Saftige Rechnung an der Haustür
Der Schlüssel zur Abzocke

Eine Renterin aus dem Milchhofviertel hat eine unliebsame Erfahrung mit einem überregional tätigen Schlüsseldienst gemacht. Der Fall landete vor Gericht. Bild: dpa

Die Rentnerin konnte nicht mehr in ihre Wohnung. Also musste ein Mann vom Schlüsseldienst her. Als er wieder ging, standen knapp 1000 Euro auf der Rechnung. "Wucher", befand die Staatsanwaltschaft. Doch sie hatte den Falschen auf der Anklagebank.

Die Verhandlung vor der Schwandorfer Amtsrichterin Petra Froschauer dauerte nur eine knappe Stunde. Dann war Zweierlei klar. Erstens: Wer den Schlüsseldienst braucht, sollte sich vorher genau erkundigen, mit welchen Kosten er überschlägig zu rechnen hat. Zweitens: Ein 25-Jähriger, dem Staatsanwalt Oliver Wagner einen Verstoß gegen den Wucher-Paragrafen vorhielt, konnte seine Unschuld nachweisen. "Es war mein Bruder", sagte er. Der war als Zeuge geladen, kam auch und gab zu: "Ich bin damals zu der Frau nach Amberg gefahren".

Anruf bei Schlüsselzentrale


Warum dieser Prozess in Schwandorf stattfand, ist rasch erklärt: Der 25-Jährige hatte im Vorfeld einen Strafbefehl über 2400 Euro erhalten und die Einspruchsfrist verstreichen lassen. Erst Wochen später verdeutlichte sein Anwalt gegenüber den Behörden: "Mein Mandant war das nicht." Also kam es zu einem Wiederaufnahmeverfahren. Das musste nach gesetzlicher Vorgabe vor dem Amtsgericht Schwandorf ablaufen.

Was sich an einem Februar-Samstag im Jahr 2014 in einem Mehrparteienhaus nahe des Amberger Milchhofs abspielte, war vor der Richterin Petra Froschauer rasch geklärt. Eine damals 80-Jährige hatte nachmittags ihre Wohnung verlassen, kam am frühen Abend zurück und konnte den Schlüssel nicht mehr im Schloss umdrehen. Hilfesuchend wandte sie sich an eine Nachbarin. Die holte telefonisch Rat bei der Feuerwehr und erfuhr, dass nur dann ausgerückt wird, wenn Notfälle vorliegen. Also wählte sie die Nummer einer Schlüsselzentrale. Und damit begann schier Unglaubliches.

Nach etwa einer Stunde erschien der angeforderte Fachmann. Dass er aus Nürnberg kam, ahnte offenbar keiner. Die Arbeiten dauerten wohl einige Zeit, denn das Schloss musste ausgewechselt werden. Dann wurde die Rechnung geschrieben und überreicht: 962,23 Euro standen unter dem Strich. Die ältere Dame zahlte, musste sich dafür 400 Euro von einem Nachbarn leihen und gab dem Monteur sogar noch 20 Euro Trinkgeld. Erst später wurde die Polizei eingeschaltet. Jetzt sagte der Staatsanwalt, hier sei eine Notlage übel ausgenutzt worden.

Um die Preisverhältnisse zu klären, hatte die Richterin einen in Amberg niedergelassenen Schlüsseldienst-Unternehmer als Zeugen geholt. Der Mann schilderte seine Einschätzung unter Berücksichtigung von Wochenende und abendlicher Arbeitszeit: "Etwa 150 bis 200 Euro." Einiges an der ihm vorgelesenen Rechnung hielt der Mann für nicht schlüssig.

Fakt war: Der über eine Zentrale nach Amberg geschickte "Nothelfer" kam aus Nürnberg und hatte allein dafür den Betrag von 159 Euro in der Rechnung angesetzt. Im Hinblick auf die offenbar von der Nachbarin völlig ahnungslos ins Spiel gebrachten Zentrale sagte der Amberger Schlüsseldienst-Unternehmer: "Die haben halt ihre eigenen Preise." Das Verfahren wegen Wucher endete mit einem Freispruch für den Angeklagten.

Nach Amberg sei damals sein Bruder gefahren, hörte die Richterin. Als Zeuge bestätigte das der 24 Jahre alte Bruder. Er hielt den Betrag für nicht überzogen, geriet automatisch ins Visier von Staatsanwalt Oliver Wagner und gab während seiner Vernehmung eine erstaunliche Auskunft. Der Auftrag, berichtete er, sei von ihm quasi als Subunternehmer mit der Schlüsseldienstzentrale abgerechnet worden. Die Verteilung dabei: "40 Prozent vom Nettobetrag für mich." Und 60 Prozent wohl für die Zentrale.

Weitere Ermittlungen


Wucher? Richterin Froschauer nahm dieses Wort nach dem Freispruch nicht in den Mund. Aber sie sagte: "Das alles war meiner Meinung nach sehr überteuert!" Jetzt wird gegen den 24-Jährigen wegen Wuchers ermittelt.
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