Wenn viel zu viel im Leben schief gelaufen ist
Normalität erarbeiten in der JVA Amberg

Momentan stellen Deko-Accessoires aus gegossenem Ton einen Produktionsschwerpunkt in der arbeitstherapeutischen Werkstatt dar. Sie erfordern ein verhältnismäßig ausgeprägtes Teamwork vom Befüllen der Formen bis zum fertig bemalten und glasierten Artikel. Dieses aufeinander abgestimmte Verhalten sollen die Häftlinge unter anderem lernen.
 
Mittel zum Zweck: Die in der arbeitstherapeutischen Werkstatt entstandenen Utensilien treten in den Hintergrund. Die Häftlinge sollen lernen, sich sozial einzufügen und eigene Fertigkeiten auszutesten.
 
Kontrastprogramm: Farbenfrohe Flure für Menschen mit einer dunklen Vergangenheit. Am Anfang der Eingliederungsmaßnahmen in die stationäre Therapieabteilung für Sexual- und Gewaltstraftäter steht die Arbeitstherapie. Im Schnitt bleiben die Häftlinge drei bis dreieinhalb Jahre hier, mit dem Ziel, nach dem Verbüßen einer in der Regel langjährigen Gefängnisstrafe entlassen werden zu können und auf die wiedergewonnene Freiheit vorbereitet zu sein. Bilder: Hartl (5)

Das große und alles beherrschende Problem ist die Zeit. Gegen gefühlte, erlebte Unendlichkeit hilft in der JVA ein fixer Punkt: 6.51 Uhr, die Frühschicht beginnt. Wer es bis hierhin geschafft hat, ist schon weit gekommen.

Er kann, darf arbeiten. Das ist keine Selbstverständlichkeit, und viele fangen ganz unten an. Auch bei sich. In der Amberger JVA ist keiner zufällig gelandet. Er muss mindestens zum zweiten Mal sitzen, und das hat eine Vorgeschichte. Eine kriminelle bis verbrecherische. Jeder weiß, auch das kommt nicht von ungefähr: "Wir haben manchmal Leute hier, die haben noch nie in ihrem ganzen Leben etwas zu Ende geführt, geschweige denn, über längere Zeit einen strukturierten Alltag gelebt."

Das sagt Helmut Stiegler, Leiter der arbeitstherapeutischen Abteilung des Hauses, das durchschnittlich mit rund 550 Gefangenen belegt ist. Gemessen an dieser Zahl sind seine Kapazitäten verschwindend gering. Neun Plätze. Wer es in Stieglers Truppe schaffen möchte, muss zudem erst an dem anstaltsinternen Sozialpädagogen Josef Panzirsch vorbei. Auch das ist sicher kein Zuckerschlecken, obwohl der Mann einen aufgeschlossen-legeren Umgangston mit den Gefangenen pflegt.

Schwere Brocken


Panzirsch wechselt in seinen Berufsjargon: gravierende Defizite im Sozialverhalten, langjährige Entwöhnung von Arbeit, psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen, ausgeprägte Abhängigkeitserkrankung mit entsprechenden Leistungsminderungen. Der Sozialpädagoge beschreibt mit diesen Begriffen, was sein uniformierter Kollege zuvor als im Alltag gescheiterte Existenzen skizziert hatte. Stiegler gehört dem allgemeinen Vollzugsdienst an und musste Zusatzqualifikationen erwerben, um die Leitung des arbeitstherapeutischen JVA-Betriebs übernehmen zu können.

Gemessen an den anderen Werkstätten des Hauses, geht es bei ihm farbenfroh-bunt zu. Momentan dominieren knallige Deko-Stelen für den Garten, liebevoll und filigran bemalte Figuren, Sparbüchsen im Fußballbären-Dress oder Skulpturleuchten für Teelichter. Alles gegossene und glasierte Tonwaren. Auch Holzarbeiten kommen nicht zu kurz, in der Werkstatt entstehen Vogelhäuschen und Insektenhotels, geflammte Sägearbeiten, Krippen.

Das mag alles recht banal und nicht allzu anspruchsvoll klingen. Doch es geht um grundlegende Dinge wie die Gewöhnung an einen festen Tagesrhythmus, Hinführung an regelmäßiges Arbeiten, das Ermitteln individueller Fähig- sowie Fertigkeiten und das Trainieren von Sozialverhalten. Denn das eigentliche Ziel ist, die Gefangenen in ihrer Persönlichkeit so weit zu stabilisieren, dass sie gruppenfähig werden, um nach Möglichkeit in einen der regulären anstaltsinternen Werkstatt- oder Produktionsbetriebe zu wechseln.

Einen deutlichen Schritt weiter denkt eine zweite arbeitstherapeutische Einrichtung des Hauses, und sie ist noch kleiner. Maximal sechs Plätze bietet die auf 32 Gefangene ausgelegte Therapieabteilung für Sexualstraftäter an. "Wir haben keine Arbeitslosen", sagt mit einem gewissen Stolz der Vollzugsbeamte Peter Stock. Zusammen mit seinem Kollegen Manfred Oberndorfer führt er gerade Aufsicht in dem Trakt, und alle Häftlinge sind bei der Arbeit in einem der regulären JVA-Betriebe. Bis auf drei.

Das ganz große Ziel


Sie sind quasi auf Bewährung hier. Die Gefangenen beschäftigen sich aktuell zwar mit ähnlichen handwerklichen bis kunsthandwerklichen Dingen wie die andere arbeitstherapeutische Abteilung und haben sich zudem einen eigenen Zier- und Nutzgarten angelegt. Das mittelfristige Ziel ist jedoch ein anderes. Die endgültige Aufnahme in diese Einrichtung und danach die Haftentlassung. "Alles andere wäre kontraproduktiv", sagt dazu Stock. Deshalb kommen auch aus anderen bayerischen Haftanstalten Gefangene in diese Einrichtung. Sie durchlaufen als eine Art Eingliederung die kleine Arbeitstherapie-Gruppe, dann folgt die Beschäftigung in einem der üblichen internen Betriebe und danach - bei erfolgreicher Therapie - die Entlassung.

Arbeit hat Vorrang


Für Letzteres ist fachlich die Psychologin Dr. Claudia Groß zuständig. Sie überrascht etwas, indem sie erzählt, dass - wie im richtigen Leben - die reguläre Arbeit in einem der JVA-Betriebe weitgehenden Vorrang genießt. Lediglich zwei Nachmittage hat sie für sozialtherapeutische oder individuelle Maßnahmen zur Verfügung. Der Rest konzentriert sich auf die Freizeit. Nicht zuletzt daran lasse sich ablesen, wie ernst es der Gefangene mit dem Therapieangebot eigentlich nehme.

Deko-Accessoires und Eintopf


Alles, was in den beiden arbeitstherapeutischen Abteilungen der JVA entsteht, kann erworben werden. Jederzeit, ein Anruf (09621/79-0) genügt, um einen Termin zu vereinbaren. Diese und die anderen Anstalts-Betriebe treten zudem auf Märkten auf. Am Sonntag, 9. Oktober, bietet die arbeitstherapeutische Werkstatt erstmals auf der Burg Dagestein in Vilseck ihre Deko-Artikel an.

Schon lange geplant ist in Amberg ein "Tag der Arbeitsbetriebe mit Einkaufsmarkt". Er wird am Samstag, 24. September, die Kantine der JVA (neben dem Parkplatz gegenüber der Haftanstalt) von 13 bis 17 Uhr in Beschlag nehmen und ist öffentlich zugänglich. Präsentiert wird die gesamte Bandbreite der anstaltseigenen Betriebe, darunter eine professionelle Schreinerei, Metall- sowie Kfz-Werkstatt und eine Brennholz-Aufbereitung. Auch die kunstgewerblichen Artikel und Produkte sowie Pflanzen aus der Gärtnerei werden angeboten.

Verköstigen wird die JVA die Besucher mit einem Eintopf (auch vegetarisch) aus der Anstaltsküche, dazu gibt es frisches Brot und später Kuchen samt Kaffee aus der eigenen Bäckerei.

Die Kraft der Kreativität


Es liegt nicht nur am Baujahr dieses jüngsten Trakts der gesamten Amberger JVA. Es liegt auch an dessen Zweck. In der stationären Therapieabteilung für Sexual- und Gewaltstraftäter ist es hell und bunt. Die verhältnismäßig vielen Bilder an den Wänden in den Fluren stammen durchweg von Gefangenen oder Ex-Häftlingen. Kunsttherapeutische Ansätze und die Förderung von kreativem Schaffen sollen dazu beitragen, sinnvolle Freizeitbeschäftigungen zu finden, eigene Fertigkeiten zu entdecken und so den Gefangenen wieder ein oft abhanden gekommenes, aber unverzichtbares Selbstwertgefühl zu vermitteln.
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