Spatenstich für psychiatrische Tageskliniken
"Es kann jeden treffen"

Das fröhliche Lied, getextet zur Melodie von "Die Affen rasen durch den Wald", gefiel auch Gesundheitsministerin Melanie Huml (rechts). Im Refrain sangen die Kinder: "Wo ist die KJP? Wo wird die KJP gebaut?". Bilder: Hartl (3)
 
Die Tageskliniken leiten Dr. Christian Rexroth (links) und Dr. Peter Radlinger.

Ein gebrochenes Bein oder ein entzündeter Blinddarm, der raus muss: Das ist die eine Seite. Die andere sind psychische Erkrankungen. Auch sie gehören zum breiten medizinischen Spektrum. Der Neubau zweier Tageskliniken schließt eine Versorgungslücke.

"Es kann jeden von uns treffen", sagt Melanie Huml über psychische Erkrankungen. Umso wichtiger ist es der bayerischen Gesundheitsministerin, dass Betroffene Hilfe erfahren - und zwar wohnortnah. Mit dem Bau zweier Tageskliniken (eine für Kinder und Jugendliche, die andere für Erwachsene) wird in der Region eine Versorgungslücke geschlossen. Sie entstehen in unmittelbarer Nachbarschaft des Klinikums, an der Stelle des alten Infektionsbaus (Ecke Marien-/Wiltmaisterstraße).

"Medizin aus einer Hand"


Die Freude darüber trübte der Dauerregen gestern beim Spatenstich nicht. "Wir freuen uns sehr", meinte Dr. Dr. Helmut Hausner, Vorstand des Betreibers medbo (medizinische Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz), über den Auftakt der Baumaßnahme am Standort Amberg. Der Oberpfälzer Bezirkstagspräsident Franz Löffler unterstrich, wie wichtig es ist, Menschen mit psychischen Erkrankungen zu helfen. "Die Psychiatrie ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen", sagte er. Vor 25 Jahren sei dies noch anders gewesen. Ziel müsse sein, dass Betroffene ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen und vollwertig am Leben teilhaben können. "Wir haben unseren Wunsch-Nachbarn gefunden - und bekommen", freute er sich über die unmittelbare Nähe zu St. Marien. "Wir bieten Medizin aus einer Hand." Egal, was dem Patienten fehle: Ob er sich den Fuß gebrochen habe, der Blinddarm operiert werden müsse oder die Seele krank sei: "Du kannst durch die gleiche Tür gehen."

Insgesamt 6,8 Millionen Euro kostet der Neubau, der zwei Tageskliniken (für Kinder und Jugendliche sowie für Erwachsene) unter einem Dach vereint. "Da nehmen wir viel Geld in die Hand", erklärte Löffler. Der Freistaat Bayern übernimmt 3,5 Millionen Euro, die medbo 2,7 Millionen Euro. Der Bezirk gibt laut Löffler noch rund 650 000 Euro für eine Schule für Kranke aus. Denn für die Kinder und Jugendlichen, die als Patienten in der Tagesklinik sind, müsse sichergestellt werden, dass sie den Anschluss an den Unterricht nicht verlieren. "Unser Ziel ist, 2018 möglichst zu Beginn des Jahres fertig zu sein", sagte Löffler und erwähnte noch die 49 Vollzeit-Arbeitsplätze, die entstehen.

"An der Seele zu erkranken, das kann jeden von uns treffen", betonte Ministerin Melanie Huml. "Wir brauchen eine gute, eine wohnortnahe Versorgung für psychisch erkrankte Menschen." Gerade für betroffene Kinder und Jugendliche sei es schön, wenn sie abends in die Familie könnten und ihre Geschwister nicht nur am Wochenende sehen müssten, sagte sie. Gleichzeitig betonte Huml, dass es psychische Erkrankungen gebe, die stationär behandelt werden müssten. "Tageskliniken gehen nicht immer und überall."

Gebaut werden zwei Tageskliniken mit insgesamt 32 Plätzen (12 für Kinder und Jugendliche, 20 für Erwachsene). Als "ganz toll" beurteilte die Politikerin die Nähe zu St. Marien. Für die Menschen und für die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen sei dies wichtig. Krankheiten können am Körper und auch an der Seele vorkommen.

Vor dem 14. Lebensjahr


Wichtig sei eine frühzeitige Behandlung. Denn: Bei etwa der Hälfte der chronisch depressiven Erwachsenen seien erste Symptome schon vor dem 14. Lebensjahr aufgetreten. "Da darf man dann nicht einfach nur sagen: Wird schon wieder." Wichtig sei: hinschauen und sich Hilfe holen. Manfred Wendl, Vorstand von St. Marien, sprach von einem wichtigen Projekt für die medizinische Versorgung der Bevölkerung. Die Errichtung der Tagesklinik durch die medbo mit direkter Verbindung zum Klinikum bezeichnete er als "Gewinn für beide Einrichtungen und die Stadt Amberg". Er wünschte sich eine gute, gedeihliche Zusammenarbeit.

Von Burnout bis Borderline-Syndrom"Hier entsteht keine schreiende Architektur, vielmehr haben wir uns sehr zurückgenommen", sagte Architekt Alfred Lanzinger, als er die Pläne für den Neubau der Tageskliniken erläuterte. Errichtet wird ein dreigeschossiges Gebäude: auf der ersten Etage die Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, in der Mitte die Institutsambulanzen und oben die Tagesklinik für Erwachsenenpsychiatrie. Die Fläche gab Lanzinger mit 2400 Quadratmetern an - "das sind zehn Einfamilienhäuser". Die Einrichtung für die Erwachsenen wird Dr. Peter Radlinger leiten. Der Chefarzt ging auf das breite Spektrum psychischer Erkrankungen ein: von Depressionen über Burnout bis hin zu Persönlichkeitsstörungen wie Borderline-Syndrom. Der Betreiber medbo hatte bereits 2009 eine Institutsambulanz für Kinder- und Jugendpsychiatrie eröffnet, 2013 folgte nach Umzug ins ehemalige Bundeswehrkrankenhaus eine Tagesklinik mit zwölf Plätzen.

Seit deren Inbetriebnahme sei die Wartezeit von zwei auf ein Jahr halbiert worden, so Dr. Christian Rexroth, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ambulant behandelt wurden 5600 junge Patienten, über 140 in der Tagesklinik. (san)
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