Suizid: Viele Selbsttötungen wären aus Expertensicht zu verhindern
Besser als der Tod

Experten sind überzeugt: Viele der etwa 10 000 Selbsttötungen pro Jahr in Deutschland wären vermeidbar. Bei der Aktion "600 Leben" anlässlich des Welttags der Suizidprävention (WTSP) lassen sich rund 600 Menschen vor dem Brandenburger Tor in Berlin zu Boden fallen. Die Zahl steht für 600 Jugendliche und junge Menschen, die jedes Jahr durch Suizid sterben. Bild: dpa
 
Georg Pilhofer, SPZ Amberg
 
Elisabeth Brockmann, Agus e.V.

Als Sam in die Leere springt, ist er 18. Das Leben hat er vor sich, meinen wir. Er wollte es hinter sich haben - zumindest die Zwänge, die ihn quälen. Experten sagen: Viele Selbsttötungen können verhindert werden.

Etwa 10.000 Menschen nehmen sich in Deutschland jährlich das Leben. In der Oberpfalz waren es vergangenes Jahr 137 - 177 Versuche wurden bekannt. "Die Dunkelziffer ist schwer abzuschätzen", sagt Albert Brückl, Pressesprecher der Polizeidirektion Oberpfalz. Schätzungen gehen von einer vier- bis zehnfach höheren Rate aus. Bei zurückhaltender Bewertung würde das bedeuten, dass sich jeden Tag mindestens zwei Menschen zwischen Amberg und Zwiesel das Leben nehmen oder es versuchen.

"Etwas Besseres als den Tod gibt es überall", überschrieb Georg Pilhofer eine Laienpredigt. Der Amberger Sozialpädagoge weiß, wovon er spricht. Viele Jahre hat er beim Sozialpsychiatrischen Dienst Menschen an der Grenze zwischen Leben und Tod betreut. Das Zitat aus Grimms "Bremer Stadtmusikanten" ergibt Sinn.

"Das schaffe ich nicht"


Denn wie Esel, Hund, Katze und Hahn, deren Besitzer finden, sie seien wegen ihres Alters zu nichts mehr nütze, steigt die Zahl der Senioren, die keinen Sinn mehr in ihrem Dasein sehen. Nach Erhebung von Dr. Roland Brey, Leiter des Gesundheitsamtes, war über die Hälfte der Menschen, die sich die letzten zehn Jahre in der mittleren Oberpfalz suizidierten, über 60 Jahre alt. Das Hauptmotiv: Einsamkeit im Alter.


"Diese Menschen brauchen jemanden, der sie aus der Einsamkeit holt und ihnen Hoffnung gibt", sagt Pilhofer. Wie die 70-jährige Gerlinde. Schon deren Vater und Sohn hatten das Leben nicht ertragen. Sie scheint an der gleichen chronischen Depression zu leiden. "Ich würde mich freuen, wenn Sie jeden Tag nur ganz kurz anrufen könnten", ist ihre bescheidene Bitte, als er sie kennenlernt.

Als sich die erste Krise anbahnt, fragt er sie am Telefon, ob sie einkaufen gehen könne. "Nein, das geht nicht", antwortet sie, "da müsste ich mich ja waschen, die Haare kämmen und mich ankleiden. Das schaffe ich nicht." Wenigstens einmal um den Block gehen? "Nein, da müsste ich mich auch herrichten, falls mich die Nachbarn sehen." Einmal die Treppe rauf und runter? "Ja, das geht."

Raus aus dem Hamsterrad


Läppisch? Von wegen: Bisher lag sie in den depressiven Episoden, die bis zu einem halben Jahr dauern, meist nur im Bett und grübelte. Die Aktivität reißt sie aus ihrem Hamsterrad, der Kreislauf kommt in Schwung, sie fühlt sich besser. "Durch regelmäßige Gespräche schafften wir es im Laufe der Zeit, ihre Krisen schneller in den Griff zu bekommen." In Abstimmung mit dem Betreuer dosiert der Nervenarzt die Medikamente höher, bevor die Depression die Kontrolle übernimmt.

Das Leben ist kein Märchen, und nicht jeder Suizid lässt sich verhindern. Jugendfreund Sam lässt sich Monate, bevor er seinem Leben ein Ende bereitet, freiwillig in eine Klinik in Stuttgart einweisen. Der Tag seines Todes bleibt unvergessen. Eine junge Frau, mit der er sich angefreundet hat, klingelt auf der Suche nach mir im Haus meiner Eltern bei Nachbarn. Ich bin nicht da. Später muss ich seiner Mutter, die im Krankenhaus liegt, die Todesnachricht überbringen.


Das Gefühl, versagt zu haben, mitschuldig zu sein, tritt häufig auf.Elisabeth Brockmann, Agus e.V.

"Das Gefühl, versagt zu haben", erklärt Elisabeth Brockmann von der Selbsthilfeorganisation Agus e.V., "vielleicht auch das Gefühl, mitschuldig zu sein, weil man sich zu wenig gekümmert oder etwas übersehen hat, tritt häufig auf." Seit 17 Jahren betreut die Sozialpädagogin Angehörige, denen der Freitod eines Angehörigen den Boden unter den Füßen wegzieht.

Nicht allen ist zu helfen


"Kommt der geliebte Mensch bei einem Autounfall um", sagt die Bayreutherin, "können sich bald wieder schöne Erinnerungen anbahnen." So aber bleibe die Todesart ein Stachel im Gedächtnis. "Ein Mensch ist so komplex, es ist nie gut, ihn auf seine letzte Entscheidung zu reduzieren." Scham, weil man nicht helfen konnte, Schuldzuweisungen an Dritte, den Partner, die Schwiegertochter, den Chef kämen dazu. "Das bisherige Leben wird komplett in Frage gestellt." Deshalb sei der Austausch mit anderen Betroffenen so wichtig: "Bei der Hilfe für Hinterbliebene ist Deutschland relativ gut aufgestellt", sagt Brockmann. Agus sei der größte und älteste Verein dieser Art, vor 25 Jahren in Oberfranken gegründet.

Der Bezirk sollte sich stärker für niederschwellige Angebote einsetzen.Georg Pilhofer, SPZ Amberg

Auch Georg Pilhofer machte die bittere Erfahrung, dass mit größtem Einsatz nicht jeder Suizid verhindert werden kann. "Bei einer jungen Frau war die Todessehnsucht so groß, dass mich ihr Nervenarzt warnte, dass man ihr nicht über jede Krise hinweghelfen könne." Die 24-Jährige, die im Sozialpsychiatrischen Zentrum (SPZ) in Beratung war, sei vom Drehtüreffekt - rein in die Psychiatrie, wieder nach Hause - so zermürbt, dass sie die schwere, vererbte Depression nicht mehr erträgt.

AnlaufstellenTelefonseelsorge www.telefonseelsorge-nordoberpfalz.de, Telefon (0800) 111 0-111 oder -222
Sozialpsychiatrischer Dienst Amberg Telefon (09621) 37 24-0
Sozialpsychiatrischer Dienst Schwandorf Telefon (09431) 88 17-0
Sozialpsychiatrischer Dienst Tirschenreuth Telefon (09631) 79 89 5-0
Sozialpsychiatrischer Dienst Weiden Telefon (09 61) 3 89 05-0
Krisendienst Horizont, Regensburg Telefon (0941) 5 81 81
Agus e.V. für Suizidtrauernde, Bayreuth, Telefon (0921) 150 03 80 (Mo-Do 9-15 Uhr, Mittwoch 17-19 Uhr)

Hilfe bei Depression


"Etwa 60 Prozent der Suizidanten leiden an einer Depression", sagt Brockmann, "der Volkskrankheit schlechthin." Bei schweren Depressionen, ergänzt Pilhofer, begehen 15 Prozent Suizid, 25 Prozent einen Versuch und 70 Prozent hegen Suizidgedanken. Dennoch: "Wenn man rechtzeitig Hilfen anbietet, kann man in vielen Fällen helfen", sagt der Gerontotherapeut. "Viele denken, Antidepressiva machen süchtig, und gehen deshalb nicht zum Arzt." Ein fataler Fehler, findet er. Anders als Tranquilizer brauchten moderne Antidepressiva zwar zwei bis vier Wochen, bis sie wirkten. "Wenn sie aber gut eingestellt sind, kann man ziemlich beschwerdefrei damit leben."

Professionelle Hilfe sei eminent wichtig. Die Wartezeiten bei Psychologen betragen aber oft ein halbes Jahr. "Beratungsstellen haben großen Andrang", sagt Pilhofer, "deshalb wäre es gut, wenn sich der Bezirk stärker für niederschwellige Angebote einsetzen würde." Ambulante Versorgung sei zwei- bis dreimal günstiger als ein stationärer Aufenthalt. "Die Niederländer und Skandinavier investieren sehr viel in diesen vorstationären Bereich." Mit der positiven Erfahrung: "Nach der Krise wollen die allermeisten wieder leben."

Ursachen und AuslöserNeben psychischen Erkrankungen begünstigen vor allem folgende Faktoren Suizidgedanken: Einsamkeit, soziale Isolation, Angst vor Alter, Krankheit, chronischen Schmerzen, Demenz oder Unselbstständigkeit. "Schlagersänger Rex Gildo stürzte sich aus Angst, alt zu werden, aus dem Fenster." Auch Menschen mit Suchterkrankung versuchen dem Teufelskreislauf aus Entzug und Rückfall auf diesem Weg zu entkommen. Soziale Randgruppen, auch entwurzelte Einwanderer, oft noch durch Krieg, Flucht und Verfolgung traumatisiert, sind häufiger gefährdet. Aktuelle Krisen wie Verlusterlebnisse, Konflikte mit dem Partner oder den Eltern können Auslöser sein. Eine Zahl, die Mut macht: "Nach ihrer Rettung haben 90 Prozent keinen weiteren Versuch mehr durchgeführt", sagt Sozialpädagoge Georg Pilhofer. "Deshalb ist es so wichtig, dass das Umfeld aufmerksam ist und Erste Hilfe leistet - zuhören, Ernst nehmen und bei der Suche nach professioneller Hilfe unterstützen." (jrh)

Expertentipp: Suizidgefährdete direkt ansprechen


Wer den Eindruck hat, ein Freund oder Verwandter ist lebensmüde, sollte ihn direkt darauf ansprechen. Irgendwann in dem Gespräch sollte man fragen, ob jemand lieber tot wäre, sagt Prof. Barbara Schneider, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS). Ist die Antwort ein "Ja", sei es wichtig, mit den Betroffenen möglichst rasch professionelle Hilfe zu suchen. Psychiatrische Kliniken sind für solche Fälle rund um die Uhr offen.

Freitod oder gar Selbstmord


Angemerkt von Jürgen Herda

Im Alltag verwenden wir unbedacht Begriffe: Selbstmord, Freitod, Selbsttötung. Psychologen haben sich auf die wertneutrale Bezeichnung Suizid verständigt. Wortklauberei? Wirklich? Selbstmord ist harter Tobak. Denken wir an die Hinterbliebenen, die genug darunter leiden, dass sich ihr Angehöriger das Leben genommen hat. Ein soziales Stigma muss wirklich nicht sein. Das Strafgesetzbuch knüpft den Mordtatbestand an ein Handeln "aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen". All das kann mit Sicherheit ausgeschlossen werden.

Bleibt die religiöse Verurteilung der Selbsttötung, weil der Mensch sein Leben Gott verdanke. Hat nicht jeder Märtyrer sein Leben auf so provokante Weise aufs Spiel gesetzt, dass es dem Freitod nahekommt? Zum Glück hat in der Kirche ein Umdenken stattgefunden, das Barmherzigkeit und nicht Sühne in den Mittelpunkt stellt. Unvorstellbar, den trauernden Nächsten einen Gedenkort auf geweihter Erde zu verweigern.

Die Ablehnung des Denkkonstrukts Freitod fußt auf religiösen und psychologischen Gründen: Im philosophischen Diskurs gilt Sokrates, der souverän den Schierlingsbecher leert, als Rollenmodell für den Freitod. Nietzsche hat diesen im Kapitel "Vom freien Tode" in "Also sprach Zarathustra" heroisiert. In der Realität aber schätzen Experten, dass die weitaus häufigste Ursache für den Suizid eine schwere psychische Erkrankung ist - ein Zustand also, in dem der verzweifelte Mensch weit vom Zustand freier Willensentscheidung entfernt ist. Die Moral? Eine bewusste Auseinandersetzung mit Begriffen ist ein erster Schritt zum besseren Verständnis. Und die ist Voraussetzung für das Erkennen kritischer Momente im Leben eines schwer depressiven Menschen. Vorwürfe sind nicht nur völlig deplatziert. Sie haben im schlimmsten Fall tödliche Konsequenzen.
3 Kommentare
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Klaus Panzer aus Regensburg | 17.11.2016 | 12:15  
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Oliver Endres aus Amberg in der Oberpfalz | 17.11.2016 | 14:29  
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Roland Brey, Dr. aus Amberg in der Oberpfalz | 17.11.2016 | 15:29  
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