Spielend die Sprache lernen

Marion Arbogast hilft den Zwillingen Anna (rechts) und Elisabetha. Die Zehnjährigen kommen aus der Ukraine.
 
40 Jahre lang engagierte sich der Sozialdienst katholischer Frauen am Bergsteig, Ehrenamtliche halfen Kindern bei den Hausaufgaben, betreuten sie, spielten und bastelten mit ihnen. Bild: SkF
 
Lahgang ist fertig mit den Hausaufgaben, jetzt spielt der achtjährige kurdische Junge aus Syrien mit Karin Siegert. Nach 40 Jahren am Bergsteig hatte der Sozialdienst katholischer Frauen den dortigen Hausaufgabentreff aufgegeben. Dank einer glücklichen Fügung geht das Projekt jetzt weiter, in Schulungsräumen des Eine-Welt-Ladens der Pfarrei Dreifaltigkeit. Dort betreuen SkF-Ehrenamtliche an drei Nachmittagen in der Woche Flüchtlingskinder. Bilder: Steinbacher(2)

Lahgang ist schon da. Vor dem Achtjährigen liegt ein Erstklässler-Schreibheft. Konzentriert arbeitet er, nach und nach trudeln die anderen Kinder ein. Dank des SkF-Hausaufgabentreffs bekommen die jungen Flüchtlinge Unterstützung beim Lernen.

Anna und Elisabetha, Zwillinge aus der Ukraine, und Christina aus Syrien ziehen schnell ihre Jacken aus und setzen sich zu Lahgang an den Tisch. In der Mitte steht eine Box mit Stiften, Radiergummi und Spitzern. Die Mädchen packen ihre Hefte und Mappen aus, legen los. Als ehrenamtliche Betreuerinnen sind an diesem Tag Marion Arbogast und Karin Siegert im Einsatz. Auch Doris Müller, die dem Vorstand des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) angehört, schaut in den Räumen des Eine-Welt-Ladens im Dreifaltigkeitsviertel vorbei. "Ich bin die Springerin, wenn mal eine Ehrenamtliche ausfällt", erklärt sie lachend.

Dass die Flüchtlingskinder hier seit November lernen, aber auch spielen, ist einer glücklichen Fügung zu verdanken. Denn nachdem der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) seinen Hausaufgabentreff am Bergsteig nach vier Jahrzehnten aufgegeben hatte, ergab sich hier eine neue Perspektive. "Ein Hausaufgabentreff für Flüchtlingskinder, das sind natürlich ganz andere Herausforderungen", gesteht SkF-Vorsitzende Marianne Gutwein. Sie betont aber auch, dass die Hilfe nicht nur für Migrantenkinder ist, sondern allen, die im Dreifaltigkeitsviertel leben, offen steht.

Zu den Eltern der Flüchtlingskinder haben die Ehrenamtlichen des SkF, die den Treff betreuen, ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. "Die Eltern möchten, dass ihre Kinder Hilfe bekommen", erklärt Graf. Sie freut sich, dass sich das Deutsch der kleinen Ukrainer und Syrer so wahnsinnig schnell entwickelt hat. "Sie lernen die Sprache sehr schnell." Fast alle der Schützlinge, die der SkF betreut, besuchen Übergangsklassen.

Memory sehr beliebt


Lahgang klappt sein Heft zu, legt den Bleistift zurück in die Box und springt auf. Er ist schon fertig mit seinen Hausaufgaben, jetzt will er spielen. Damit die anderen nicht gestört werden, geht Karin Siegert, die sich als Ehrenamtliche für den Hausaufgabentreff engagiert, mit ihm ins Nebenzimmer. Memory, Obstgarten oder Mensch-ärgere-dich-nicht: Das spielen die Mädchen und Buben gerne. "Mir gefällt es in der Schule", sagt Lahgang. Seine Lieblingsfächer sind Sport, Deutsch und Mathematik.

Vorsitzende Marianne Gutwein und Andrea Graf, die beim SkF für den Fachbereich Ehrenamtliches Engagement zuständig ist, sind froh, dass sie Mitstreiter wie Karin Siegert und Marion Arbogast haben.

"Das ist ein gewachsenes Team", sagt Gutwein über die Freiwilligen, die mit den Kindern lernen und spielen. Der SkF legt großen Wert darauf, die Ehrenamtlichen auszubilden und auch zu betreuen. Für sie werden Fortbildungen angeboten, aber zum Beispiel auch Erste-Hilfe-Kurse. Denn wenn sich jemand verletzt, müssen sie wissen, was zu tun ist. Der Vorgänger des jetzigen Hausaufgabentreffs befand sich in einer der roten Baracken am Bergsteig, die der Stadtbau gehören. Das Verhältnis zum Vermieter sei super gewesen, lobt Gutwein. "Die Stadtbau hat immer gesagt: ,Die Barracke reißen wir erst ab, wenn ihr sie nicht mehr braucht.'"

Neue Heimat gefunden


"Wir gehen als SkF immer dorthin, wo wir gebraucht werden", sagt Andrea Graf. Deshalb hat der Hausaufgabentreff eine neue Heimat im Dreifaltigkeitsviertel gefunden.

Hausaufgabenhilfe, Kindergarten, Spielpatz1975 hat der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) seine Arbeit mit Kindern am Bergsteig begonnen. Erstes Domizil war in Räumen unterhalb des Pfarrsaals. Drei Jahre später erfolgte der Umzug in die Hohenfelser Straße. Im Herbst 1978 bewilligte die Glücksspirale dem SkF 112 000 D-Mark. Mit dem Geld baute der Verein einen Spielplatz am Bergsteig, gestaltete seine Räume der Hausaufgabenhife aus und schaffte einen Dienstwagen an. Nachdem es 1980 in der Einrichtung in der Hohenfelser Straße gebrannt hatte, zog die Hausaufgabenhilfe um, mietete Räume in der Breslauer Straße 13 an. Von 1982 bis 1986 lief das fünfjährige Modellprojekt "Sozialpädagogische Stadtteilarbeit am Bergsteig". 1989 startete der SkF einen Spielkreis für Kinder von Spätaussiedlern, der sechs Jahre später in den Kindergarten Katharina umgewandelt wurde. Wegen zu geringer Auslastung schloss dieser 1999. Der Spielplatz am Bergsteig wurde 1996 renoviert und 2003 in die Trägerschaft der Stadt Amberg gegeben. (san)


Das Ende einer ÄraMit Wehmut verbunden

"Nach 40 Jahren am Bergsteig haben wir den Schlüssel abgegeben", sagt Marianne Gutwein. Wehmut schwingt definitiv in ihrer Stimme mit. Doch lächelnd verkündet sie auch, dass es eben weitergeht - nämlich im Dreifaltigkeitsviertel. "Wir haben mit blutendem Herzen aufgehört", erklärt die SkF-Vorsitzende über das Ende der Ära des Hausaufgabentreffs in diesem Stadtteil. Die Entscheidung, die Einrichtung aufzugeben, fiel den Verantwortlichen schwer, doch es fehlten schlicht und ergreifend die Kinder dafür. Zum einen sei laut Gutwein in den vergangenen Jahren am Bergsteig nicht gebaut worden, ergo zogen auch kaum Familien dorthin. Sozialpädagogin Andrea Graf, die für den Fachbereich Ehrenamtliches Engagement beim SkF zuständig ist, kennt einen weiteren Grund für den Rückgang der Teilnehmerzahl: Viele Kinder gehen in eine Ganztagsschule bis 16 Uhr. Und dort haben sie ebenfalls eine Hausaufgabenbetreuung.

Kaum noch Kinder

Als der SkF seine Arbeit am Bergsteig aufnahm, sei dieser Stadtteil als Brennpunkt bezeichnet worden, erinnert sich Marianne Gutwein. In einem über fünf Jahre laufenden Modellprojekt leistete der Verein von 1982 bis 1986 sozialpädagogische Stadtteilarbeit. "Damals gab es wahnsinnig viele Kinder am Bergsteig", erinnert sich die SkF-Vorsitzende. Für den Nachwuchs der Spätaussiedler richtete der SkF später einen Spielkreis ein, der ein paar Jahre später in einen Kindergarten umgewandelt wurde. Das Angebot der Hausaufgaben- und Freizeitbetreuung richtete sich laut Andrea Graf an Kinder der ersten bis zur sechsten Klasse. "Siebt- und Achtklässler wären auch gar nicht mehr in den Treff zum Basteln gekommen", sagt sie über die anderen Bedürfnisse, die Jugendliche in diesem Alter haben. Der Rückgang zeichnete sich laut Graf bereits im Schuljahr 2014/15 ab. "Da hat es angefangen, dass nicht mehr so viele kamen." Der SkF startete eine Aktion, um für den Hausaufgabentreff zu werben, nahm Kontakt mit der Barbaraschule auf, verteilte Infozettel an Eltern. Doch mehr Kinder kamen nicht.

Im Eine-Welt-Laden

Dass der Hausaufgabentreff dennoch weitergeführt wird, nennt Andrea Graf eine glückliche Fügung. Denn als der SkF seinen Netzwerkpartnern sagte, am Bergsteig aufhören zu wollen, ergab sich auf Vermittlung der Caritas eine Lösung: Die Pfarrei Heilige Dreifaltigkeit stellte Räume, die sonst der Eine-Welt-Laden nutzt, zur Verfügung. Im November startete der Hausausfgabentreff, zu dem vor allem Flüchtlingskinder willkommen sind. "Am ersten Tag waren sieben Kinder da", freut sich Graf. Inzwischen sind es sechs, die regelmäßig kommen, je drei aus der Ukraine und aus Syrien. (san)
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