt. Aber es muss angenommen werden. Denn später erzählte der Bub: "Die Mama ist tot. Der Papa hat Böses getan."

Mord oder Totschlag?


Als drei wenige Augenblicke nach der Bluttat aus dem Haus abgesetzte Notrufe an Polizei und Rettungsleitstelle im Gerichtssaal abgespielt wurden, verdeutlichte sich: Da schrie ein kleiner Junge im Hintergrund laut nach seiner Mutter. So verzweifelt, dass sich die Leute am anderen Ende der Leitungen erst mühsam ein Bild vom dem verschaffen mussten, was dort in dem nur wenige Quadratmeter großen Dachraum geschehen war. Erst war der Täter am Telefon, dann auch seine 81-jährige Mutter. Zu seinen Großeltern hatte der Sechsjährige nicht mehr kommen dürfen. Dies habe seine Mama angeordnet und Schläge mit einem Kochlöffel ausgeteilt, wenn das Kind nicht gleich gehorcht habe, hieß es in der Anwaltsdarstellung. Das sind Behauptungen, die jetzt im Raum stehen. Klar allerdings ist: Der 48-Jährige hatte zur Tatzeit 1,3 Promille. Mord oder Totschlag? Ab Montag stehen weitere fünf Prozesstage bevor.
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