Urteil im Prozess um Brandanschlag auf Asylbewerber-Wohnheim in Hirschau
Milde für den Brandsatz-Werfer

Der zu viereinhalb Jahren Haft verurteilte 25-Jährige zusammen mit seinem Anwalt Karl Holzapfel (Amberg). Bild: Steinbacher

Die Urteilsbegründung dauerte 45 Minuten. Sie versuchte zu verdeutlichen, warum sich das Schwurgericht nicht zu einer Verurteilung wegen neunfachen Mordversuchs durchringen konnte. So kam der Brandsatz-Werfer von Hirschau mit viereinhalb Jahren Haft davon.

/Hirschau. Vier Jahre und sechs Monate. Nicht allein nur, weil der 25-Jährige am 7. Februar um 1.33 Uhr eine von ihm mit Schnaps gefüllte und dann per Lunte angezündete Bierflasche in das Ausländerheim an der Grundstraße warf. Etliche Monate zuvor war er mit einer seinerzeit nahezu leeren Glasflasche gegen eine Radfahrergruppe vorgegangen, die an seiner Wohnung vorbeifuhr. Die geworfene Flasche traf einen jungen Mann und verletzte ihn am Sprunggelenk. Dafür bekommt er nun 1000 Euro Schmerzensgeld.

Das über drei Tage laufende Verfahren beim Landgericht offenbarte klaffende Meinungsunterschiede. Staatsanwalt Tobias Kinzler hatte, vornehmlich wegen neunfachen Mordversuchs, sechs Jahre und zwei Monate Haft gefordert. Die Verteidiger Kurt Anka (Erlangen) und Karl Holzapfel (Amberg) waren eher für eine Bewährungsstrafe. Das Schwurgericht unter Vorsitz von Roswitha Stöber gelangte zu einer ganz eigenen Auffassung: Wegen versuchter schwerer Brandstiftung und versuchter gefährlicher Körperverletzung im Fall des geworfenen Brandsatzes und wegen gefährlicher Körperverletzung im Hinblick auf den verletzten Radfahrer wurden viereinhalb Jahre Gefängnis verhängt.

Das Wort Gefängnis ist wohl eher ein drohendes Damoklesschwert. Denn wegen seiner nach Ansicht der Richter vorliegenden Trunksucht wurde dem 25-jährigen Familienvater eine Alkoholtherapie gewährt. Sie dauert 18 Monate. Wenn sie mit Erfolg absolviert wird, könnte es durchaus sein, dass der junge Mann mit einer Bewährung für seine Reststrafe rechnen kann. Auch das klang an. Soweit der Strafausspruch. Für das Schwurgericht stand fest, "dass er sich über Ausländer geärgert hat". Die Richter hielten es ferner für erwiesen: "Er hat diese Tat am Ausländerwohnheim allein begangen." Also ohne einen Mittäter, der zwei Mal von dem in Kasachstan geborenen Mechatroniker ins Gespräch gebracht worden war. Die Strafkammer hielt es für erwiesen, dass der 25-Jährige schwer unter Alkohol stand, als er nachts damit begann, einen Brandsatz in seiner Garage zu bauen.

"Kein Molotowcocktail im juristischen Sinn", wie die Strafkammervorsitzende Roswitha Stöber in die Waagschale warf. Denn ein solcher hätte leicht entflammbare Flüssigkeit wie Benzin enthalten müssen. In der von dem Angeklagten durch ein hell erleuchtetes Fenster geschleuderten Bierflasche habe sich Schnaps befunden - nur schwer entzündbar, wie sich dem Gutachten eines Sachverständigen hatte entnehmen lassen.

Von Vorsatz überzeugt


Die Gerichtsvorsitzende geißelte das verbrecherische Vorgehen: "Er wollte Feuer entfachen", sagte Roswitha Stöber und brandmarkte, dass der Täter zumindest in Kauf nahm, "dass Personen getroffen und verletzt werden könnten". Dass er in Kauf nahm, alle im Haus anwesenden neun Menschen zu töten, wurde verneint. "Davon", so die Richterin, "haben wir uns nicht überzeugen können."

Durch den Inhalt der vor dem Wurf an einer Schaumstoff-Lunte entzündeten Flasche habe sich nicht die Gefahr "eines Feuerballs" ergeben. "Es war kein Molotowcocktail", wurden die vom Schwurgericht gewonnenen Eindrücke beschrieben. Gleichwohl: "Es handelte sich um einen Brandsatz." Roswitha Stöber fragte, "warum man so etwas herstellt?" und fügte hinzu: "Da ist Vorsatz gegeben." Dann kam eine Formulierung, die für Erstaunen bei Beobachtern sorgte. Sie lautete: "Der Angeklagte ging nicht von Lebensgefahr für die Hausbewohner aus." Denn die seien offenbar trotz vorgerückter Stunde wach gewesen. "Es brannte ja im ganzen Gebäude Licht."

14 Flaschen Bier?


Dem Beschuldigten wurden Strafmilderungsgründe attestiert. Zuvorderst der offensichtlich in Unmengen genossene Alkohol. Allerdings mussten sich die Behörden dabei auf die Angaben des 25-Jährigen verlassen. Eine Blutentnahme hatte es, weil man ihn erst zehn Tage später verhaftete, nicht gegeben. Hinzu, so die Vorsitzende, komme eine Verminderung der Steuerungsfähigkeit durch 14 halbe Bier. Der Angeklagte nahm das Urteil gelassen hin. Im Zuhörerraum regte sich Unmut. (Angemerkt)

Es war kein Molotowcocktail.Kammervorsitzende Roswitha Stöber


Angemerkt von Wolfgang Houschka: Schwer erträglichDas Urteil ist nur schwer erträglich. Viereinhalb Jahre für den Brandsatz-Werfer aus Hirschau und die in Aussicht gestellte Option, nach erfolgreicher Alkoholtherapie mit einer Reststrafenaussetzung zur Bewährung rechnen zu können, machen nahezu fassungslos. Der 25-Jährige, selbst als Ausländer nach Deutschland gekommen und hier mit deutschem Pass ebenso bedacht wie mit freundlicher Aufnahme, hat die Behörden durch immer neue Versionen seines verbrecherischen Vorgehens verwirrt. Zum Schluss blieb es dem Schwurgericht vorbehalten, die Wahrheit am Reißbrett der Justiz zu fixieren.

Zur Wahrheit gehört: Da ging einer her und bastelte aus Fremdenfeindlichkeit einen Brandsatz. Das geschah professionell: Schnaps in leere Bierflasche gefüllt, eine Lunte obendrauf und angezündet. Was will jemand, der mit solch hinterlistigen Waffen vor das Ausländerwohnheim tritt und den an der Lunte entzündeten Brandsatz durch ein Fenster wirft? Die Antwort: Er möchte Feuer entfachen und nimmt in Kauf, dass unschuldige und arglose Menschen ihr Leben verlieren. Nichts anderes war das, was sich am 7. Februar um 1.33 Uhr in Hirschau zutrug.

Richtig ist: Es handelte sich im juristischen Sinn um keinen Molotowcocktail, der auf das Bett eines Afrikaners flog. Da hätte wohl Benzin in der Flasche sein müssen. Sicher ist aber auch: Der Vater zweier Kinder aus Kasachstan besaß dieses juristische Wissen nicht. Er baute aus Fremdenhass heraus einen Brandsatz, um Unheil in diesem Gebäude an der Grundstraße anzurichten. Mit Folgen, die bis zum Schlimmsten hätten reichen können. Der Vorfall in Hirschau wäre eine Chance gewesen, ein für allemal die Dinge zumindest hier in unserer Region einzuordnen. Sie ist vertan. Auf eine Weise, für die man sich fast schon schämen muss.
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