Wenn eine Linde Geschichten erzählen könnte
Der älteste Baum Ambergs

Diesem Standort wohnt ein Zauber inne, der sich nur schwer fotografieren lässt: Die Linde auf dem Schanzhübl, ein kleiner Hügel zwischen THW und Drahthammer Schlößl, ist vermutlich einer der ältesten Bäume Ambergs. Beweis ist das Urkataster von 1853, worin der beeindruckende Zeitzeuge damals schon verzeichnet war. Bild: Hartl

Drei Menschen müssten sich an der Hand nehmen, um ihn umarmen zu können. Knorrig und zerfurcht steht er da und strengt sich heuer einmal mehr an, um den Winter mit aller Kraft abzuschütteln. Der riesige Zeitgenosse wächst auf einem Hügel und ist doch fast versteckt. Die Linde auf dem Schanzhübl hinter dem Drahthammer Schlößl ist vielleicht der älteste Baum Ambergs.

Einfach war die Suche nicht. "Man kann sich nicht an der Dicke eines Stammes orientieren", sagt Bernhard Frank vom Team Grün der Stadt. Er wählte gemeinsam mit Florian Haas, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde, zum gestrigen Tag des Baumes drei Exemplare aus, die deutlich über 100 Jahre alt sind. Das optimale Wuchsverhalten liege natürlich auch am Standort. Eine Bestimmung des Alters der Bäume im Stadtgebiet wäre theoretisch möglich, in der Praxis aber ungeheuer aufwendig und relativ teuer. Deshalb könne das Alter lediglich geschätzt werden. Dabei kommen mehrere grüne Gesellen als älteste infrage.

Ort als Gerichtsstätte


Heißester Anwärter auf den Titel ist die Linde in der Nähe der Drahthammer-Kreuzung mit einem Stammumfang von über vier Metern. Sie steht auf einem Hügel zwischen Technischem Hilfswerk und Drahthammer Schlößl in direkter Nachbarschaft zur Vils und ist von der Straße aus versteckt, aber dennoch zu sehen. Die Stelle nennt sich Schanzhübl. Dieser Hügel hat eine lange Geschichte. Laut einem historischen Aufsatz von 1911 (veröffentlicht in einem Heft mit dem Titel "Oberpfalz") war die Stelle einst als "Befestigungswerk zu sehen, das man absichtlich in abgelegenes Sumpfland gebaut hat, um dem Feinde die Annäherung zu erschweren". Der Autor beschreibt die Stelle als "ganz von Rasen überzogen und von herrlichen Linden beschattet". Darauf sei sogar einst eine Burg gestanden, was Urkunden bescheinigen würden, die den Schanzhübl als Burgstall bezeichnen. Später habe der Ort als Gerichtsstätte gedient.

Dabei bezog sich der Schreiber auf handschriftlich überlieferte Quellen. Unter anderem von Bürgermeister Georg Steinhauser aus dem Jahre 1559, wonach dieser "von seinen Voreltern und anderen ehrbaren Leuten" gehört habe, dass die "Landschranne zur Eichenstaude beim Drahthammer auf dem Burgstall" gehalten worden ist.

Aber zurück zur Linde und in die Gegenwart: Sichtbaren Beweis für die frühe Existenz des momentan kräftig ausschlagenden Baumes entdeckte Bernhard Frank im Urkataster, das um 1853 erstellt wurde. "In diesem historischen Grundstücksverzeichnis ist die Linde schon gut erkennbar. Da sie dort aufgenommen wurde, muss sie zum Zeitpunkt der Kartierung mit Sicherheit schon ziemlich groß gewesen sein", schlussfolgert der Experte. Wer heute an diese Stelle tritt, stellt sich unweigerlich die Frage: Wie viele Geschichten könnte dieser stumme Zeitzeuge erzählen? Vermutlich noch mehr Anekdoten hätte allerdings ein anderer Kollege parat: Prominent platziert ragt der Baumhasel in der Mitte des Landratsamt-Innenhofes in die Höhe. Auch dieser Baum ist bereits im Urkataster aufgenommen worden.

Mit der Kapelle gepflanzt


Ein wenig versteckter, aber weitaus höher, streckt die Winter-Linde ihre Zweige in den Himmel. Sie wurde unterhalb der kleinen Kapelle auf dem Mariahilfberg gepflanzt - vermutlich gemeinsam mit dem Bau des kleinen Gotteshauses. Ihre Geschichte wurde erst vor Kurzem erzählt: Die Winter-Linde ist zum einen Baum des Jahres und war somit Thema im Umweltausschuss, zum anderen meldete sich eine AZ-Leserin und erklärte den Hintergrund der im Stamm befindlichen Marienstatue.
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