Sebastian Thaler (30) aus Kümmersbruck macht in Eching Karriere
Plötzlich Bürgermeister

Sebastian Thaler vor dem Amberger Rathaus. Wie Oberbürgermeister Michael Cerny hat Thaler seinen Job bei Siemens aufgegeben, um als Bürgermeister arbeiten zu können. Der 30-Jährige ist ab September politisches Oberhaupt der 13 800 Einwohner zählenden Gemeinde Eching bei München. Bild: upl
 
Florian Post. Bild: hfz

So was nennt sich dann wohl Blitzkarriere: Der Gregor-Mendel-Absolvent Sebastian Thaler (30) ist vor wenigen Tagen zum Bürgermeister von Eching bei München gewählt worden. Dabei wohnt er noch nicht einmal in der Gemeinde.

Sebastian Thaler kommt zum Echinger Bürgermeistersessel wie die Jungfrau zum Kind. "Das war überhaupt nicht in meinem beruflichen Erwartungshorizont", gibt der 30-jährige Siemens-Projektleiter zu. Doch 3348 Bürger der Gemeinde im Münchner Speckgürtel (62,09 Prozent der Wähler) wollten den Oberpfälzer bei der Wahl am 3. Juli als neuen Chef im Rathaus sehen. Der Gegenkandidat von der CSU hatte deutlich das Nachsehen.

Über den Tennissport


Thaler ist 1986 in Nabburg geboren, wuchs in Kümmersbruck ("neben dem Rathaus") auf und besuchte das Amberger Gregor-Mendel-Gymnasium. 2005 schrieb er dort das Abitur und zog nach München, um an der Technischen Universität Wirtschaftswissenschaften und Elektrotechnik zu studieren. Weil er leidenschaftlich gerne Tennis spielt, engagierte er sich beim SC Eching - der Schlüssel zum Bürgermeisteramt.

"Im September vergangenen Jahres fragte mich der Altbürgermeister aus heiterem Himmel, ob ich mir vorstellen könnte als parteiloser Kandidat anzutreten", erzählt Thaler. Binnen drei Tagen musste er sich entscheiden. "Ich habe ihm gesagt: Das macht doch keinen Sinn! Ich bin in keiner Partei, geschweige denn im Gemeinderat. Ich hab noch nicht mal meinen Wohnsitz hier." Doch der langjährige Rathauschef habe ihn ermutigt, genau das als Chance zu sehen. Er sei ja 1972 unter ähnlichen Vorzeichen gewählt worden.

Thaler stimmte - nachdem ihn auch seine Frau Marlen bestärkte - zu, und schon zwei Wochen später war er als unabhängiger Kandidat der SPD nominiert. Die Grünen und zwei Bürgerbündnisse stellten sich sofort hinter ihn. "Und dann haben wir mit einem hochmotivierten Team einen professionellen Wahlkampf aufgezogen." 300 Leute kamen zu seinem ersten Info-Abend, bei der Podiumsdiskussion mit seinem Kontrahenten waren mehr als 500 Bürger da. Etwa 700 Hausbesuche absolvierte er bis zum Wahltag.

"Dass das Ergebnis so deutlich ausfällt, hätte ich nicht gedacht", räumt Thaler ein. Vor allem, weil das Thema Wohnsitz kontrovers diskutiert worden sei. "Mittlerweile haben wir in einem Ortsteil von Eching ein Haus gefunden, das wir mieten können." Der Umzug steht im September an.

Amtsantritt im September


Am 1. September beginnt auch seine Amtszeit. Die Echinger wählen ihren Bürgermeister seit 1992 losgelöst von der Kommunalwahl. Einen Zustand, den der neue Rathauschef wieder zurechtrücken will. "Ich werde in dreieinhalb Jahren freiwillig zurücktreten, damit Bürgermeister- und Gemeinderatswahl wieder am gleichen Termin stattfinden", hat er sich bereits festgelegt. "Das spart Geld."

Um Kosten geht es auch bei seinem ersten großen Projekt, der geplanten Rathaussanierung. Die auf 12,5 Millionen Euro veranschlagte Renovierung des Gemeindesitzes ist bereits in die Wege geleitet. Doch Thaler will das alles noch einmal auf den Prüfstand stellen. "Es wurde vorher überhaupt nicht geprüft, ob ein funktionaler Neubau günstiger käme", verdeutlicht er.

"Das wird eine schwierige Baustelle", schwant dem 30-Jährigen schon jetzt. Doch er ist zuversichtlich, weil er von der Verwaltung freundlich aufgenommen worden und auch der Wahlkampf fair verlaufen sei. "Mein Eindruck ist, dass der Gemeinderat zum Wohl der Kommune zusammenarbeitet." Dazu passt, dass ihn der amtierende Bürgermeister in dieser Woche durch das Rathaus führt und in die Amtsgeschäfte einweist.

Trotz seiner neuen Aufgabe in Eching, bleibt Thaler seiner Heimat Amberg und Kümmersbruck eng verbunden. Auch als Tennis-Sportler. Erst vor ein paar Tagen stand er als Schiedsrichter am Platz des TC am Schanzl. (Angemerkt)

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Weitere Informationen:

www.sebastian-thaler.de

Vom Max-Reger-Gymnasium in den BundestagEin weiterer ehemaliger Abiturient aus Amberg hat in München Karriere in der Politik gemacht: Der Max-Reger-Absolvent Florian Post (35) zog vor drei Jahren über die Landesliste der bayerischen SPD in den Bundestag ein. Post trat im Wahlkreis München-Nord als Direktkandidat gegen Johannes Singhammer (CSU) an und rechnete sich zunächst Chancen aus. Letztendlich musste er sich dem CSU-Kontrahenten aber geschlagen geben.

Florian Post wurde 1981 in Neustadt an der Waldnaab geboren. Von 2005 bis 2009 war er Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Leuchtenberg. Seine Mutter, Waltraud Benner-Post, war bis 2013 Bürgermeisterin der Marktgemeinde. Neun Jahre lang, von 1992 bis 2001, besuchte er das Internat des musischen Max-Reger-Gymnasiums. Nach dem Abitur zog er in die Landeshauptstadt, um an der Ludwigs-Maximilians-Universität Betriebswirtschaftslehre zu studieren.

Im Berliner Parlament setzt sich der 35-jährige Oberpfälzer nach eigenen Angaben vor allem für eine soziale Finanz- und Steuerpolitik ein. Auch die Einführung einer Finanztransaktionssteuer ist eines seiner Anliegen. (upl)

Das Märchen fängt erst an

Angemerkt von Michael Zeißner

Die Geschichte der Bürgermeister-Werdung von Sebastian Thaler klingt wie ein kommunalpolitisches Märchen. Märchen enden jedoch nicht nur in einer glücklichen Fügung. Sie wollen die Menschen auch etwas lehren.

Was können wir also lernen aus dieser lokalpolitischen Blitzkarriere aus heiterem Himmel? Die durch die Gemeindeordnung festgesetzten und bisher fast ausschließlich durch die politischen Parteien ausgefüllten Strukturen zur Besetzung von kommunalen Wahlämtern sind offenbar vielerorts in einem hohen Maß verkarstet. Den Parteien fehlt fähiger und williger Nachwuchs, weil sich die ehrenamtliche, Jahrzehnte beanspruchende Ochsentour Mitgliedschaft, Amt, Mandat, Spitzenmandat keiner mehr antun will.

Wer gestalten möchte, dem ist das Diktat von Parteidisziplin und Fraktionszwang ein Gräuel. Er stellt seine Ideen lieber zur öffentlichen Disposition einer unbefangenen Wahl. Das einstige gesellschaftliche Ansehen, das ein kommunales Mandat mit sich brachte, hat sich zudem gewandelt in eine immerwährende politische Angriffsfläche bis hin zur persönlichen Diffamierung. Das soll erstrebenswert sein? Fähige Leute, die in der Wirtschaft gut bezahlt werden, winken deshalb meist ab, wenn Parteien anklopfen.

Aber wir können im Vorfeld oder nach den nächsten Kommunalwahlen 2020 ja einmal nachfragen, wie das Echinger lokalpolitische Märchen weitergeht. Zu Ende erzählt ist es jedenfalls noch lange nicht.
1 Kommentar
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Oliver Endres aus Amberg in der Oberpfalz | 05.08.2016 | 14:50  
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