Technik für ein besseres Leben

Die Ostbayerische Technische Hochschule Amberg-Weiden hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem für die Region wichtigen Standort für angewandte Forschung entwickelt. Ein Beispiel unter vielen ist das Forschungsprojekt "GlycoRec", bei dem es darum geht, Diabetespatienten das Leben zu erleichtern.

"Diabetes erfordert von den Erkrankten permanent Entscheidungen", erklärt Professor Dominikus Heckmann, der in Amberg das Lehrgebiet "Mensch-Computer-Interaktion" unterrichtet. "Wann soll ich wie viel Insulin spritzen? Habe ich meine Broteinheiten schon erreicht? Darf ich jetzt diesen Burger essen? Solche Entscheidungen sind gerade für Menschen, die die Diagnose erst vor Kurzem erhalten haben, oder für ältere Menschen oft schwierig zu treffen."

"GlycoRec" will hier Abhilfe schaffen. Die Projektbezeichung ist dem Englischen entlehnt und steht für "Glucose Recommendation", wörtlich übersetzt also "Glykose-Empfehlung". "Wir wollen den Betroffenen damit etwas an die Hand geben, das ihren Alltag erleichtert. Bisher ist es so, dass Diabetespatienten meist handschriftlich aufzeichnen, wie viele Broteinheiten sie essen, und wann sie Insulin spritzen."

Mit "GycoRec" sollen diese Daten in ein Programm einfließen. Das kann über eine App am Handy geschehen, über den PC oder "auch über einen Fernseher. Gerade ältere Menschen bevorzugen oft Letzteres". Daten können prinzipiell manuell eingegeben werden. Wo es möglich ist, zieht das System aber eine Datenerfassung über Sensoren vor, so dass die Datenerfassung für den Betroffenen keine Belastung oder Belästigung darstellt. "Solche Sensoren können etwa Fitness-Tracker sein, wie man sie vom Sport her kennt. Oder auch eine intelligente Waage, die mit der Software kommuniziert." Mit dem Wiegen erhält "GlycoRec" automatisch per Datenübertragung das Gewicht für die "Patientenakte". "Google arbeitet zum Beispiel an einer Kontaktlinse, die über die Tränenflüssigkeit den Blutzucker messen soll", erklärt der Professor. Bei "GlycoRec" kommt man momentan allerdings an dem altbekannten Piks für die Blutzuckermessung nicht vorbei. Das Ergebnis kann dann aber ebenfalls per Telefon- beziehungsweise Internetverbindung an die Patientenakte weitergegeben werden. Auch andere Ansätze der Datenerfassung können wichtig werden: "Denkbar wäre ein Smartphone neben dem Bett, das Schüttelbewegungen registrieren und so feststellen könnte, ob der Patient unruhig geschlafen hat."

Wertvolle Daten

Das können alles wertvolle Daten sein. Für den Patienten und für den Arzt, der ihn behandelt. Eventuell auch für Angehörige, die im Falles eines Falles die Meldung erhalten: "Dem Opa geht's schlecht!" Vorteil für den Arzt ist ein besseres Monitoring, da die Daten, je nach eingesetzter Sensorik quasi in Echtzeit und zum Teil sogar laufend erfasst werden. Damit wird das Datenmaterial aussagekräftiger und frei von Verzerrungen und falschen Rückschlüssen, wie sie sich zum Beispiel beim Blutdruckmessen beim Arztbesuch ergeben können ("Weißkittel-Effekt").

Vereinfacht ausgedrückt gibt es bei "GlycoRec" also drei Komponenten:

1. Sensoren (zum Beispiel einen Fitness-Tracker), die Daten über den Patienten ermitteln.

2. Eine App, die über das Smartphone, einen PC oder Fernseher, unter anderem das Ein- und Auslesen von Daten ermöglicht.

3. Einen Server oder Rechnerplatz in der "Cloud", der die Daten speichert und analysiert.

Das Projekt an der OTH Amberg-Weiden wird mit über 300 000 Euro aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung gefördert. Die Hochschule in Amberg arbeitet dabei mit der Deutschen Diabetes-Forschungsgesellschaft sowie der Leibniz-Universität in Hannover zusammen. Weitere Verbundpartner sind die Gesellschaft für praxisbezogene Forschung und wissenschaftliche Lehre (Göttingen) sowie die Emperra GmbH E-Health Technologies (Potsdam). Dem F & E-Anwenderzentrum IKT (Forschung und Entwicklung in der Informations- und Kommunikationstechnik), an dem das Forschungsprojekt an der OTH angesiedelt ist, fällt dabei insbesondere die Rolle zu, zu sondieren, welche Sensorik-Instrumente sinnvoll sein können: "Wir prüfen zum Beispiel auch, bei welchen Produkten die Datenhoheit beim Patienten verbleibt, denn viele Hersteller von Sensorik-Instrumenten haben ein wirtschaftliches Interesse an dem Datenmaterial." Das ist aber nicht unbedingt im Patientensinne. Ist die Datenhoheit des Patienten in Gefahr, kommt das Gerät für "GlycoRec" nicht in Frage.

Ethische Fragen

In diesem Zusammenhang stellen sich auch ethische Fragen, etwa: "Welche Daten, deren Analyse und Beantwortung das Forschungsprojekt vorschreibt, dürfen an den Arzt übermittelt werden?" Oder: "Welche Empfehlungen darf, soll oder muss das System an den Patienten weitergeben?" Daher ist für Professor Heckmann auch die Zusammenarbeit mit dem ebenfalls an der OTH angesiedelten Institut für Nachhaltigkeit in Technik und Wirtschaft wichtig. Dessen Leiter, Professor Dr. Bernhard Bleyer, hatte die Projektförderung durch den Bund mit beantragt.

Am Ende der "GlycoRec"-Entwicklung könnte eine App stehen, die dem Patienten nicht nur Empfehlungen, zum Beispiel für sein Essverhalten gibt, sondern auch konkrete Tipps im Alltag, wie etwa: Eine Straße weiter gibt es ein Restaurant, das auf der Speisekarte Broteinheiten ausweist.
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