Schwunghafter Rauschgifthandel in Amberg Gefängnis
Mit Ü-Ei im Darm Drogen in JVA geschmuggelt

Der ältere Herr wirkte sehr sympathisch. Allerdings nur auf den ersten Blick. Der 62-Jährige hatte 25 Vorstrafen, war mit langer Knasterfahrung ausgestattet und zog in der JVA einen Drogenhandel auf. Jetzt muss er weitere vier Jahre nachsitzen.

Amberg. (hwo) In der Justizvollzugsanstalt sind alle nur vorstellbaren Rauschgifte zu haben. Das weiß man seit langem. Doch wie diese Geschäfte genau vor sich gehen, wurde jetzt zum ersten Mal bei einem Prozess vor der Großen Strafkammer des Landgerichts detailliert geschildert.

Auf der Anklagebank saß ein Regensburger (62), der zwei Jahre lang quasi die erste Adresse war, wenn ein Häftling sogenannte Subutex-Tabletten brauchte. Subutex ist ein Drogen-Ersatzmittel vornehmlich für Leute, die heroinabhängig sind. Die vier Verhandlungsstunden im Landgericht hatten einen gewissen Unterhaltungswert. Als man ihm eine Haftstrafe zwischen vier und viereinhalb Jahren für sein Geständnis zugesichert hatte, packte der jetzt in einer schwäbischen Haftanstalt und früher in Amberg einsitzende "notorische Rechtsbrecher" - wie ihn Staatsanwalt Tobias Kinzler bezeichnete - in bisher nicht gekannter Weise aus. Selbst nie Drogenkonsument, schilderte er Einzelheiten. Dabei offenbarten sich Strukturen, die erneut die Frage aufwarfen, welche Sicherheitsvorkehrungen es im Gefängnis gibt.

Eingeschleuste Handys


Der 62-Jährige verfügte in seiner Zelle über eingeschleuste Handys. Über seine Telefone orderte er bei einem Bekannten in Berlin größere Mengen Subutex-Tabletten. Der Mann aus der Bundeshauptstadt lieferte und schickte die Bestellungen per Post an einen 64-jährigen Regensburger. An dessen Tür läuteten in regelmäßigen Abständen Leute, die er - wie der zwischenzeitlich zu einer Bewährungsstrafe verurteilte Rentner Richterin Roswitha Stöber erzählte - "vorher nie gesehen hatte."

Bei den Männern handelte es sich in der Regel um Freigänger, die nach Wochenendurlauben in die JVA zurückkehrten. Sie schmuggelten insgesamt 370 Subutex-Tabletten ins Gefängnis und bekamen Honorare für ihre Bemühungen. "Und wie ging das dann weiter?", wollte die Kammervorsitzende Roswitha Stöber wissen. "Ganz einfach", erfuhr sie. Wer Subutex haben wollte, bekam es. Die Bezahlung dafür (pro Tablette zwischen 10 und 15 Euro) leisteten Verwandte und Bekannte der Häftlinge. Dafür gab es ein Konto, das der Freund des Angeklagten in Regensburg eröffnet hatte. Für sich selbst nahm er kleinere Provisionen, der große Rest blieb für den wegen Diebstählen im Knast sitzenden Händler.

Der 62-Jährige hatte auch noch andere heiße Ware in seinem offenbar 24 Stunden geöffneten "Laden" anzubieten. Fentanylpflaster beispielsweise, die opiathaltig getränkt waren. Bisweilen auch das eine und andere Gramm Heroin, per Wurf über die Gefängnismauer befördert. Die Kammer stellte beide Verfahren ein. Weil die wegen der Subutex-Tabletten zu erwartende Strafe ohnehin mehrere Jahre betrage, hieß es.

Vier Jahre, drei Monate


Vier Jahre und drei Monate forderte Staatsanwalt Kinzler und blickte dabei auf das Geständnis des Beschuldigten. Vier Jahre seien genug, hielt Verteidiger Michael Haizmann (Regensburg) dagegen. Die Strafkammer entsprach dem Antrag des Anklagevertreters. Zuvor hatte sie von dem Drogenhändler, der seine Geschäfte unbehelligt in der JVA Amberg aufziehen und abwickeln konnte, gehört: "Ich schäme mich." Die Richter nahmen es zur Kenntnis.

Die ÜberraschungseierWenn Subutex-Tabletten in die JVA geschmuggelt wurden, geschah das auf eine für die Kuriere auch mit körperlicher Pein verbundene Art. Am Landgericht schilderte ein 62-Jähriger, der den Drogenhandel organisierte, wie das ging. "Kennen Sie Überraschungseier?", fragte er süffisant die Richterin, bekam ein "Ja" und fuhr fort, dass in diesen Schoko-Ovalen ein gelber Plastikbehälter sei. "Da passen genau 50 Subutex-Tabletten rein." Die Kunststoffteile wurden anal von nach Wochenendurlauben zurückkehrenden Freigängern eingeschleust und bei Kontrollen nicht entdeckt. Das, so war zu hören, kann durchaus schmerzhaft sein. Der Angeklagte schmunzelte und es entfuhr ihm die Feststellung, da müsse man sich beherrschen.

In seinem Plädoyer beschrieb kurz danach der Regensburger Strafverteidiger Michael Haizmann seine nach langer Berufserfahrung gewonnenen Eindrücke. Er kenne keine Haftanstalt weit und breit, in der so mit Rauschgiften gehandelt werde "wie in der JVA Amberg". Haizmann ergänzte: "Wenn Sicherheitsbehörden nicht in der Lage sind, das in den Griff zu kriegen, ist dies ein Fehler im System." Das könne man letztlich nicht seinem Mandanten ankreiden. (hwo)
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