Telefonsprechstunde zum Thema "Depression und Beruf"
Ausbrechen aus der Spirale

(Foto: dpa)
 
Telefonsprechstunde in der AZ mit Katharina Mainka, Martin Golinski und Martin Schmid (links). (Foto: Steinbacher)

Der tägliche Druck sucht sich ein Ventil: Der eine kann nicht mehr schlafen, der andere klagt über ein Stechen in der Brust. Die Lebensfreude schwindet, die Zukunft verdunkelt sich. Zeit, sich Rat bei Experten zu holen.

Amberg/Weiden. Auch wenn der materiell gemessene Lebensstandard immer mehr steigt: Die Welt- gesundheitsorganisation geht davon aus, dass Depressionen oder affektive Störungen bis zum Jahr 2020 weltweit die zweithäufigste Volkskrankheit sein werden. Kinder, Frauen, Männer, Senioren - alle können davon betroffen sein. Besonders schwer trifft es Menschen, deren Krankheitsbild mit ihrer beruflichen Tätigkeit verwoben ist. Dann begleiten in der Regel Existenzängste die Tortur und verschlimmern sie noch.

Oberpfalz Medien hatte für Mittwochabend in Amberg eine Telefonsprechstunde zum Thema "Depression im Berufsleben" organisiert. Die Resonanz war wie erwartet groß. Katharina Mainka, Martin Schmid und Martin Golinski, Experten des Sozialpsychiatrischen Zentrums (SPZ) und des Integrationsfachdienstes Oberpfalz (IFD), standen Anrufern zwei Stunden lang Rede und Antwort.

Riesige Leidensgeschichte


Die Anliegen glichen vielen Kapiteln einer riesigen Leidensgeschichte. Einige exemplarische Fälle aus der Beratungsaktion: Ein berufstätiger Mann leidet an einer mittelgradigen Depression, alles wird ihm zu viel. Er muss Ängste ausstehen, sich jeden Tag von Neuem aufraffen, den Druck auszuhalten. Kürzlich ist er erst aus einer Reha-Klinik entlassen worden. Er wollte wissen, wie er möglichst schnell einen Therapieplatz finden und die Zeit bis dahin überbrücken kann. "Ich habe ihm empfohlen, das Beratungsangebot des Sozialpsychiatrischen Dienstes zu nutzen", berichtet Katharina Mainka. "Da gibt es Fachleute, die weiterhelfen, die auch die Modalitäten der Therapie-Anmeldung mit dem Betroffenen erörtern. Martin Schmid hatte einen anderen Anrufer am Apparat, der vor zwei Jahren die Diagnose Burn-out erhalten hat. Nach einem psychosomatischen Reha-Aufenthalt arbeitet der Mann jetzt wieder in Vollzeit, merkt aber, dass er spätestens nach sechs Stunden an seine Leistungsgrenze kommt. Bei seinem Arbeitgeber würde er gerne bleiben.

Immer beraten lassen


"Da gibt es mehrere Ansätze", sagt Schmid. "Eine vorerst befristete Stundenreduzierung könnte eine Alternative sein. Oder eine Stundenreduzierung in Kombination mit einem Antrag auf Teilerwerbsminderungsrente." Mit dem Anrufer hat Schmid nun einen persönlichen Gesprächstermin vereinbart, "vermutlich mit späterer Kontaktaufnahme zum Arbeitgeber durch den Integrationsfachdienst". Schmid betont: "Eine Kontaktaufnahme zum Arbeitgeber erfolgt natürlich nur, wenn der Arbeitnehmer dies möchte und sich für diese Möglichkeit entscheidet."

Ähnliche Probleme schilderte eine Frau. Sowohl Hausarzt als auch Facharzt haben der Patientin geraten, das Beschäftigungsverhältnis zu beenden. Die Frau befürchtet aber Konsequenzen hinsichtlich des Arbeitslosengeldes. Auch ihr kann geholfen werden: Zum Beispiel, indem ihr der Integrationsfachdienst beisteht, einen Aufhebungsvertrag in gegenseitigem Einvernehmen aus gesundheitlichen Gründen auszuhandeln. "Diese und mögliche andere Alternativen sollten jedoch bei einem persönlichen Gespräch ausführlicher erläutert werden." (Hilfsangebote)

___



Weitere Informationen im Internet:

www.onetz.de/themen/depressionen

Projekt "Bitte stör mich!"Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml startete im Oktober eine Kampagne gegen Depressionen bei Erwachsenen. "Psychische Erkrankungen haben in den vergangenen Tagen traurige Aktualität erhalten. Klar ist: Eine Depression kann jeden treffen. Wir brauchen einen offeneren Umgang mit psychischen Leiden in der Gesellschaft. Dann haben Betroffene mehr Mut, frühzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen", erklärte die Ministerin.

Bei der Kampagne handelt es sich um den zweiten Teil des diesjährigen Jahresschwerpunktthemas des bayerischen Gesundheitsministeriums. Die Ministerin unterstrich: "Unter dem Titel 'Bitte stör mich! - Aktiv gegen Depression' werben wir für mehr Aufmerksamkeit und mehr Achtsamkeit. Ich will, dass das Thema sichtbar wird. Ich möchte möglichst viele Berührungspunkte mit diesem Thema schaffen, damit sich möglichst viele Menschen damit auseinandersetzen." Psychische Erkrankungen müssten aus der Tabuzone geholt werden. "Betroffene müssen sich in der Gesellschaft angenommen und integriert fühlen, nicht ausgeschlossen und verstoßen."

Ihr Ziel sei es, "die Destigmatisierung von psychischen Erkrankungen durch gezielte und sachgerechte Information" zu erreichen. Es dürfe nicht passieren, dass Betroffene aus Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung keine professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Huml: "Klar ist: Eine Depression ist behandelbar - je früher, desto besser." (upl)


Eine Kontaktaufnahme zum Arbeitgeber erfolgt natürlich nur, wenn der Arbeitnehmer dies möchte und sich für diese Möglichkeit entscheidet.Martin Schmid, Integrationsfachdienst Oberpfalz


Die Zunahme der psychischen Erkrankungen im Berufsleben zeigt sich auch in den Klientenzahlen des Sozialpsychiatrischen Zentrums (SPZ) in Amberg und des Integrationsfachdienstes (IFD) Oberpfalz. "Bei über der Hälfte der Hilfesuchenden ist dies die Kernproblematik", heißt es in einer Presseerklärung des SPZ. "Dabei fällt auf, dass Frauen häufiger und früher als Männer die Unterstützung von ambulanten Hilfsangeboten in Anspruch nehmen." Betroffene berichteten, aus Angst vor negativen Konsequenzen oder sogar Arbeitsplatzverlust den offenen Dialog zu meiden. "Sie gehen trotz Erkrankung weiter ihrer Beschäftigung nach." Dadurch steige die Belastung nur noch. Überforderung mache sich breit, Fehler häuften sich.

Das Sozialpsychiatrische Zentrum Amberg mit seinen verschiedenen Abteilungen bietet Betroffenen und deren Angehörigen professionelle Hilfe. Unterstützung in Beratung, Begleitung und verschiedenen Projekten erhalten die Klienten durch ein Team aus Diplom-Sozialpädagogen, Diplom-Psychologen und Hauswirtschafterinnen. Wer die Hilfe der Einrichtung in Anspruch nehmen will, kann sich auf deren Internetseiten umfassend informieren. Sie sind zu finden unter www.diakonie-suro.de (E-Mail: sekretariat-spz@diakoniesuro.de). Das SPZ befindet sich in der Paulanergasse 18 in Amberg und ist telefonisch unter 09621/37240 zu erreichen. Öffnungszeiten sind montags bis donnerstags von 8.30 bis 12 Uhr und von 13.30 bis 16 Uhr. An Freitagen hat das SPZ nur von 8.30 bis 12 Uhr geöffnet.


Menschen mit Handicap den Weg in das Arbeitsleben zu ebnen, ist die Kernaufgabe des Integrationsfachdienstes (IFD). Zu diesen Handicaps zählen auch psychische Erkrankungen. Bayernweit gibt es etwa 40 Stützpunkte: In Amberg befindet sich das Büro in der Salzgasse 1, in Weiden in der Bahnhofstraße 19 und in Schwandorf in der Ettmannsdorfer Straße 14a. Alle Infos zu Erreichbarkeiten und Hilfsangeboten finden sich im Internet unter der Adresse www.integrationsfachdienst.de

In Zusammenarbeit mit einer Vielzahl von Partnerorganisationen beraten wir Menschen mit Handicap in allen Fragen zur Eingliederung in das Arbeitsleben", beschreibt der IFD seine Arbeit. Im Einzelnen gehöre hierzu unter anderem die Klärung von leistungs- und förderrechtlichen Fragen, die Erledigung sämtlicher anfallender Formalitäten sowie die Unterstützung bei der Suche nach beruflichen Alternativen. Auch Hilfe bei der individuellen Bewerbung und Kontaktaufnahme zu potenziellen Arbeitgebern bietet der IFD an. Außerdem Perspektiven bei der Lösung sozialer und persönlicher Probleme, die die Arbeitsaufnahme erschweren könnten. (upl)
1 Kommentar
50
Markus Ritter aus Amberg in der Oberpfalz | 14.11.2016 | 20:25  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.