Reinhold Then betreut christliche syrische Flüchtlinge
Wenn Christen fliehen müssen

"Die wollen nicht in Deutschland bleiben", sagt Dr. Reinhold Then über die christlichen Syrer, die er betreut. Bild: Steinbacher

Zufall oder Fügung? Reinhold Then traf in einer Kirche in Regensburg eine aus Syrien geflohene christliche Familie, der er in ihrer Heimat schon einmal begegnet war. Für ihn war sofort klar, dass er sich um sie kümmern musste. Seine Frau kündigte deshalb ihren Job: "Es gibt noch wichtigere Dinge."

Heute, über ein Jahr später, betreut der Bibelwissenschaftler die 30-köpfige Großfamilie immer noch, wie er am Montag in seinem Vortrag "Geschwisterliebe in Zeiten der Christenverfolgung - die Situation der Christen in Syrien" bei der Katholischen Erwachsenenbildung erzählte. Und er hat viel dazugelernt: Wie schwierig es ist, Wohnungen für Flüchtlinge zu bekommen; welchen Papierkrieg deutsche Behörden ihnen bereiten; wie fremd sich melkitische griechisch-katholische Christen in deutschen Kirchen fühlen müssen - "es gibt hier keine Ikonen, die ihnen fast so wichtig sind wie die Heilige Schrift".

Then gab auch für Deutsche eher verstörende Erfahrungen weiter. Etwa, dass die Christen in Syrien bis heute Regime-Anhänger sind - "weil der Assad-Clan in Friedenszeiten unter allen arabischen Ländern die Christen am besten behandelt hat". Und niemand wisse, ob in einem Syrien nach Assad christliches Leben überhaupt noch möglich sei. Thens Schützlinge sind zudem der Ansicht, dass Deutschland sich vermeidbare Probleme auflade, wenn es in zu großer Zahl muslimische Flüchtlinge aufnehme. Er hält ihnen dann entgegen, dass die Christen hier diese Flüchtlinge in erster Linie als Menschen in Not ansähen, denen man helfen müsse, und nicht als Vertreter eines anderen Glaubens: "Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter wird auch nicht nach der Religionszugehörigkeit gefragt."

Drei Verwandte entführt


Als Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle der Diözese Regensburg hat Then bei Reisen nach Syrien bis 2011 die Erfahrung gemacht, dass es dort ein gutes Miteinander von Christen und Muslimen gab. Noch heute teile man sich Hilfsgüter oft über Religionsgrenzen hinweg in der Nachbarschaft. Die IS-Kämpfer, die alle Christen aus den von ihnen kontrollierten Gebieten vertrieben, seien zumeist keine Syrer, sondern kämen aus anderen Ländern. Sie richteten selbst Muslime hin, wenn sich die nicht an ihre Regeln hielten.

Nach den Koran-Kenntnissen der IS-Kämpfer gefragt, benannte Then ein grundsätzliches Problem: "Wir Christen sind durch die historisch-kritische Exegese der Bibel gegangen. Diese Aufklärung fehlt dem gesamten Islam. Die Muslime nehmen alles wörtlich." Sie wollten deshalb keinen Millimeter von Mohammeds Offenbarungen abgehen. "Und es ist auch nicht in Sicht, dass sich das ändert." Da laut Then im stark zerstörten Aleppo noch rund 50 000 Christen leben, kam die Frage auf, was die von ihm betreuten Syrer aus dem weitgehend unversehrten Damaskus zur Flucht bewegt habe. Es waren mehrere Entführungen, mit denen von der Familie Geld erpresst werden sollte. Sie hoffe aber, nach Syrien zurückkehren zu können, wenn dort wieder Frieden herrsche: "Die wollen gar nicht bleiben."

Patriarch für Rückkehr


Der griechisch-katholische Patriarch Gregorius III. habe bei seinem jüngsten Besuch in Bayern seine Glaubensbrüder zur sofortigen Rückkehr aufgefordert. Man müsse in solchen Zeiten notfalls zum Martyrium bereit sein. Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer hielt ihm aber laut Then entgegen, dass ein Mönch diese Einstellung leichter vertreten könne als Leute, die Verantwortung für eine Familie trügen.

Then erläuterte, dass viele christliche Syrer im Sommer 2014 über das Kontingent für 20 000 Bürgerkriegsflüchtlinge nach Deutschland gekommen seien. Diese Möglichkeit gebe es jetzt nicht mehr. "Die deutsche Botschaft stellt keine Visa mehr aus." Das heißt in der Konsequenz: "Über diplomatische Wege gibt es kein Herüberkommen mehr. Der einzige Weg ist der Fußweg."
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