Therapeutisches Klettern mit jungen Flüchtlingen
Einzelkämpfer lernen Teamwork

Ergotherapeut Johannes Zinnbauer legt die Kletterausrüstung auf den Boden, mit der die Jugendlichen die Aufgabe bewältigen sollen. Bild: pwom
 
"Ihr müsst das selbst schaffen. Aber ich pass' schon auf euch auf." Zitat: Johannes Zinnbauer
 
Gruppenleiterin Marta Igras.

Ihre Aufgaben und Ziele hatten bisher wenig mit Freizeit oder Spaß zu tun. Nun müssen sie eine Herausforderung der etwas anderen Art bewältigen. Vor ihnen liegt ein tiefer Graben, darüber ist ein Seil gespannt. Teamwork ist gefragt. Die Jugendlichen aus der heilpädagogischen Wohngruppe "A Capella" für unbegleitete Flüchtlinge treffen sich zum Klettern in einem Waldstück bei Luitpoldhöhe.

Es ist das dritte Mal, dass diese Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren einen Kletterausflug machen. Mit dabei sind die Praktikanten Lina Kraml und Felix Mantel sowie Gruppenleiterin Marta Igras. Sie organisiert den Alltag der Jugendlichen. "Ziel des sogenannten therapeutischen Kletterns ist vorrangig das Teamwork", erklärt Johannes Zinnbauer. Der Ergotherapeut leitet die Klettereinheiten: "Wir wollen vor allem den Zusammenhalt fördern."

Von ihrer Wohngemeinschaft in der Unteren Nabburger Straße geht's los in Richtung Luitpoldhütte. Nach einem Fußmarsch durch ein Waldstück stehen die sechs Jugendlichen vor einem großen Graben. Zwischen zwei Bäumen ist bereits ein rotes Seil gespannt. "Ich habe da schon ein wenig vorbereitet", sagt Zinnbauer. Nachdem der Ergotherapeut die Jungs in einen Kreis um sich gerufen hat, fängt er an, verschiedene Gegenstände auf dem Boden auszubreiten und diese zu erklären. Darunter befinden sich ein langes Seil, eine Schlaufe und eine Kletterausrüstung mit Karabiner.

Sich gegenseitig helfen


"Ihr versucht jetzt, damit zur anderen Seite zu kommen. Ihr habt eine Stunde Zeit, die Aufgabe zu schaffen." Sofort meldet sich einer der Jugendlichen zu Wort: "Probieren Sie es mal bitte als Erster." Die Jungs grinsen. "Ihr müsst das selbst schaffen, aber ich pass' schon auf euch auf", antwortet Zinnbauer mit einem Augenzwinkern. Sofort laufen die Jugendlichen zu den Sachen und experimentieren. Nach kurzer Zeit steckt der erste Junge bereits in den Schlaufen der Kletterausrüstung und klinkt sich in das gespannte rote Seil zwischen den Bäumen. An ihm haben die anderen Jugendlichen das auf dem Boden liegende lange Seil befestigt, damit sie ihn im Notfall zurückziehen können, oder - wenn alles funktioniert, wie geplant - nur die Schlaufen der Kletterausrüstung.

In einem kurzen Kraftakt zieht sich der junge Mann unter den wachsamen Auge des Ergotherapeuten erfolgreich über den Graben. Sofort holen die Begleiter die Ausrüstung wieder auf ihre Seite und der nächste Kletterer macht sich bereit. Omid Akbari hat jetzt Zeit, ein paar Fragen zu beantworten: "Mir gefällt es hier sehr", erzählt er über seinen Aufenthalt in der Gruppe "A Capella", während sich die anderen Jugendlichen nach und nach über den Graben hangeln. Der 17-Jährige hat bereits ein Praktikum bei Wöhrl in Amberg gemacht und will zu Beginn des nächsten Schuljahres auf die Fachoberschule in Schwandorf gehen. Obwohl der Afghane erst seit neun Monaten in Deutschland ist, beherrscht er die Sprache schon sehr gut: "Ich will später Elektriker werden. Oder Zahntechniker. Aber kein Verkäufer. Ich bin einfach kein Verkäufer." Sagt's und grinst.

Omid ist im vergangenen Jahr alleine nach Deutschland geflohen. Ursprünglich kommt er aus Kandahar in Afghanistan. Bei seiner Flucht aus der Heimat durchquerte er acht Länder. "Viele unserer Jugendlichen sind ohne Familie zu uns gekommen. Sie sind es gewohnt, Einzelkämpfer zu sein. Gerade bei solchen oft tragischen Geschichten ist es wichtig, ihnen wieder ein Gemeinschaftsgefühl zu vermitteln und ihnen zu zeigen, wie wichtig Zusammenhalt ist", erklärt Johannes Zinnbauer.

Berufliche Pläne


Nachdem sich alle Jugendlichen auf die andere Seite gezogen haben, bespricht der Ergotherapeut die Vorgehensweise. "Ihr wart schon echt gut. Probiert es jetzt aber mal in einer halben Stunde. Wenn jeder dem anderen hilft, könnt ihr noch besser sein." Einer kennt sich mit der Ausrüstung etwas besser aus. Sarbas Barakatseno war bisher bei allen drei Klettereinheiten der Gruppe dabei. Der 17-Jährige kommt aus Shekan im Nordirak und ist im November mit seinem Cousin nach Deutschland geflohen. "Ich finde Elektrotechnik toll", antwortet Sarbas auf die Frage, was er später einmal arbeiten will. Er weiß sogar schon wo: "Siemens!" Wie Omid will auch er im nächsten Jahr zur Schule gehen: "Ich glaube, ich komme dann in die 9. Klasse."

Ihr müsst das selbst schaffen. Aber ich pass' schon auf euch auf.Johannes Zinnbauer


Was ist "A Capella?"Die heilpädagogische Jugendwohngruppe "A Capella" beherbergt minderjährige unbegleitete Flüchtlinge ab dem 14. Lebensjahr, die vom zuständigen Jugendamt in Obhut genommen werden. Die Jugendhilfe bringt sie dann in einer heilpädagogischen Maßnahme unter, zum Beispiel in "A Capella". Die Wohngruppe ist rund um die Uhr teilweise mit mehreren Mitarbeitern besetzt. Ziel der Gemeinschaft ist es, den Jugendlichen einen sicheren Lebensort anzubieten, die persönliche Entwicklung zu fördern und sie zudem bei der schulischen und beruflichen Ausbildung zu unterstützen.

Momentan sind 14 Jugendliche in der Gruppe von Diplom-Pädagogin Marta Igras untergebracht. Sie hat die Leitung und organisiert den Alltag der Jugendlichen - von Kleinigkeiten, wie etwa der Einrichtung ihrer Zimmer, bis hin zu verschiedenen Praktika. Auch Ausflüge stehen auf dem Tagesprogramm, wie zum Beispiel das therapeutische Klettern. Zuletzt stand ein viertägiger Ausflug nach Berlin auf dem Plan. Außerdem wollen die Flüchtlinge bald gemeinsam zelten. (pjon)


Integration als AufgabeDie Jugendlichen, die beim therapeutischen Klettern dabei waren, sind bereits die zweite Generation, die in der Wohngruppe "A Capella" betreut wird. Seit 2013 existiert die Gemeinschaft in der Unteren Nabburger Straße unter dem Dach der Dr. Loew Soziale Dienstleistungen.

Zusatzangebote werden allerdings von der Dr.-Andrea-Winkler-Wilfurth-Stiftung finanziert, deren Aufgabe die psychosoziale Betreuung schwerkranker Kinder und Jugendlicher ist. Seit 2013 unterstützt die Stiftung die Arbeit in Amberg, zum Beispiel mit dem Projekt "Fit für die Ausbildung", einem Ausflug nach München in die Arena oder einem interkulturellen Fußballturnier. "Ohne diese Hilfe könnten wir viele Angebote nicht leisten", sagt Petra Ellert, die als Diplom-Pädagogin vom Fachdienst in der Wohngruppe tätig ist und darüber hinaus als Dozentin im Fachbereich angewandte Sozialwissenschaften an der OTH Regensburg arbeitet. Alle minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge kommen in Deutschland in eine Jugendhilfeeinrichtung. Wenn sie es schaffen, einen Ausbildungsplatz zu ergattern, dürfen sie zunächst bleiben, auch wenn ihr Asylverfahren abgelehnt wird.

"Grundsätzlich sind wir in Amberg auf viel Offenheit gestoßen", berichtet Ellert. Es sei leicht gewesen, Unternehmen zu finden, die jugendliche Flüchtlinge aufnehmen. "Man darf auch den Aufwand für die Firmen nicht unterschätzen." Auch das Leben in der Altstadt sei in den drei Jahren seit Beginn der Wohngruppe nicht immer einfach gewesen. "Natürlich haben die Nachbarn anfangs skeptisch reagiert oder sich bedroht gefühlt", sagt die Diplom-Pädagogin. Hier sei das klärende Gespräch enorm wichtig gewesen. "Integration funktioniert immer dann am besten, wenn wenige Menschen in einem Viertel sind, so dass sich keine Parallel-Gesellschaften entwickeln können."

Jugendliche aus der ersten Generation der Wohngruppe "A Capella" stehen derzeit kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung. Besonders stolz ist Gruppenleiterin Marta Igras auf zwei von ihnen. Das Interview mit den Lehrlingen über die Integration im Berufsalltag erscheint im September. (roa)
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