Sea-Eye im Mittelmeer zur Rettung von Flüchtlingen unterwegs
Nur ein Ziel: Leben retten

Schwimmwesten sind schon die halbe Miete. Die Helfer passen auch auf, dass keiner über Bord geht. Das Gros der Schiffbrüchigen kann nicht schwimmen. Bild: hfz/Sea-Eye

Im Mittelmeer ertrinken regelmäßig Hunderte Menschen: Männer, Frauen, Kinder. Ein Zustand, den der Regensburger Michael Buschheuer nicht mehr tatenlos mit ansehen wollte. Genauso wenig wie etliche Oberpfälzer, die zusammen mit ihm auf dem Rettungsschiff Sea-Eye in See gestochen sind.

Amberg/Weiden. Buschheuer ist passionierter Segler. "Bei einem Törn im Mittelmeer wurde ich mir der perversen Situation bewusst: Ich entspanne hier, während wenige Hundert Seemeilen entfernt Menschen ertrinken. Weil ihnen niemand hilft", sagt er. Deshalb handelte er. Im Herbst vergangenen Jahres gründete der 38-jährige Regensburger mit seiner Familie und Freunden die gemeinnützige Organisation Sea-Eye mit dem Hauptziel, schiffbrüchige Menschen auf ihrer gefährlichen Flucht über das Mittelmeer zu retten. Die Organisation erwarb einen 60 Jahre alten und 26,5 Meter langen Fischkutter, der bis 2014 auf der Ostsee unterwegs war, und ließ ihn umbauen: Funktechnik wurde installiert, ein Vorrat von 700 Schwimmwesten und ein Beiboot an Bord genommen. Am 22. Februar startete die erste 14-tägige Rettungsmission. Seither haben Buschheuer und seine Helfer fast 4000 Menschen vor dem Ertrinken bewahrt. Die wichtigste Aufgabe der Besatzung ist es, ein SOS-Signal abzusetzen und professionelle Hilfe anzufordern. Bis dahin muss sie das Überleben der Flüchtlinge irgend möglich sichern.

An den 14 Missionen, die für heuer angesetzt sind, beteiligen sich mehrere Freiwillige aus der Oberpfalz. Günther Pirnke aus Schwandorf, Markus Neumann (Kümmersbruck) und der gebürtige Flosser Dr. Wilfried Schnappauf waren sogar als Kapitäne im Einsatz. Sie berichten von skrupellosen Schlepperbanden, nervenaufreibenden Rettungsmanövern und ihrer Motivation, zu helfen.


Einsatzprotokoll


2.15 Uhr: Anruf vom Seenotrettungszentrum Rom. Meldung: "Schlauchboot mit 130 Personen besetzt auf Position 33-05N 012-17E, engine is working, Boot auf Kurs 360 mit vier bis fünf Knoten." Wecken Skipper und Maschinist durch Wachführer.

2.35 Uhr: Maschine an und Kurs auf Position unter Berücksichtigung von Route und Geschwindigkeit des Schlauchbootes.

3.20 Uhr: Funkspruch mit Dignity 1. Neue Position des Schlauchbootes.

4.10 Uhr: Funkspruch von spanischem Kriegsschiff. Erneut neue Position des Schlauchbootes - nun auf 33-05N 012-22E.

5.40 Uhr: Seenotrettungszentrum Rom: "Neue Position Schlauchboot - neuer Kurs 146." Langsam wundern wir uns über die vielen Positionsänderungen. Sicht ist sehr schlecht. Sonne geht auf und es ist extrem diesig. Seit zwei Stunden ist der Ausguck mit drei Personen permanent besetzt.

5.51 Uhr: Sichtung Schlauchboot an Steuerbord, Charlotti (das Beiboot von Sea-Eye; Anm. d. Red.) wird zu Wasser gelassen und ein Big-Pack Schwimmwesten mit aufgeladen.

6 Uhr: Seenotrettungszentrum Rom verständigt. Bergung durch italienisches Kriegsschiff zugesagt. Auf dem Schlauchboot sind auch zwei Kinder, keine Verletzten. Boot wird weiter mit Schwimmwesten versorgt. An Deck werden Big-Packs aus dem Laderaum an Deck gebracht.

6.25 Uhr: Sichtung zweites Boot. Das erste war versorgt. Es folgte nun das Austeilen der Rettungswesten an Nummer 2. Zusätzlich wurde Trinkwasser ausgegeben. Sichtung Boot 3! Weitere Hilfe war nicht vor Ort. Auch dieses Boot wurde versorgt. Es hatte in einem Schlauch schon viel Luft verloren.

Durch Charlotti wurde eine Rettungsinsel an das Schlauchboot gebracht, um es zu entlasten. Inzwischen war die italienische Marine vor Ort und konnte die Boote 1 und 2 bergen.

Dann Sichtung Boot 4! Wir funken die Marine an und bitten um Rückgabe der Schwimmwesten, um die vierte Gruppe versorgen zu können.

Sichtung Boot 5 und 6! Italienische Marine und Sea-Eye arbeiten Hand in Hand. Schwimmwesten werden schnell zurückgebracht und sofort durch die Sea-Eye an die Boote 5 und 6 ausgegeben.

12.35 Uhr: Zehn Stunden nach Alarmierung ist die Aktion beendet. Nun beginnt das große Aufräumen. Schwimmwesten werden nach und nach zurückgebracht. Die Soldaten sind sehr kooperativ und guter Laune. Stimmung auf der Sea-Eye ist gut, wenngleich alle sehr müde sind.

Als wir unsere letzten Schwimmwesten zurückbekommen, nehmen wir Kurs auf Nord, um die 12-Meilen-Zone vor der libyschen Küste zu verlassen. In diese wurden wir während der Aktion getrieben. (upl)

"Weil es um Menschenleben geht"Er steht in der Abflughalle mitten unter den Ibiza-Touristen, den Koffern mit den Strandsachen, den Sommer-Sonne-Prospekten. Volker Ignatz (42) aus Amberg hat zwar drei Wochen Urlaub genommen, aber er fliegt nicht weg, um in irgendeinem Hotel die Beine hochzulegen. Ignatz ist Crewmitglied auf der zehnten Mission (21. August bis 5. September) der Sea-Eye auf dem Mittelmeer.

"Mulmig" sei ihm nicht zumute, sagt er kurz vor seiner Abreise. "Aber Zeit wird's schon, dass es jetzt bald losgeht." Immerhin beschäftige er sich nun schon seit dem Frühjahr intensiv mit dem Thema. Der 42-jährige Software-Experte ist - wie so viele, die beim Projekt Sea-Eye mithelfen - Hobby-Segler. "Ich hab schon ein bisschen nautische Erfahrung." Zu dieser gehört die seemännische Pflicht, Menschen in Seenot zu retten. "Allein das ist Motivation genug", erklärt der Amberger. Jedes Crewmitglied hat auf dem umgebauten Kutter im Mittelmeer eine bestimmte Aufgabe. Volker Ignatz wird, wenn der Ernstfall eintritt, von der Sea-Eye in ein Rettungsboot umsteigen und auf das gesichtete Flüchtlingsboot zusteuern. "Wir könnten mit dem Kutter gar nicht so nahe an diese Nussschalen heranfahren. Wir wollen natürlich auch vermeiden, dass die Menschen in den überfüllten Schlauchbooten in Panik geraten." Den Bootsflüchtlingen Angst nehmen, sie auf die bevorstehende Rettung vorbereiten - das wird Aufgabe des Ambergers sein. Seine Familie unterstützt ihn. "Die finden das gut. Klar schwingt immer auch ein bisschen Sorge mit." Aber in Gefahr seien ja wohl eher andere, nicht die Helfer auf der Sea-Eye.

Wenn Ignatz zurückkommt, will er von dem Einsatz auf hoher See erzählen. Für Samstag, 10. September, plant er einen Charity-Abend im Amberger Kunstkombinat (Neustift 47). Ab 19 Uhr gibt es eine Bilderschau, einen Erlebnisbericht und Musik von den Mitgliedern der Band "Joe and the Dudes". Vorerst will er nichts anderes, als an Bord zu gehen. "Ich gehe offen an die Sache heran", sagt er. "Wenn du verrückt bist, dann machst du es. Oder du bist eben nicht verrückt. Dazwischen gibt es nichts." (upl)

Mission 7-Kapitän Günther Pierke spricht über Schlepperbanden und lebensgefährliche Überfahrten




Was bewegt einen Menschen dazu, sich in Lebensgefahr zu begeben? Günther Pirnke (63) treibt diese Frage um. Der Schwandorfer war auf der Mission 7 Kapitän der Sea-Eye. Es sind wohl die allerwidrigsten Lebensverhältnisse, totale Armut, Verfolgung und Trostlosigkeit, wie Pirnke sagt. "Die Schlepperbanden nutzen die Umstände, suggerieren ein besseres Leben in Europa und nehmen den Menschen das letzte Geld ab." Dafür würden sie die Männer, Frauen und Kinder in Schlauchboote pferchen. Bis zu 140 auf rund 18 Quadratmeter. Die Schlepper schickten die Menschen mit einem 50 PS-Motor aufs offene Meer, mit dem Versprechen, bald von Rettungsbooten erkannt und geborgen zu werden."Die Schlauchboote sind nicht für so viele Personen konstruiert und keinesfalls seetauglich", sagt der 63-Jährige. In aller Regel würden die sogenannten Rubber-Boats gegen Mitternacht starten, begleitet von ihren Schleppern auf deren eigenen Motorbooten.

Voraussetzung für den Start seien gutes Wetter und günstiger Wind. "Bei stärkeren Windverhältnissen aus dem Norden ist an der flachen libyschen Küste kein Start möglich, weil die daraus resultierende Dünung jedes Schlauchboot zum Kentern bringen würde." Wehen die nördlichen Winde jedoch moderater, bildet sich an der Küste ein eigenes Windsystem. Es bewirke in Ufernähe einen Landwind, der zur See hinaus bläst. Er beginnt ab Mitternacht und endet gegen 5 Uhr. Dieser Landwind wird genutzt, um zu starten.

Boote hohen Wellen und starkem Wind ausgesetzt


Die Boote sind dann dem offenen Meer, mit hohen Wellen und stärkeren Winden ausgesetzt. Wegen des Gewichts knicken die Gummigefährte meist in der Mitte ein. Spätestens dann sind Menschen in allerhöchster Lebensgefahr, zumal keiner der Flüchtlinge mit einer Rettungsweste ausgestattet ist. "Wer rausfällt, ersäuft jämmerlich", sagt Pirnke.

Erst 14 Seemeilen von der Küste entfernt, beginnt für die Flüchtlinge die Hoffnung, von einem privaten Rettungsunternehmen oder einem wartenden Kriegsschiff gesichtet zu werden. Wenn das Boot vorher sinkt, gebe es keine Chance für die Hilfesuchenden. "Wenn ein Boot mit 'nur' 112 Leuten aufgefischt worden ist und gleichzeitig weiß man, dass in der Regel die Schlauchboote mit bis zu 140 Personen vollgestopft werden, kann man sich vorstellen, was mit dem Rest geschehen ist."

Günther Pirnke war Sea-Eye-Kapitän der "Mission 7" vom 7. bis 21. Juli. Ein Bericht über ihn und seinen Einsatz ist auf www.onetz.de/1688210 zu finden.

Die Crew aus der OberpfalzSie sind die Helden der See. Die Kapitäne und Crew-Mitglieder der Sea-Eye retten bei ihren Missionen Leben. Etliche Helfer sind aus der nördlichen Oberpfalz.

Crew-Mitglieder

  • Reinhold Wagner aus Kümmersbruck (Teilnehmer auf Mission 6 und 14)
  • Anita Irmgrund aus Fensterbach (Teilnehmerin auf der Mission 4)
  • Volker Ignatz aus Amberg (Teilnehmer der Mission 10)
  • Josef Tschoepe aus Amberg (Teilnehmer Mission 12)
  • Thomas Hauser aus Amberg (noch nicht dabei)
  • Wolf Buchner aus Etzelwang (noch nicht dabei)
  • Thomas Scheimer aus Amberg (noch nicht dabei)

Kapitäne

  • Markus Neumann aus Kümmersbruck (Kapitän der Mission 6)
  • Günther Pirnke aus Schwandorf (Kapitän der Mission 7)
  • Dr. Wilfried Schnappauf, gebürtiger Flosser (Kapitän der Mission 5 und Teilnehmer Mission 2)
(doz)

Wilfried Schnappauf (66) aus Floß heuert zwei Mal an


(mic) Zwei Wochen auf einem umgebauten Fischkutter durch das Mittelmeer zu schippern, klingt vielversprechend. Mit Erholung oder Abenteuer hat die Zeit auf der Sea-Eye dennoch nichts zu tun. Der gebürtige Flosser Dr. Wilfried Schnappauf heuerte gleich zwei Mal auf dem Schiff des Regensburgers Michael Buschheuer an, um bei der Rettung von Flüchtlingen mitzuhelfen. Als er im Oktober 2015 von Buschheuers Plänen erfährt, steht für ihn schnell fest: "Da will ich dabei sein." Der 66-Jährige hilft auch mit, das Schiff von Rostock ins Mittelmeer zu überführen. Die dritte Etappe von Malaga nach Sizilien verbringt er zum ersten Mal an Bord der Sea-Eye - für ihn eine Art persönliche Testphase. "Wer sich bereiterklärt, Crewmitglied zu werden, muss wissen, auf was er sich einlässt." Bei Seegang tanzt der Kutter auf den Wellen, nichts für empfindliche Mägen. Schnappauf ist froh, dies ausgehalten zu haben. "Das war mir vorher nicht klar", gibt er zu.

Ausnahme: Hochschwangere Frau darf an Bord


Der Allgemeinmediziner ist dabei, als die Sea-Eye am 5. Mai um 7.30 Uhr auf das erste Boot mit afrikanischen Flüchtlingen trifft. 123 Menschen drängen sich auf einem aufblasbaren Schlauchboot, einer Nussschale. "Zum Glück war das Meer an diesem Tag ruhig", erinnert sich Schnappauf. Was bei hohen Wellen passiert wäre, mag er sich gar nicht vorstellen. Normalerweise nimmt die Sea-Eye keine Flüchtlinge an Bord. Dafür würde der Platz nicht reichen.

Bei einer hochschwangeren Frau macht die Crew eine Ausnahme. "Sie hätte es nicht mehr länger ausgehalten", blickt der Arzt zurück. Die verunsicherten Blicke der Menschen lassen ihn nicht mehr los. "Wie verzweifelt muss man sein, um sich freiwillig in Lebensgefahr zu begeben?" Eine Frage, die er sich immer wieder stellt.

Weitere Informationen: www.sea-eye.org
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