Sexualverbrechen eine Erfindung oder bittere Realität?
Die Vergewaltigungs-Frage

Symbolbild: dpa

Die Geschichte war abenteuerlich: In ein Auto gezerrt, von zwei Männern verschleppt und im Wald von beiden vergewaltigt. Dass dieses Verbrechen frei erfunden war, konnte einer jungen Frau nicht nachgewiesen werden. Freispruch, befanden die Richter.

Sie hatte schon vor drei Jahren ein Missbrauchsverbrechen vorgetäuscht und damit einen Mann in Polizeigewahrsam gebracht. Damals bekam die heute 20-Jährige drei Wochen Arrest. Jetzt holte sie die Justiz erneut. Vor dem Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Peter Jung wurde drei Stunden lang darüber diskutiert, ob die junge Frau abermals einen gewaltsamen Übergriff erfunden hatte.

Am 16. März vergangenen Jahres verließ die 20-Jährige ihre gemeinsam mit einer Freundin geteilte Wohnung. Es war spät am Abend. "Ich muss noch schnell etwas erledigen", teilte sie mit und verschwand. Erst Stunden später kehrte die junge Ambergerin zurück. "Sie benahm sich merkwürdig", sagte jetzt ihre Freundin und fügte hinzu, nach eingehendem Befragen sei ihr mitgeteilt worden: "Ich bin vergewaltigt worden." Daraufhin erschienen Polizisten in der Wohnung, schaltete sich sofort die Kripo ein.

"Ja, es ist erfunden"


Was die Ermittler hörten, nahm sich - wie Staatsanwalt Holger Vogl jetzt im Prozess resümierte - "abenteuerlich" aus. Die Frau erzählte, dass sie zu nächtlicher Stunde einen Bekannten treffen wollte, um ihm eine in ihrer Wohnung zurückgelassene Armbanduhr zu übergeben.

Am ausgemachten Treffpunkt, einem Parkplatz hinter dem Bahnhof, sei dann dieser Freund nicht erschienen. "Aber dort stand ein Auto, in dem zwei Männer saßen." Die etwa 30 bis 40 Jahre alten Unbekannten seien sofort ausgestiegen, hätten sie in das Fahrzeug gezerrt, in ein Waldstück gebracht und dort auf üble Weise vergewaltigt. Danach sei sie zu dem Parkplatz in Bahnhofsnähe zurückgebracht und dort freigelassen worden. Ein Hauptkommissar der Kripo hörte sich damals diese Schilderungen an, bekam bei näherem Nachbohren keinerlei Details und hielt der 20-Jährigen vor: "Das ist doch erfunden." Daraufhin gab das vermeintliche Opfer der Gewalttat zu Protokoll: "Ja, es ist erfunden."

Vor den Richtern kehrte die 20-Jährige nun zur ihrer ursprünglichen Version zurück und behauptete mit allem Nachdruck, der von ihr anfänglich geschilderte Übergriff habe tatsächlich stattgefunden. "Warum haben Sie dann widerrufen?", fragte Richter Jung. Die Antwort lautete: "Ich hatte Angst, dass ich wieder eingesperrt werde."

Für Staatsanwalt Holger Vogl war das Verbrechen der zweifachen Vergewaltigung "frei erfunden." Eine ärztliche Untersuchung der Frau, so Vogl, habe zwar eine minimale Verletzung ergeben - "aber gynäkologisch keinerlei Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch". Der Anklagevertreter beantragte wegen Vortäuschung einer Straftat sechs Monate Haft mit Bewährung und 600 Euro Geldauflage. Das Jugendschöffengericht kam zu einer vollkommen anderen Auffassung. Es sprach die 20-Jährige frei und ließ über Richter Jung mitteilen, dass man "die Behauptung der zweifachen Vergewaltigung nicht gegenteilig nachweisen kann."

Polizei erneut gefordert


Damit muss die Polizei ihre nach dem seinerzeitigen Tatwiderruf geschlossenen Aktendeckel nun erneut öffnen und sich auf die Suche nach zwei der Frau völlig unbekannten Männern machen. Sie sprachen angeblich kein Wort, sollen aber vom Aussehen her nicht aus Deutschland stammen. Ob es sie wirklich gibt, ist fraglich. Doch könnte es gut sein, dass dieser Prozess vor dem Landgericht als Berufungsinstanz eine Neuauflage erlebt.
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