Verhandlung am Amtsgericht Amberg
Fatale Wirkung einer Schlaftablette

Symbolbild: dpa

Er trank zwei Bier und nahm eine Schlaftablette. Was dann passierte, beschäftigte später mehrere Sachverständige. Der 34-Jährige setzte sich in sein Auto, fuhr los und rammte 400 Meter von seinem Haus entfernt einen Betonpfeiler. Tat er das im Zustand völliger Unzurechnungsfähigkeit?

Der Angeklagte sagte: "Ich habe die Schlaftablette genommen. Danach weiß ich nichts mehr." Erst auf der Polizeiwache, als Uniformierte um ihn herumstanden, habe sein Erinnerungsvermögen wieder eingesetzt. Schwer zu glauben für Amtsrichter Peter Jung. Später in diesem Prozess hörte er von dem Toxikologen Dr. Bernd Schwarze aus Erlangen, dass zum Tatzeitpunkt zweifellos Schuldunfähigkeit vorgelegen habe.

Die Vorgeschichte wurde detailliert erörtert. Der 34-Jährige hatte aus zwingenden medizinischen Gründen von seinem Hausarzt die Einnahme von Schlaftabletten verordnet bekommen. Das geschah wenige Tage vor dem Unfall, der sich kurz vor Mitternacht an einem Aprilabend ereignete. Der Mann hatte nach eigenen Angaben kurz vor dem Schlafengehen das Medikament genommen. Zuvor trank er Bier. Promillewert: 0,4.

Fahrer wirkte verwirrt


Waren Bier und Tablette vorhersehbar kontraproduktiv? Er habe, so ließ der 34-Jährige anklingen, zuvor seinen Hausarzt nach der Verträglichkeit des Medikaments mit Alkohol gefragt und sinngemäß gehört, dass bei maßvollem Umgang nichts dagegen spräche. Gerne hätte Richter Jung nun den Mediziner als Zeugen gehört. Doch der Angeklagte entband seinen Hausarzt nicht von der Schweigepflicht.

Was weiter in der fraglichen Nacht geschah, erfuhr der Richter von Zeugen. Ein in der Nähe wohnender Jurist war durch das wiederholte Aufheulen eines Motors aus dem Schlaf gerissen worden. Er blickte aus dem Fenster und sah ein Auto, das an einem Betonpfeiler hing. Daraufhin holte er die Polizei. Sie fuhr nach wenigen Minuten vor. Einer der Beamten sagte nun: "Der Mann trug keine Schuhe. Er machte einen verwirrten Eindruck." Daraus ließ sich entnehmen: Der 34-Jährige war, obwohl von der Lebensgefährtin dazu aufgefordert, ins Bett zu kommen, in seinen Wagen gestiegen und losgefahren. 400 Meter weiter war Endstation. Erst an einer Leitplanke, dann am Betonpfeiler.

In ihrem Plädoyer stellte sich Staatsanwältin Franziska Wilhelm auf den Standpunkt, dass der Mann sich fahrlässig in einen Vollrausch versetzt habe. Dafür verlangte sie eine Geldstrafe von 1600 Euro und eine weitere Führerscheinsperre von acht Monaten. "Man kann ihm nichts vorwerfen", konterte Rechtsanwalt Andreas Lösche und forderte Freispruch.

Das Urteil kam einer Überraschung gleich. Richter Jung sprach den 34-Jährigen frei, gab ihm seinen von der Polizei sichergestellten Führerschein zurück und diktierte ins Protokoll, dass für die Zeit dieser Sicherstellung eine Entschädigung zu leisten sei. In seiner Begründung sagte der Vorsitzende, der 34-Jährige habe sich zwar in einen Rauschzustand versetzt, doch davor habe ihn wohl sein Hausarzt nicht gewarnt. Von daher habe er nicht mit den fatalen Folgen rechnen müssen.

Noch nicht rechtskräftig


Zuvor hatte Peter Jung über Internet einen Beipackzettel für die Schlaftabletten ausgedruckt. Darin war zwar nichts über einen möglicherweise eintretenden Zustand völliger Unzurechnungsfähigkeit zu lesen, wie er in dem Prozess zur Debatte stand. Wohl aber wurde von Alkoholgenuss im Einklang mit der Einnahme des Schlafmittels abgeraten.

Die Entscheidung ist nicht rechtskräftig. Für die Staatsanwaltschaft gibt es die Möglichkeit der Berufung.
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