Superpromi stirbt an einem Baum bei Hahnbach
Der Tod der Schauspielerin Maria von Radowitz 1909

Freie Schriftstellerin Carola Kupfer macht so etwas nicht zum ersten Mal: Dass Schulklassen oder Kursteilnehmer im Rahmen eines fächerübergreifenden Projekts ein ganzes Buch schreiben, bleibt trotzdem etwas Besonderes. Der fertige Roman der Wirtschaftsschüler wird am September im Handel sein - vorausgesetzt, er ist gut genug. Bilder: Steinbacher (5)
 
Bevor die Wirtschaftsschüler das Buch schreiben, geben sie eine Pressekonferenz (von links): Bianca Neudecker, Selina Hofmann, Laura Binner und Raphaela Götz.

Ist es schwierig, ein Buch zu schreiben? Was für eine blöde Frage, das ist doch ein Klacks. Mit der nur Jugendlichen zueigenen Leichtigkeit stellten vier Schülerinnen der Wirtschaftsschule ihr neuestes Projekt vor: Die Klasse verfasst einen Roman, der bis Juli fertig werden soll. Dann geht's damit ab an einen Verlag. Wenn alles gut läuft, ist das Werk ab September im Handel.

Ganz wichtig: Das Buch bekommt eine eigene ISBN-Nummer. Und noch etwas ist wesentlich: Schon jetzt läuft die Werbemaschinerie an. Soll heißen: Pressekonferenzen, Sponsorensuche, Marketingaktionen. Nebenbei entsteht die ungeheuer interessante Geschichte mit Bestseller-Potenzial und Lokalbezug über den vielleicht sogar ersten tödlichen Auto-Unfall im Landkreis Amberg-Sulzbach im Jahr 1909.

Gestorben ist dabei eine Schauspielerin auf der Durchreise von Marienbad nach Paris. Zusammen mit ihrem Mann Klemens von Radowitz, einem Diener und dem Chauffeur war die Dame, Maria von Radowitz, geborene Rita Leon, auf der Goldenen Straße unterwegs. Ihr nächster Stopp hätte Frankfurt sein sollen, doch an einem Baum bei Hahnbach endete die Reise auf tragische Weise. Das Auto fuhr gegen einen Baum. Maria von Radowitz starb.

Raum für Fantasie


Welches Auto die Reisenden fuhren, wie schnell sie unterwegs waren, worüber sie auf der Fahrt gesprochen haben und was noch viel früher in Rita Leons Leben passiert war, darüber schreiben die Neuntklässler der Wirtschaftsschule. Der Plot steht also schon. Dort, wo die Fakten dünn werden, bleibt Raum für die Fantasie. Angeleitet werden die Jungs und Mädels von Carola Kupfer aus Regensburg. Sie ist freie Schriftstellerin und hat bereits einige ähnliche Schulprojekte bis abgeschlossen. "Diese Klasse denkt sehr anspruchsvoll", verteilt die Autorin Vorschusslorbeeren. Die Expertin erkannte das Potenzial der Nachwuchsautoren bereits aus den Vorgesprächen. Ein großes Stück Arbeit wurde bereits in den vergangenen 24 Stunden geleistet. "Gestern hing an dieser Wand noch gar nichts, heute ist dort der fertige Plot", sagt Klassenleiter Peter Geiger stolz.

Auf mehreren Erzählebenen bleibt Raum für Interpretationen. Rita Leon war eine Skandalnudel und viel zu dick. Außerdem vertrieb sie sich gern mit Berühmtheiten die Zeit. "Auf einer Gästeliste für einen großen Ball in Wien stand ihr Name neben Superpromis wie Arthur Schnitzler oder Mark Twain", sagt Geiger. Die 30-köpfige Autorengruppe orientiert sich beim Schreiben an dem in zehn Kapitel strukturierten und in sechsfarbigen Kärtchen unterteilten Plot. Jedes Dreierteam erhält eine Sequenz anvertraut, dessen Inhalt schon grob feststeht.

Wie sich der rote Faden letztendlich mit den unterschiedlichen Schreibstilen verknüpfen lässt, dafür fühlt sich auch Carola Kupfer verantwortlich. "Und am Ende liest ein externer Lektor das Werk", verkündet Geiger. Das wiederum wird die Schüler weniger kümmern, denn immerhin gibt es auf das gesamte Projekt auch eine Schulnote.

Ich habe das Projekt der 9c von Anfang an zugetraut.Klassenleiter Peter Geiger


Zitate"Wir haben gestern angefangen darüber zu reden, wie ein Buch entsteht. Dann haben wir den Plot erstellt, in Kapitel eingeteilt und pro Kapitel eine Schreibgruppe gewählt."
Bianca Neudecker (16), Amberg

"Wir wissen ungefähr, wo dieser Unfall in Hahnbach war. Das muss auf der Strecke nach Luppersricht gewesen sein. Wir wollen uns den Ort auf jeden Fall noch genauer anschauen."
Selina Hofmann (14), Hahnbach

"Lücken in den Quellen basteln wir uns selber zusammen.
Laura Binner (14), Amberg

"Während die einzelnen Gruppen ihre Texte schreiben, beginnen wir schon mit den Marketing-Maßnahmen wie Sponsorensuche."
Raphaela Götz (15), Wolfring

"Automobilunfall in der Oberpfalz"


Die Zeitung nimmt den "Tod der Frau Marie von Radowitz" in der Unterzeile zum Aufhänger. Veröffentlicht wurde die Meldung am 30. August 1909 in der in Wien erschienenen Neuen Freien Presse. Im folgenden im Wortlaut:

"München, 29. August. Bei Hahnebach, einem Marktflecken in der Oberpfalz, rannte ein Automobil gestern gegen einen Baum und fiel um. Das Automobil wurde zertrümmert. Die Insassen des Automobils waren Klemens v. Radowitz, ein Bruder des deutschen Botschafters v. Radowitz, seine Gemahlin Maria und ein Diener sowie der Chauffeur. Herr v. Radowitz und seine Gattin kamen von Marienbad und wollten nach Frankfurt. Frau v. Radowitz war sofort tot, der Chauffeur wurde schwer verletzt, Herr v. Radowitz und der Diener sind unverletzt. Die Leiche der Frau v. Radowitz wird nach Coburg gebracht werden."

Foto im Internet ersteigert


Die Überschrift "Tödlicher Automobilunfall in der Oberpfalz" ließ Peter Geiger innehalten. Zufällig stieß er bei anderweitigen Recherchen im Online-Katalog der Österreichischen Nationalbibliothek auf diese Geschichte mit Bezug zu seiner Heimat. Er sammelte weiter Fakten über diesen Unfall, bei dem Maria von Radowitz tödlich verunglückte. Es stellte sich heraus, dass sich dahinter die Schauspielerin Rita Maria Leon verbarg, die zu ihrer Zeit an Theatern in Breslau, Berlin und Wien aufgetreten ist.

Auch wenn man bei Google nichts zu dem Vorfall findet und auch die Namen ohne Ergebnisse bleiben, hat der Lehrer trotzdem rund 100 Quellen als Faktenbasis für die Arbeit seiner Klasse zusammengetragen: aus alten Zeitungen, digitalen Datenbanken oder aus dem Amberger Stadtarchiv. "Die Quellen sind bereits so umgearbeitet, dass die Schüler damit arbeiten können." Außerdem ersteigerte Peter Geiger im Internet eine Postkarte mit einem Bild von Rita Leon vorne drauf. Die Investition von sieben Euro hat sich mehr als gelohnt. Die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt eine dralle hübsche Dame. Dieser Frau geben die Neuntklässler jetzt ein Stück Leben zurück.
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