Zurück ins Leben mit Therapiehund Janosch
Mit Stock und Hund

Andreas Felser marschiert täglich mit seinem Hund Janosch durch das Amberger Eisbergviertel. Für den gehbehinderten jungen Mann ist der Labrador-Mix einerseits sein ganz persönlicher Begleithund. Andererseits fand der 28-Jährige das Talent des Vierbeiners, ihn aus einem emotionalen Tal herauszuholen, so beeindruckend, dass er gemeinsam mit Janosch eine Therapiehund-Ausbildung absolvierte. Mittlerweile kamen noch eine Schul- und Lesehundeausbildung dazu.
   
Ein hübscher und kluger Kerl: Janosch blickt bei einer Gesprächspause während des Interviews mit dem gehbehinderten Andreas Felser in die Kamera. Das Reden über die Vergangenheit hat sein Herrchen aufgewühlt. Indem der Hund die Aufmerksamkeit auf sich zieht, schafft es Janosch, den 28-Jährigen abzulenken. Bilder: Steinbacher (2)

Mit Janosch schafft Andreas Felser alles. Er ist sein Fels in der Brandung, der Lebensanker und Mutmacher. Es ist die Geschichte eines Hundes und seines Herrchens, wie sie nur das Leben schreibt. Und es ist eine Geschichte über eine Freundschaft, die gerade zum richtigen Zeitpunkt entstand.

Janosch weiß, wie er Aufmerksamkeit bekommt. Er braucht sein Herrchen nur sanft in den Finger zwicken, dann wendet sich der ihm sofort zu und streichelt ihn. Der Rüde ist schlau. So kann Andreas Felser gar nicht zu lange über die Vergangenheit nachdenken. Wenn der junge Mann grübelt, merkt Janosch das sofort. Der schokoladenbraune Vierbeiner kneift sein Herrchen dann sanft mit dem Maul in die Hand und sieht ihn mit klugen Augen an. Wäre Janosch nicht in sein Leben getreten, dann wüsste Andreas Felser nicht, wie es mit ihm weitergegangen wäre. Der 28-Jährige ist seit einem Unfall im Jahr 2007 gehbehindert. Spaziergänge meistert er nur unter Schmerzen und mit dem Stock.

Unfall als Soldat


Damals handelte er auf Befehl. Als Soldat der Bundeswehr in der Schweppermannkaserne sollte er die Räder eines Jeeps wechseln. Felser wuchtete den Geländereifen von der Wand. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn. Es war der Anfang einer schier unendlichen Odyssee für den damals 19-Jährigen.

Verhebetrauma nannte sich der Vorfall im medizinischen Fachjargon. Da Gutachter zu dem Schluss kamen, er sei schon vor dem Dienst bei der Bundeswehr krank gewesen und eine Vorbelastung schuld an dem Wirbelsäulenschaden, stritt Felser mit der Rentenkasse vor dem Sozialgericht, mit dem Versorgungsamt wegen der Behinderung und wegen einer Wehrdienstbeschädigung mit der Wehrbereichsverwaltung. Dabei hatte er die zweitbeste Tauglichkeitsstufe bei der Musterung und die Grundausbildung ohne Probleme absolviert. "Vor der Bundeswehr war ich kerngesund", beteuerte Felser 2014 in einem Gespräch mit einer Journalistin der "Zeit", die über seinen Fall berichtete. Er fühlte sich ohnmächtig. Ämterbesuche, Gutachten, Formulare, Behörden-Streit - all das machte ihn müde. Er war sogar soweit, dass er einen sechsseitigen Brief an Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schrieb. Darin schilderte er seinen Unfall im Dienst beim Logistikbataillon 472 in Kümmersbruck. Die Bundeswehr hatte Andreas Felser danach Arbeit im Geschäftszimmer gegeben. Ein Vierjahresvertrag wurde nicht verlängert. 2010 endete seine Dienstzeit. Die Odyssee ging richtig los. Der Kampf gegen die Bürokratie forderte Tribut: "Aufgrund der psychischen und sozialen Belastungen von innen und außen kam es zu einer chronischen Depression", erklärt der 28-Jährige heute. Eigentlich könne er über diese Zeit gar nicht mehr reden, wirft er plötzlich ein und schweigt.

Janosch blickt sein Herrchen prüfend an. Sofort ist der Vierbeiner präsent, so als hätte er jedes Wort verstanden. Er schmiegt sich an den 28-Jährigen, knabbert an seinem Finger, schmeißt sich erst auf das Sofa, richtet sich dann aber gleich wieder auf, als der Fotograf die Kamera zückt. Auffordernd blickt er in das Objektiv. Weil er nicht darüber sprechen kann, schreibt Andreas Felser später in einer E-Mail, dass die Bundeswehr den Antrag auf Wehrdienstbeschädigung abgelehnt habe. Zwar sei eingeräumt worden, dass das Verhebetrauma im Dienst aufgetreten sei, es wurde allerdings als "schicksalhaft" bewertet. Seit Ende 2012 beziehe er Verletztengeld nach dem Soldatenversorgungsgesetz H4 unter Vorbehalt. Ein aktuelles Gutachten vom Januar 2016 des Job-Centers bescheinigt Andreas Felser eine "dauerhaft und schwerwiegende Leistungseinschränkung, welche die Aussichten, am Arbeitsleben teilzuhaben, nicht nur vorübergehend wesentlich mindert". Auch der Berufspsychologische Dienst der Agentur für Arbeit sei laut Andreas Felser zu diesem Ergebnis gekommen. "Das heißt, ich habe keine Chance, auf dem zivilen Arbeitsmarkt aufgrund meiner Erkrankung unterzukommen."

Janosch jetzt ein Lesehund


Aber jetzt kommt Janosch ins Spiel. Gemeinsam mit dem Hund, den er als Welpe über den Verein Therapiehunde Franken vermittelt bekam, absolvierte er eine Ausbildung als Hundeführer. Im Auftrag des Vereins kann er Schulen, Kindergärten, Alten- oder Pflegeheime sowie Einrichtungen für körperlich und geistig behinderte Erwachsene und Kinder besuchen. Bei der Überraschungswoche im Ferienprogramm oder aber bei der Spielplatzrallye gehören Andreas Felser und Janosch zum festen Programm. "Wir sind auch wieder fest in den Sommerferien eingeplant", freut er sich und lächelt. "Ich denk mir, es sind immer die kleinen Dinge, die mir mit Janosch gut tun und sich auch wieder auftun. Auch wenn das nur ehrenamtliche Sachen sind. Es macht mir trotzdem viel Spaß." Andreas Felsers Traum wäre, einen privaten Träger zu finden, der ihn trotz seiner Beschwerden und Behinderungen gemeinsam mit Janosch, dem Therapiehund, einstellt. Sie absolvierten auch die Ausbildung zum Schul- und Lesehund beim Verein. Die Hürden bleiben. Ein Antrag auf Weiterbildung im Bereich der tiergestützten Pädagogik habe die Amtspsychologin aufgrund seiner Erkrankung abgelehnt. "Jetzt stelle ich über den VdK nochmal einen EU-Rentenantrag." Die Bürokratie mit Janosch ist trotzdem leichter. "Trotz der Belastung gebe ich nicht auf und lass mich nicht unterkriegen, auch wenn es sehr an meiner Kraft zerrt."

Hier schreibt Andreas Felser über seine ersten Wochen mit HundAuf den Hund gekommen

Von Andreas Felser

Es ist schon wieder frühmorgens. Der Wecker klingelt. Eigentlich sollte jetzt der Tag wie bei jedem normalen Menschen beginnen, aber leider habe ich die ganze Nacht wieder fast kein Auge zugemacht. Zu viele Gedanken sind wieder einmal in meinem Kopf hin und her gesprungen. Innerlich gerädert und schmerzerfüllt liege ich im Bett und würde am liebsten liegen bleiben. Der Blick wandert Richtung Fenster. Oh nein, nicht schon wieder so düster und grau. Schnell ziehe ich mir die Bettdecke über meinen Kopf ...

Viele Tiefschläge und Erlebnisse der vergangenen Jahre waren dafür verantwortlich, dass ich mich in so einem starken, depressiven Zustand befand und einfach nur noch meine Ruhe haben wollte. Hauptsache den Tag irgendwie überstehen - bis Janosch, ein Labrador-Australian-Shepherd-Mix, in mein Leben kam. Ab jetzt war kein Tag mehr wie der andere. Schnell musste ich Verantwortung für meinen treuen Begleiter übernehmen, beziehungsweise forderte er diese schon sehr bald ein. Gleich am ersten Morgen zeigte er seine Hartnäckigkeit, mich aus dem Bett bekommen zu wollen. Er wollte ja sein Futter und auch eine Runde Gassi gehen. Aber allein schon in sein freudiges Gesicht zu sehen und dann eine nasse Nase im Gesicht zu haben, um zu zeigen "Hey, los geht's", ließen mich schnell meine negativen Gedanken vergessen. Sogar das Aufstehen machte wieder Spaß. Es war ja jemand da, um den man sich kümmern musste.

Allein seine Anwesenheit und seine freudige Art ließen mich schnell meine schlechten Gedanken vergessen. Janosch war der Mittelpunkt in meinen Leben. Er gab mir wieder den Mut und die Kraft, die ich nach dieser langen Odyssee verloren hatte. Mit ihm lohnte es sich, nach vorne zu blicken. Auch verbesserte sich durch die Spaziergänge meine Beweglichkeit und Ausdauer. Ich wurde sicherer in meiner Bewegung und kontaktfreudiger. Es entstanden Freundschaften, die ohne ihn gar nicht möglich gewesen wären, da ich mich nur zurückgezogen hatte. Trotzdem merkte er auch schnell, dass es Grenzen gibt, wenn ich doch zu starke Schmerzen habe. Diese kommen meistens in Schüben. Janosch legte dann seinen Kopf auf mich oder kuschelte sich ran. Mit seiner Nähe zeigte er mir: Es ist alles gut, ich bin für dich da. Das Tolle an ihm ist: Er akzeptierte auch meine Ruhephasen und schlief immer in meiner Nähe.

Meine Ängste vor Ämtern, Behörden oder Arztuntersuchungen nahm er mir, denn er begleitet mich immer und merkt meine Anspannung. Er versucht mich zu beruhigen. Meistens zwickt er mich in meine Hände und versucht, mich so im Jetzt zu behalten, so dass ich nicht in Altes zurückfalle, was mich sehr belastet. So keimte in mir der Gedanke, Janosch zum Therapiehund ausbilden zu lassen. Ich dachte mir, dass er nicht nur mir helfen kann, sondern ich mit ihm auch anderen Menschen Gutes tun kann. Somit habe ich wieder eine Aufgabe, die mich erfüllt. Trotz Handicap wieder zurück ins Leben finden - zusammen mit Janosch kann ich dies bestimmt schaffen.


Die SerieMenschen wie wir

Nach den Reportagen über Sabine Gatti, die gehörlose Verkäuferin (AZ, 6. Februar), die an Depressionen erkrankten Claudia Schlögl (1. April) und Rollstuhlfahrer Jürgen Weiß (23. April) stehen heute, am Tag des Hundes, der gehbehinderte Andreas Felser und sein Therapiehund im Mittelpunkt der Serie. Zusammen mit dem Projekt Wundernetz, das sich Inklusion auf die Fahnen geschrieben hat, reden wir nicht über Menschen mit Behinderungen, sondern mit ihnen. (roa)

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Weitere Informationen im Internet:

www.onetz.de/themen/wundernetz


Wir waren ja wieder bei der Überraschungswoche im Jugendzentrum als Betreuer dabei. Das hat mir wieder sehr viel Spaß gemacht, mit den Kids und Janosch was zu machen.Andreas Felser
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