Prozessauftakt: Rohrbombe in Schwedenofen
Rache des "Sekunden-Sepp"

Der 68-jährige Angeklagte (rechts) neben seinem Verteidiger Gunther Haberl im Amberger Gerichtssaal. Bild: Hartl

In Steinberg am See nannten sie ihn "Sekunden-Sepp", weil er im Verdacht stand, Tür- und Autoschlösser mit Sekundenkleber verschmiert zu haben. Eher eine Kleinigkeit gegenüber dem, was dem 68-Jährigen jetzt zur Last liegt: Er soll mit Tötungsabsicht eine Rohrbombe gebaut haben.

Amberg/Schwandorf. Er hat auf der Anklagebank Platz genommen und blickt seinen ihm gegenüber sitzenden und bis heute traumatisierten Opfern ins Gesicht. Ein Mann, der offensichtlich noch nicht so recht begriffen hat, worum es für ihn in diesem Prozess geht. Einer, der aus nichtigem Anlass heraus auf den Gedanken kam, einen Sprengsatz zu bauen und damit, wie er sagt, "für einen gescheiten Schlag im Ofen zu sorgen". Ohne Tötungsabsicht, wie der 68-Jährige zum Verhandlungsauftakt über seinen Verteidiger Gunther Haberl ausrichten ließ. "Ein Mordversuch", hielt Leitender Oberstaatsanwalt Joachim Diesch in seiner Anklageschrift entgegen.

Es hatte wohl Meinungsverschiedenheiten gegeben zwischen dem Angeklagten und einer Familie, die nicht weit entfernt von ihm ihr Haus in Steinberg am See hat. Der Grund war eher belanglos: Irgendwann vor zwei Jahren musste der Hund des Rentners eingeschläfert werden. Er nahm den toten Vierbeiner nicht mit heim, überließ ihn der Tierkörperverwertung.

"So etwas tut man nicht"


Das missfiel seinen ein paar Anwesen weiter wohnenden Nachbarn. Auch sie hatten ihren Hund einschläfern lassen müssen, ihn dann aber auf ihrem Grundstück begraben. "So etwas tut man nicht", soll dem 68-Jährigen über Dritte ausgerichtet worden sein.

Ab dann ereigneten sich merkwürdige Dinge. Plötzlich brannte ein den Leuten gehörender Holzstoß, wurde Altöl bei ihnen verschüttet, stand ein Karton mit menschlichen Exkrementen auf ihrem Grundstück. War es der 68-Jährige? Er selbst sagt nichts dazu. Aber ein 59-Jähriger, in dessen Ofen die Rohrbombe detonierte, ließ vor den Richtern wissen: "Ich bin überzeugt davon."

Ende Dezember letzten Jahres hatte der Vater des 59-Jährigen per Anruf von einem Bekannten erfahren, dass möglicherweise ein Holzscheit mit Sprengstoff präpapiert worden sei. Er hielt das zwar für unmöglich ("So etwas tut der nicht"), wandte sich aber trotzdem an die Schwandorfer Polizei. Doch anschließend geschah im Vorfeld der rüden Attacke nichts weiter. Zu dieser Zeit lagerte das präparierte Scheit schon auf dem Holzstoß. Von ihm bedienten sich sowohl das im Erdgeschoss lebende Senioren-Ehepaar als auch dessen im ersten Stock wohnender Sohn und Schwiegertochter.

Jetzt ist eingetroffen, was wir befürchtet haben.58-jähriges Opfer vor Gericht

Die Zeitbombe tickte im wahrsten Sinn des Wortes. Am 14. Januar um 22.40 Uhr gab es im Obergeschoss des Anwesens einen lauten Knall. Aus dem Ofen schoss eine Stichflamme, Scherben und Trümmer flogen durch den Raum. Sohn und Schwiegertochter des Hausbesitzers saßen vor dem Fernseher. Sie blieben zwar weitgehend unverletzt, leiden aber bis heute unter den psychischen Folgen. "Der Ofen kann doch nicht einfach explodieren", rief der 59-Jährige entgeistert. Seine Frau (58) antwortete: "Jetzt ist eingetroffen, was wir befürchtet haben."

Dass er es war, der das Holzstück im Herbst 2015 vom Stapel der Nachbarn holte, hat der 68-Jährige eingeräumt. Er gab auch zu, zuvor mit einem wie er in Steinberg wohnenden 53-Jährigen Kontakt aufgenommen zu haben.

Ein teuflischer Stab


Ihm vertraute er angeblich an, den Leuten einen Denkzettel verpassen zu wollen. Erst - so der Beschuldigte in seiner Erklärung - sei daran gedacht gewesen, die Luft aus Autoreifen zu lassen. Doch dann habe er zusammen mit dem 53-Jährigen den Plan für einen Sprengsatz entwickelt: Ein acht Zentimeter langes Metallrohr, zwei Zentimeter dick, mit sogenannter Schießbaumwolle gefüllt, an beiden Enden mit Schrauben verdämmt.

Eine teuflischer Stab, der per Bohrung in das Holzscheit kam und später vom Angeklagten wieder auf den Stapel zurückgelegt wurde. Es soll ein Birkenstück gewesen sein. "Nein", widersprach das geschädigte Ehepaar vor dem Schwurgericht, "es war Nadelholz und keine Birke." Der 53-Jährige hat sich heuer im Mai in seiner Haftzelle das Leben genommen. Über seine mutmaßliche Handlangerrolle wird man im Detail nichts mehr erfahren. Der vorläufig auf fünf Tage terminierte Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.
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